Die Milch macht’s nicht besser. Eine Gegenrede.

Bild: Kim Hansen [CC BY-SA 3.0] / Wikimedia Commons

Letzte Woche veröffentlichte Deutschlandradio Kultur in der Reihe „Mahlzeit“ einen Artikel über Sojamilch, die sich in den letzten Jahren aus den Reformhäusern immer weiter in die Supermärkte vorgekämpft hat. Auch wenn ich den Beitrag als Glosse verstehe, möchte ich den überspitzten Argumenten Udo Pollmers entgegentreten: Wer behauptet, Soja-Drinks seien Kunstprodukte, sollte sich keine falschen Vorstellungen über die Kuhmilch machen.

Roh und ungenießbar

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Kuhmilch wird industriell hergestellt. Nach dem Melken wird sie entrahmt, pasteurisiert, homogenisiert und filtriert. Bild: James.folsom [Public domain] / Wikimedia Commons
Wenn die Ausgangsbasis der Soja-Drinks (die Sojabohne) „wegen ihrer üblen Inhaltsstoffe nie als frisches Gemüse gegessen oder verfüttert“ würde, dann gilt diese Aussage nicht weniger für Kuhmilch. Denn die Milch direkt aus dem Euter des Tieres darf bestenfalls „ab Hof“ verkauft werden – das Risiko, dass sich in der Rohmilch Keime befinden die sich während Transport und Lagerung exponentiell vermehren, ist zu groß. Diese Erreger wie Salmonellen, Campylobacter, Yersinia, Listerien und Escherichia coli können mit Fug und Recht ebenfalls als „üble Inhaltsstoffe“ herhalten, die ein hohes Maß an industrieller Verarbeitung der Milch zwingend notwendig machen. Ähnlich wie die Sojabohne wird auch Kuhmilch in ihrer Verarbeitung erhitzt um die ungenießbaren „Passagiere“ abzutöten. Um die Keime aus der Kuhmilch loszuwerden, wird inzwischen auch verstärkt auf das Verfahren der Mikrofiltration gesetzt, wobei bei in diesem Fall der „Rückstand aus dem Filter“ aus pathogenen Keimen besteht und damit wohl weitaus ungenießbarer ist als das Okara der Soja-Verarbeitung. Übrigens muss Okara nach der Erhitzung nicht unbedingt an Schweine verfüttert werden; im Internet finden sich viele leckere Rezepte für das Protein- und Ballaststoff-reiche Lebensmittel aus der japanischen Küche. Unter den Lebensmitteln die „roh praktisch ungenießbar“ sind, ist die Sojabohne generell in guter Gesellschaft: Alle Hülsenfrüchte sollten vor dem Verzehr erhitzt werden, ebenso wie Pasta, Reis, Kartoffeln, Kohl, die meisten Wurzelgemüse, Fisch oder auch Fleisch. Und, zur Abtötung krankheitsverursachender Erreger, eben auch die Kuhmilch.

Es ist also völlig richtig, dass in Soja-Drinks keine „ganze Bohne“ steckt, genauso wie Pollmer auch anerkennt, dass sich in der Milch ebenso wenig keine „ganze Kuh“ befindet. Und es ist tatsächlich Auslegungssache, was an einem Geschmack „ursprünglich“ sein soll. Aber was genau ist dann an einer „Vollmilch“ eigentlich „voll“?

Glückliche Kühe auf grünen Wiesen?

Es gibt keine exakten Kriterien dafür, wann eine Kuh überhaupt „glücklich“ ist und wann nicht: Zur Produktion von Milch müssen sie in jedem Fall befruchtet werden (in der Regel künstlich), während man ihnen wenige Tage nach der Geburt die jungen Kälber wegnimmt – denn sonst dürfte die Milch aus Hygienegründen nicht verkauft werden. Etwa die Hälfte dieser Kälber ist weiblich und kann ebenfalls Milch produzieren. Die andere Hälfte kann das nicht und wandert nach der Mast in den Schlachthof. Auf den TetraPaks sieht man aber trotzdem eher einzelne Kühe auf grünen Wiesen vor einer romantischen Bergkulisse oder liest etwas von „Landliebe“.

Ein Melkkarussell sieht lustiger aus als es für die Tiere wahrscheinlich ist. Danach geht es aber wieder auf die Weide. Bild: Gunnar Richter [CC BY-SA 3.0] / Wikimedia Commons
Ein Melkkarussell sieht lustiger aus als es für die Tiere wahrscheinlich ist. Danach geht es aber wieder auf die Weide. Bild: Gunnar Richter [CC BY-SA 3.0] / Wikimedia Commons

Auch die Kuh ist, was sie isst

Mit dem Zeigefinger auf die Liste der Inhaltsstoffe von Soja-Drinks zu deuten, ist nur möglich weil die Bestandteile der Kuhmilch nicht angegeben werden müssen. Man kennt das Prinzip von Geschmacksverstärkern, die ebenfalls nicht auf der Packung erscheinen, wenn der Hersteller einfach „Hefeextrakt“ in das Produkt mischt. Und genauso ist Kuhmilch weitaus mehr als nur eine einzelne Substanz – tatsächlich ist sie das Paradebeispiel für ein Stoffgemisch. Sie enthält Wasser (87 %), Fett, Eiweiße, Vitamine und Spurenelemente. Aber dieses Stoffgemisch wird eben im durch Zucht optimierten Körper von Kühen hergestellt und nicht in großen stählernen Rührkesseln. Die Produktion ihrer weißen Emulsion gelingt einer modernen Leistungskuh nur unter Zuhilfenahme von Kraftfutter, das ironischerweise zu großen Teilen auf Soja basiert. Da die Futtermittel der Milchkühe nicht auf den Milchpackungen angegeben werden müssen, kann man problemlos genverändertes Soja verfüttern. Ob die Sojabauern sich die Ernte mit Glyphosat vereinfacht haben oder der Acker vorher ein Regenwald war – das muss ein Milchbauer schon bei seinem Kraftfuttermischwerk erfragen. Die Zutatenliste der Soja-Drinks ist hier ihre Stärke: Genveränderte Zutaten im Drink müssen deklariert werden. Und oft machen sich die Hersteller sogar die Mühe und nennen das Ursprungsland der Sojabohnen.

Buntes Gemisch mit reichlich Zucker

Einen besseren Vergleich von Milch und Soja-Drinks liefert die sogenannte Schulmilch. Nach der gleichen Argumentation, nach der Soja-Drinks zurecht nicht „Milch“ genannt werden, handelt es sich bei der Schulmilch meistens um ein „Milchmischerzeugnis“. Mit einem Zuckeranteil der dem von Limonade entspricht und den zugesetzten Geschmacksstoffen handelt es sich hier ebenso um künstliche „Drinks“, denen in diesem Fall die Molkereien einen gesunden Anstrich verpasst haben. Die Inhaltsliste solcher Mischerzeugnisse steht denen der Soja-Drinks in nichts nach: neben entrahmter Milch und Molkenerzeugnis findet sich Zucker an nächster Stelle und kann auch durchaus höher ausfallen). Erdbeergeschmack durch „Erdbeersaft aus Konzentrat (0,4 %)“ ist löblich, scheint aber nicht auszureichen, da als nächstes „Aroma“ aufgelistet wird. Der Rest (Stärke, Süßungsmittel, Farbstoff, Stabilisator und Vitamine) dient nicht anders als bei den Soja-Drinks dem Zweck, „den Trank dem Vorbild ähnlicher werden zu lassen“ (das Vorbild ist in beiden Fällen „richtige“ Milch). Selbst der Mythos, das Calcium der Milch dem Knochenbau besonders zuträglich wäre, wurde inzwischen widerlegt.

Butterberg am Güllesee

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Gülle ist die Flüssigkeit, die Milchkühe hauptsächlich produzieren. Bild: Moehre1992 [CC BY-SA 3.0 de] / Wikimedia Commons
Aber bleiben wir noch kurz bei den Rückständen: Eine Kuh produziert am Tag etwa 30 Liter Milch. Und in der gleichen Zeit etwa 230 Liter Methan (das als Treibhausgas 21 mal schädlicher ist als CO2), sowie 80 Liter Gülle. Diese Rückstände fallen zusätzlich zu den Emissionen an, die beim Anbau und Transport des Futters entstehen und sind ein wesentlicher Umweltfaktor. Im Vergleich dazu ist die Umweltbilanz der Soja-Drinks unschlagbar, da zur Erzeugung von Kuhmilch etwa so viel Soja verwendet wird wie für Soja-Drinks selbst – nur dass bei den Drinks keine Rückstände von Wiederkäuern entsorgt werden müssen.

Kuhmilch und Soja-Drinks sind also, wie Pollmer richtig beobachtet, sehr verschiedene Produkte, auch wenn die Sojabohne für beide unabdingbar ist. Warum müssen Veganer aber zwanghaft alles Tierische imitieren? Einer der Gründe ist auch der gleiche, aus dem es Kuhmilch mit 0,1 % Fett gibt: Man hat ein ähnliches Geschmackserlebnis, aber nicht die unerwünschten Nebeneffekte. Fettarme Milch mag, genauso wie Soja-Drinks, nicht jedermanns Sache sein. Aber das Gute ist, dass wir im westlichen, wohlhabenden Teil der globalisierten Welt eine fast unbegrenzte Auswahl an Waren haben, aus denen wir wählen können. Und wir haben den Vorteil, dass 85 % der westlichen Bevölkerung einer globalen Minderheit angehören, die Milch auch noch im Erwachsenenalter verdauen kann. Möglich macht das eine genetische Mutation, die 75 % der Weltbevölkerung nicht mit uns teilt.

Wer den Soja-Geschmack nicht mag, kann auch zu Hafer-, Haselnuss-, Mandel-, oder Reis-Drinks greifen, oder sie sich gleich selbst herstellen. Für Liebhaber der Säugetier-Milch ist die Bandbreite an verfügbaren Spezies schon deutlich kleiner. In diesem Sinne, auch von mir Mahlzeit!

Titelbild: Kim Hansen [CC BY-SA 3.0] / Wikimedia Commons

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