Die Sache mit dem Krebsrisiko

Bild: KFN / pixelio.de

Glyphosat ist nicht wegzukriegen: Nachdem das Pestizid in Backwaren nachgewiesen wurde, hat zuletzt das Münchener Umweltinstitut den umstrittenen Stoff medienwirksam nun auch in Bier nachgewiesen. Dabei hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) doch als „wahrscheinlich krebserregend“ eingestuft! Andererseits kam das Bundesinstitut für Risikobewertung zum gegenteiligen Ergebnis. Und die gefundenen Mengen im Bier sind eh verschwindend gering. Gleichzeitig wird berichtet, dass der im Bier enthaltene Alkohol ein deutlich größeres Krebsrisiko mit sich bringt als die Spuren des Pestizids. Und wie war das nochmal mit der krebserregenden Wurst? Warum es so schwer ist, Krebsrisiken anzugeben.

„Krebserregend“ ist etwas anderes als „giftig“

Ein Großteil der Verwirrung um krebserregende Schadstoffe kommt wohl daher, dass sie leicht mit Giften durcheinander gebracht werden; nicht zuletzt weil viele Gifte zusätzlich auch das Krebsrisiko erhöhen. Die Giftigkeit von Stoffen kann man sehr genau feststellen, anders als das Krebspotential. Nehmen wir zum Beispiel das berühmt-berüchtigte Zyankali (eigentlich Kaliumcyanid, KCN). Um im Tierversuch zu bestimmen, wie viel davon tödlich wirkt, nimmt man eine Population von Versuchstieren und füttert sie mit einer bestimmten Menge des Giftes. Sagen wir, der Einfachheit halber, 100 Ratten. Die Giftmenge, an der 50 der 100 Ratten sterben, ist die „letale Dosis“, abgekürzt LD50. Weil Ratten aber natürlich Individuen sind, vertragen manche etwas mehr Gift und andere weniger. Deshalb bezieht sich der LD50-Wert immer auf die „nötige“ Giftmenge pro Kilogramm Körpergewicht. Je mehr Ratten man auf diese Weise „untersucht“, umso genauer ist das Ergebnis. Man weiß inzwischen ziemlich genau, dass die letale Dosis von Kaliumcyanid bei Ratten 5 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht beträgt. Diese Art der Bestimmung hat aber zwei Nachteile: Erstens sterben dafür Unmengen an Ratten (aber auch Mäuse und Kaninchen), und zweitens sagt das nicht unbedingt etwas über die Giftigkeit von Kaliumcyanid für Menschen aus.

Bitteres Gift: Die tödliche Menge Kaliumcyanid ist etwa ein halber Teelöffel voll. Bild: morienus [CC BY-SA 3.0] / Wikimedia Commons
Bitteres Gift: Die tödliche Menge Kaliumcyanid ist etwa ein halber Teelöffel voll. Bild: morienus [CC BY-SA 3.0] / Wikimedia Commons
Da Menschen sich aber seit jeher gegenseitig umbringen, ist auch für unsere Spezies die Zyankalimenge bekannt, die die Hälfte der Opfer nicht überlebt: nämlich 2,9 mg/kg. Das ist etwa die Hälfte von dem, was die Versuchsratten wegstecken können, und zeigt sehr anschaulich, dass Ergebnisse aus Tierversuche nicht unbedingt viel über Menschen aussagen müssen. Gleichzeitig sind 2,9 mg/kg aber kein hoher Wert. Ein erwachsener Mensch müsste schon einen halben Teelöffel davon essen (genauer: 140 Milligramm), um sich lebensbedrohlich zu vergiften. Die Geschichte hat gezeigt, dass das natürlich durchaus möglich ist. Aber als Gift ist Zyankali in der Welt der Toxikologie weit abgeschlagen.

Was heißt „wahrscheinlich krebserregend“?

Anders ist es mit dem Krebsrisiko, denn Krebs ist eine Erkrankung und keine Vergiftung. Krebs entsteht wenn Körperzellen sich unkontrolliert vermehren. Die Ursachen dafür sind vielfältig: Umweltfaktoren, Ernährung, Tabakkonsum, die Familienhistorie, oder auch Viren können dazu führen, dass die Zellteilung außer Kontrolle gerät. Anders als bei einem Gift, das eine genau beschreibbare Wirkung auf den Körper hat, kann man bei krebsauslösenden Schadstoffen nur sagen, dass sie bei einer Person die Krankheit verursachen können, aber nicht müssen.

Manche krebserregende Stoffe finden sich in unserer Nahrung. Ob man am Ende aber an Krebs erkrankt, kann nur geschätzt werden. Bild: Verena N. / pixelio.de
Manche krebserregende Stoffe finden sich in unserer Nahrung. Ob man am Ende aber an Krebs erkrankt, kann nur als Wahrscheinlichkeit angegeben werden. Bild: Verena N. / pixelio.de

Krebs entsteht vor allem durch Einflüsse, die das Erbgut verändern. Diesen Einflüssen sind wir täglich ausgesetzt: Dazu gehören Sonneneinstrahlung, Abgase, oder eben auch bestimmte Stoffe in unserer Nahrung. Gleichzeitig besitzt unser Körper verschiedene Werkzeuge, um die Schäden im Erbgut zu erkennen und wieder zu reparieren, oder auch die entarteten Zellen zu beseitigen, bevor sie Schaden anrichten. Dieser Kampf wird in unseren Körpern in jedem Moment des Lebens ausgetragen. Das Problem ist, dass mit jeder Zellteilung und jedem Umweltfaktor sich die Fehler im Erbgut anhäufen. Ob der Körper deshalb nun an Krebs erkrankt oder nicht, lässt sich nur abschätzen. Laut dem Robert-Koch-Institut ist das Risiko für eine 45-jährige Frau, an Darmkrebs zu erkranken, bei 0,3 %. Krebsauslösende Faktoren erhöhen dieses Risiko – allerdings nur anteilig. Laut der WHO erhöht der tägliche Konsum von verarbeiteten Fleischprodukten das Darmkrebsrisiko um 18 %. Das klingt nach viel, aber für die 45-jährige Frau erhöht der Wurstkonsum das Darmkrebsrisiko ingesamt von 0,3 % auf 0,354 %. Das ist immer noch äußerst gering, aber das Risiko ist eben nicht ausgeschlossen.

Schutz vor dem Krebs: Risikomanagement und Vorsorge

Wenn eine Person an Krebs erkrankt, kann man selten die Ursache feststellen. Man kann und muss aber natürlich zur Kenntnis nehmen, dass der Hauptanteil der Lungenkrebspatienten zu den Rauchern zählt. Und daraus lässt sich rückschließen, dass Rauchen die Wahrscheinlichkeit an Lungenkrebs zu erkranken, stark erhöht. Gleichzeitig gibt es aber immer wieder neue Fälle, in denen selbst unscheinbare Produkte wie Babypuder mit Krebserkrankungen in Verbindung gebracht werden.

Aussagen darüber, wie wenig man ein bestimmtes Produkt konsumieren muss, um nicht an Krebs zu erkranken, können daher nicht gemacht werden. Und selbst der gesündeste Lebenswandel schützt nicht völlig vor dieser Krankheit. Man kann aber in jedem Fall das Risiko minimieren und krebsverursachende Einflüsse meiden, soweit sie bekannt sind. Deswegen sind auch Vorsorgeuntersuchungen so wichtig, denn sie erlauben, Krebs frühzeitig zu erkennen. In Deutschland übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen daher auch die Kosten für die Krebsvorsorge, denn je früher er erkannt wird, desto besser sind auch die Chancen für eine erfolgreiche Behandlung.

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