Homöopathie: Was steckt drin?

Bild: Jens Goetzke pixelio.de

In einem seiner neuesten Blogeinträge auf Astrodicticum Simplex schreibt Florian Freistetter über die „Homöopathen ohne Grenzen“ und ihre Bemühungen, in Entwicklungsländern und auch in Deutschland angesichts der derzeitigen Flüchtlingswelle Menschen homöopathische Behandlungen zu ermöglichen. So edel das auch klingt – Homöopathie ist in der westlichen Welt zurecht umstritten. Und da es hier um definiert verdünnte Wirkstoffe in buchstäblich nicht nachweisbaren Mengen geht, berührt dieses Thema auch die Analytische Chemie.

Samuel Hahnemann, Begründer der Homöopathie, etwa um 1800. Quelle: Public Domain / Wikimedia Commons.
Samuel Hahnemann, Begründer der Homöopathie. Bild: Public Domain / Wikimedia Commons.

Zuerst möchte ich vorwegstellen, dass die Homöopathie ihre Existenzberechtigung hat. Als der deutsche Samuel Hahnemann seine Theorien 1795 veröffentlichte, bestand das Wirken der Schulmedizin noch zu großen Teilen aus dem Aderlass. Aus dem Gesichtspunkt heraus, dass man nicht jedem Kranken erst einmal eine Menge Blut abnehmen sollte, ist die Homöopathie also durchaus eine mildere und oft ähnlich wirksame oder unwirksame Methode. Das namensgebende Grundkonzept der Homöopathie (hómoios: ‚gleich, gleichartig, ähnlich‘ und páthos: ‚Leid, Schmerz, Affekt, Gefühl‘) besteht in dem Verabreichen von Wirkstoffen, die bei Gesunden ähnliche Symptome hervorrufen, wie sie der Kranke hat. Also neben bekannten Heilkräutern unter anderem auch Tollkirsche und Arsen.

Durch das zweite Prinzip der Homöopathie ist es aber nahezu egal, welcher Wirkstoff eigentlich verabreicht wird, denn die Substanz wird stark verdünnt. So stark, dass die Verdünnungen astronomische Skalen annehmen. Das geschieht durch das Konzept des häufigen Verdünnens, das auch in der Analytik angewandt wird. Hat man einen Liter einer Lösung und nimmt aus ihr einen Milliliter, den man dann wieder auf einen Liter mit Wasser auffüllt, hat man die erste Lösung 1.000-fach verdünnt. Wenn man das ein paar Dutzend male macht, befindet sich sehr bald in dem Milliliter kein Molekül der Substanz mehr.

Finde den Wirkstoff: Die "Potenz" D24 entspricht einem Tropfen im Volumen des Atlantiks. Quelle: Public Domain / Wikimedia Commons.
Finde den Wirkstoff: Die „Potenz“ D24 entspricht einem Tropfen im gesamten Atlantik. Bild: Public Domain / Wikimedia Commons.

Bernd Harder hat das sehr anschaulich erklärt: Die Bezeichnung D24 (eine Verdünnung von 1:1024, also ein Teil auf 1.000.000.000.000.000.000.000.000 Teile) entspricht etwa einem Tropfen des Wirkstoffes im Volumen des Atlantischen Ozeans. D60 entspricht einem Tropfen in Milliarden Galaxien. Die Chance, dass man also auch nur ein einziges Wirkstoffteilchen in dem Fläschchen vorfindet, das man aus der Apotheke bekommen hat, ist astronomisch gering. Und selbst ein einziges Teilchen würde dem Körper nicht viel ausmachen. Ein Argument dafür, dass es trotzdem wirken soll, ist das „Gedächtnis“ des Wassers, das jedoch nie reproduzierbar nachgewiesen wurde. Wenn dem so wäre, müssten wir durch unser Trinkwasser alle möglichen Symptome erleiden, da es durch den Wasserkreislauf allen möglichen Substanzen ausgesetzt war. Zusätzlich bestehen die bekannten homöopathischen Globuli aus Milchzucker, und nicht aus Wasser.

Den Effekt solcher Präparate kann man in einem Video der YouTuberin ScienceBabe sehen, die eine ganze Packung homöopathischer Schlaftabletten isst.

Nachgewiesen ist aber der Placebo-Effekt, aus dem Homöopathie aus meiner Sicht ihre heutige Berechtigung zieht. Bei kleineren Gebrechen oder psychosomatischen Leiden ist es sicher von Vorteil, erst einmal ein Medikament zu nehmen, das gar kein Medikament enthält. Ein guter Homöopath wird einen Patienten auch immer zum Arzt schicken wenn der „Tropfen im Atlantik“ nicht hilft.

Was die medizinische Versorgung von Flüchtlingen und Kranken in Entwicklungsländern und überall sonst angeht, finde ich es persönlich aber unverantwortlich, ihnen mit Therapien helfen zu wollen die nachweislich nicht wirksam sind. Und das ist auch das große Risiko; nämlich dass Patienten auf ihre Zuckerperlen schwören und eine wirksame Behandlung verpassen oder verweigern. Und zu guter Letzt verdünnt ja auch niemand seinen morgentlichen Kaffee bis zur Farblosigkeit um noch schneller wach zu werden.

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