Forscher erheben schwere Vorwürfe gegen die EU-Einschätzung von Glyphosat

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Glyphosathaltige Unkrautvernichtungsmittel werden auf der gesamten Welt tonnenweise eingesetzt. Bild: Parkywiki [CC BY-SA 4.0] / Wikimedia Commons
Der Kampf um die Deutungshoheit über die Gefahren des Unkrautvernichtungsmittels Glyphosat geht in eine weitere Runde. Nachdem die unabhängige Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) das Herbizid als „wahrscheinlich krebserregend für Menschen“ eingestuft hatte, wiederholte das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) seine eigene Prüfung der Substanz. Das BfR kam wiederholt zum gegenteiligen Ergebnis, Glyphosat seit „wahrscheinlich nicht krebserregend für Menschen“. Da das BfR die offizielle Prüfbehörde der EU und der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) ist, ist diese Einschätzung des BfR vermutlich ausschlaggebend über die Verwendung des Unkrautvernichters in der EU für die nächsten zehn Jahre.
Damit wäre also alles geklärt: Die Weltgesundheitsorganisation (WHO, zu der der IARC zählt) wertet das Herbizid als krebserregend, die zuständigen Behörden der EU hingegen nicht. Einer weiteren Zulassung von Glyphosat in der EU steht damit also nichts im Wege. Allerdings… auch wenn Politik so funktionieren mag, die Wissenschaft tut es nicht!

In die Diskussion um die widersprüchlichen Ergebnisse des IARC und des BfR, bzw. der Efsa haben sich nun 96 internationale Forscher eingeschaltet, die sich in einem offenen Brief an den EU-Gesundheitskommissar Vytenis Andriukaitis wenden. Die Wissenschaftler arbeiten unter anderem auch in deutschen Einrichtungen wie der Berliner Charité, dem Krebsforschungszentrum Heidelberg, dem Leibnitz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie, oder der Senatskommission zur Prüfung gesundheitsschädlicher Arbeitsstoffe der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

Glyphosat
Glyphosat ist ein einfaches Molekül mit klar bestimmbaren Eigenschaften. Das gilt auch für Mischungen des Herbizids.

Die Forscher erklären in ihrem Brief, dass sie die Einschätzung des BfR für „nicht glaubwürdig“ halten, weil  sie nicht von Beweisen gestützt wird und sie nicht in einem offenen und transparenten Prozess erarbeitet wurde. Die Wissenschaftler fordern den EU-Kommisar und die Kommision auf, die „mangelhafte“ Efsa-Untersuchung in der Formulierung der EU-Gesundheits- und Umweltpolitik bezüglich des Herbizides nicht zu berücksichtigen. Zugleich fordert die Expertengruppe, dass der EU-Kommissar und die Kommision eine transparente, offene und glaubwürdige Untersuchung der vorhandenen wissenschaftlichen Studien verlangen.

Die Wissenschaftler kritisieren vor allem vier Punkte an der Ausführung der BfR-Untersuchung:

  1. Das BfR stimmt mit dem IARC darin überein, dass es „begrenzte Hinweise“ für eine krebserzeugende Wirkung gibt, wertet diese dann aber als „nicht hinreichend konsistent“ – ohne es zu begründen.
  2. Das BfR verwendet ungeeignete, sogenannte „historische“ Daten auf eine nicht korrekte Weise und ignoriert dabei OECD-Richtlinien, auf die es selbst in seinem Bericht verweist. Auf diese Weise verwirft das BfR alle in Tierversuchen gefundenen Hinweise auf Krebsbildung als zufällige Ereignisse.
  3. Das BfR ignoriert wichtige Befunde auf Genotoxizität, die in Laborversuchen und an Menschen gefunden wurden.
  4. Das BfR bestätigt, dass Glyphosat oxidativen Stress verursacht, verwirft aber diesen Befund aus Mangel an weiteren Beweisen, weil es alle anderen Beweise vorher verworfen hatte.

Der offene Brief beinhaltet schwere Vorwürfe gegen die wissenschaftliche Praxis der BfR-Studie. Beispielsweise, dass fast alle Literaturangaben aus dem Dokument „zensiert“ wurden. Das BfR misst ausserdem Studien geringeres Gewicht zu, die in Fachzeitschriften mit dem „Peer-Review“-Prinzip veröffentlicht wurden. Dieses Prinzip ist allerdings die Grundlage jeder wissenschaftlichen Forschung, die ein Höchstmaß an Qualität sicherstellen soll. Weiterhin verweist das BfR in seiner Einschätzung auf nicht-öffentliche Studien, die die Ungefährlichkeit von Glyphosat belegen sollen. Da diese Studien aber eben nicht öffentlich sind, kann niemand diese Beurteilung nachvollziehen. Die Einschätzung kann damit weder bestätigt, noch widerlegt werden. Ausserdem ist nicht angegeben, welche Personen im BfR oder für das BfR die Beurteilung angefertigt haben. Damit ist auch nicht klar, welche fachliche Qualifikation die Bearbeiter hatten.

Am 3. und 4. Dezember dieses Jahres tagt der zuständige Ausschuss der EU-Kommission. Thema ist unter anderem auch die Efsa-Empfehlung für Glyphosat.

Titelbild: © Michael Gäbler / Wikimedia Commons

2 Kommentare

  1. Es scheint so, als ob das Bar korrupt ist.
    Die Methode die ich sehe, ist die gleiche, wie die die im 3. Reich durch den Volksgerichtshof angewendet wurde. Dem ganzen Verfahren ein rechtsstaatlichen Mäntelchen umhängen und dann das tun, unter Ausschluss der Öffentlichkeit, was von ihnen verlangt, bzw wofür bezahlt, wird!

    Deutschland = Lobbyland = Mafialand.

    • Hallo Womolix, danke für deinen Kommentar!
      Ich möchte dennoch in bestimmten Punkten widersprechen. Leider weiß man nicht genau wie das BfR seine Einschätzung durchgeführt hat, was ja die Crux an dem Ganzen ist. Daher ist es kein Wunder, dass Spekulationen und Verdächtigungen Tür und Tor geöffnet sind. Oder auf gut Deutsch gesagt: Ja, das Ganze stinkt zum Himmel.

      Den Vergleich mit dem Dritten Reich kann ich aber nicht gelten lassen, weil es hier vermutlich vorrangig um wirtschaftliche Interessen geht und nicht um politische. Dass wir über Jahrzehnte einen „möglicherweise krebserregenden“ Stoff massiv in der Landwirtschaft eingesetzt haben, ist aber natürlich auch eine politische Ebene, die unangenehme Fragen aufwirft. Wenn dann eine Risikobewertung herausfindet, dass „nicht sein kann was nicht sein darf“, ist das für viele Landwirtschafts- und Umweltpolitiker sicherlich sehr bequem. Gleichzeitig wäre es aber auch eine Chance für die Politik anzuerkennen, dass wir inzwischen eben dazu gelernt haben und unser Verhalten entsprechend ändern, wie es auch beim DDT der Fall war.

      Der Vergleich mit dem Dritten Reich ist aber auch deswegen nicht passend, weil es in der aktuellen Debatte eben einen öffentlichen Widerspruch geben kann und es diesen auch gibt. Darüber bin ich sehr dankbar, denn Wissenschaftler neigen viel zu selten dazu sich in öffentlichen Debatten klar zu positionieren.

      Viele Grüße,
      Marco

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