#ICanHazPDF – Wie Wissenschaftler Bezahlschranken umgehen

Diesmal geht es nicht speziell um Chemie, sondern darum, was Wissenschaftler sich einfallen lassen wenn sie den Zugang zu Wissen nicht bezahlen können oder wollen. Normalerweise ist es so: Ein Forscher erforscht etwas und mit etwas Glück entdeckt er etwas Interessantes dabei, oder erreicht ein Ziel, das er sich gestellt hat. Das möchte er dann anderen Forschern mitteilen.

In der heutigen Zeit könnte er dieses Ergebnis natürlich einfach ins Internet stellen, zum Beispiel auf eine Plattform wie ResearchGate (quasi das „Facebook für Wissenschaftler“). Weil das aber vor einigen Jahrzehnten noch nicht ging, wurden früher die Ergebnisse als Artikel in Fachzeitschriften eingereicht. Andere Forschungseinrichtungen haben die zu ihren Themengebieten passenden Zeitschriften abonniert und die Wissenschaftler konnten sich dann über die neuesten Entwicklungen informieren. Das hat sich bis heute nicht wesentlich geändert. Natürlich passiert inzwischen alles digital und niemand geht mehr in die Bibliothek um sich die Ausgabe einer Zeitschrift herauszusuchen und den Artikel zu kopieren. Stattdessen lädt man sich einfach den Text als PDF von der Homepage der Zeitschrift herunter. Das geht aber nicht immer, weil die Zeitschriften auch in ihrer Onlineausgabe nicht immer umsonst sind. Normalerweise zahlen die Universitäten sehr viel Geld an die Verlage, um ihren Forschern den Zugang zu solchen PDFs zu ermöglichen. Weil es aber viele Verlage und noch mehr Zeitschriften gibt, kann eine Einrichtung nicht wirklich den Zugang zu jeder Zeitschrift garantieren, die ein Wissenschaftler vielleicht einmal brauchen könnte.

Süße Katzen wollen nicht immer nur Cheeseburger. Bild: memegenerator.net
Süße Katzen wollen nicht immer nur Cheeseburger. Bild: imgur

Deshalb hatte die Forscherin Andrea Kuszewski aus San Francisco vor einiger Zeit die Idee, Twitter zu nutzen: unter dem Hashtag „#ICanHazPDF“ kann ein Forscher den Link zu einem Artikel angeben den er gerne lesen möchte, zusammen mit seiner Email-Adresse. Andere Forscher, die zufällig Zugang zu diesem Text haben, senden ihm dann die PDF an die Adresse. Um keine Spuren zu hinterlassen, wird der betreffende Tweet danach gelöscht. Der Name des Tags basiert auf den lustigen Katzenbildern die unter dem Begriff „I can has cheezburger?“ im Internet berühmt wurden.

Das ist natürlich nicht im Interesse der Verlage, denn man kann sich jeden Artikel auch einzeln kaufen. Die Preise für eine PDF liegen dabei gerne in der Spanne von 10 bis 50 Euro. Wenn jemand also ein Thema recherchiert, würde er sich den Zugang zu einem Text kaufen, ihn lesen und danach entscheiden ob der Artikel für ihn wichtig ist oder ob man sich das Geld hätte sparen können. Das Ganze ist nicht nur teuer, sondern dauert auch eine Weile weil man so etwas vorher besser mit dem Institut abklärt. Kann man den Text nicht bezahlen, geht man natürlich immer das Risiko ein, einen bedeutenden Fachartikel zu seinem Thema nicht zu kennen.

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Für einen Chemiker der sich mit Lithium-Batterien beschäftigt, könnte dieser Artikel interessant sein. Der Zugang zur PDF kostet umgerechnet 51 Euro (ohne Steuern).
Bild: Chemical Communications (Screenshot)

Nun sind Wissenschaftler berufsmäßig Tüftler und sehr geübt und kreativ darin, praktikable Lösungen für Probleme zu finden. Die Bestrebungen der Wissenschaftler, die Paywalls der Zeitschriften zu umgehen, sind inzwischen auch den Medien aufgefallen, so berichtete zum Beispiel der BBC gestern über die halb-dunklen Tauschgeschäfte der Wissenschaftler, was umgehend eine lebhafte Diskussion auf Twitter lostrat. Wie die Gründerin der PDF-Sharing-Webseite sci-hub.org, Alexandra Elbaky, richtig feststellt, handelt es sich beim Kopieren von Information aber nicht um Diebstahl. Beim Kopieren bleibt das Original erhalten, während beim Diebstahl der Eigentümer das Original verliert.

„I don’t think it can be equated very easily to theft. Theft is when you take something and the owner loses possession. But in copyright infringement, you don’t take anything from other people,“ Elbakya says. „Many university researchers need access to these papers because subscriptions are very expensive.“ – Alexandra Elbaky

Der Unterschied zwischen Kopieren und Stehlen wird in diesem schönen Musikvideo besonders anschaulich illustriert. Gerade Wissenschaftler leben davon, Informationen zu kopieren, sie zu ergänzen und zu erweitern und sie anschließend weiterzuverbreiten. Genau das macht Wissenschaft aus!

Das Schuldbewusstsein über die „akademische Piraterie“ ist meiner Erfahrung nach in der Wissenschaft auch besonders gering. Die Forschungsergebnisse werden in der Regel durch öffentliche Gelder bezahlt und die Autoren der Fachartikel bekommen kein Geld für ihre Veröffentlichung! Im Gegenteil – es ist durchaus üblich, dass man sogar Geld für das Veröffentlichen bezahlt; zum Beispiel für farbige Abbildungen. Und selbst die fachliche Prüfung der Artikel wird von Professoren gemacht, die dafür kein Geld bekommen. Sie könnten stattdessen auch die Arbeit machen, für die sie mit Steuergeldern bezahlt werden, also zum Beispiel Studenten unterrichten und forschen.

Natürlich gibt es Alternativen zu den kostenpflichten Zeitschriften, wie zum Beispiel die zunehmende Zahl der Open-Access-Journale. Diese Journale veröffentlichen ganz bewusst Forschungsergebnisse ohne irgendeine Form der Paywall. Dafür sind sie aber nicht prestigeträchtig. Und weil auch sie Geld benötigen, müssen hier die Autoren besonders tief in die Tasche greifen. Besser ist es also, für kein oder wenig Geld in hochrangingen Zeitschriften mit einer Paywall publizieren und lieber die Leser bezahlen zu lassen.

Diese Situation steht natürlich stark im Zusammenhang mit dem Filesharing von Musik und Filmen, gegen das die betreffenden Industrien massiv vorgehen. Den Verlagen ist das natürlich klar. Gleichzeitig sind sie auch vom Wohlwollen der Wissenschaftler abhängig, die kostenlos die Qualität der eingereichten Fachartikel kontrollieren. Der derzeitige Stand ist, dass Filesharing in der Wissenschaft von den Verlagen mehr oder weniger stillschweigend geduldet wird. Gleichzeitig werden neue Zugangsformen entwickelt, wie zum Beispiel das Ausleihen von PDFs, oder das schrittweise Einbinden von Digital Rights Management (DRM) in „erweiterten PDFs“, die nur über Dritt-Software angezeigt werden können. Nature hat zu Beginn dieses Jahres eine ganz besondere Verrenkung angestellt: Leser mit vollem Zugriff können nun eine spezielle URL eines Artikels kopieren und an weniger gut betuchte Wissenschaftler schicken. Diese können dann eine stark eingeschränkte Version des Textes lesen, aber nicht drucken.

Titelbild: Torsten Henning [Public domain] / Wikimedia Commons

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