Bedrohte Bienen: Wenn Pestizide wie Drogen wirken

Bild: Verena N. / pixelio.de

Der Frühling hat begonnen – zumindest laut Kalender. Auch wenn natürlich noch der unbeständige April überstanden werden muss, bevor der Mai wirklich alles neu macht, sind die Tage nun wieder länger als die Nächte, und die Temperaturen steigen langsam. Es dauert also nicht mehr lange, bis die Blumen blühen und die ersten Bienen fleißig herumschwirren. Aber es besteht Grund zur Sorge, denn weltweit geht es den Bienen nicht gut. Ist damit die Landwirtschaft bedroht?

Das mysteriöse Sterben der Bienen

Die Varroa-Milbe befällt Bienen. Bild: CSIRO [CC BY 3.0] / Wikimedia Commons
Klein und gemein: Die Varroa-Milbe befällt Bienen und ernährt sich von ihnen. Durch die Schwächung werden die Honigsammler anfällig gegenüber anderen Parasiten und Viren. Bild: CSIRO [CC BY 3.0] / Wikimedia Commons
Das sogenannte „Colony Collapse Disorder“ (Koloniensterben) der Honigbienen begann vor neun Jahren in den USA, wo teilweise bis zu 80 % der Bienenvölker betroffen sind. Auch in Europa traten Einzelfälle auf, allerdings scheint Deutschland bisher nicht vom Bienensterben betroffen zu sein – im Gegensatz zur Schweiz, wo 2012 die Hälfte aller Bienen starb. Warum Bienenvölker an bestimmten Orten plötzlich sterben und an anderen nicht, ist bis heute nicht geklärt.

Fakt ist: Bienen müssen sich gegen verschiedenste Umwelteinflüsse verteidigen, von denen die Varroa-Milbe den fleißigen Pflanzenbestäubern am meisten zu schaffen macht. Der Milbenbefall ist zwar nicht direkt tödlich, aber die kleinen Spinnentiere können Bienenkolonien derart schwächen, dass die Honigsammler weiteren Milben und Viren ausgeliefert sind und der Staat letztendlich ausgelöscht wird.

Pflanzenschutzmittel: Wie Nikotin für Bienen

Ähnliche Muster: Thiacloprid, ein Neonicotinamid hat in seiner Struktur einige Gemeinsamkeiten mit dem Nikotin. Zur Veranschaulichung sind die ähnlichen Strukturmotive blau markiert.
Ähnliche Muster: Thiacloprid, ein Neonicotinamid hat in seiner Struktur einige Gemeinsamkeiten mit dem Nikotin. Zur Veranschaulichung sind die ähnlichen Strukturmotive blau markiert.
Wie die Varroa-Milbe überhaupt auf den Vormarsch kommen konnte, ist ebenfalls nicht geklärt. Vermutlich ist es eine Kombination von Ursachen, die die Bienenvölker anfällig gegen den Parasiten machen. Eine besondere Rolle wird bei Insektenvernichtungsmitteln vermutet, insbesondere für die sogenannten Neonicotinoide. Sie wirken auf das Verhalten von Bienen wie eine Droge: Bienen steuern bevorzugt Pflanzen an, die mit diesen Giften behandelt wurden. Dabei nehmen sie natürlich verstärkt die Gifte auf.

Die Forscher Geraldine Wright und Sébastian Kessler fanden in einem Versuch sogar heraus, dass Bienen Zuckerlösungen mit den Giften bevorzugen, selbst wenn ihnen zusätzlich eine „unvergiftete“ Zuckerlösung angeboten wird. Die Forscher vermuten, dass diese Insektengifte auf die Bienen wie eine Droge wirken, ähnlich wie Nikotin beim Menschen. Warum das so ist, konnten die Forscher jedoch nicht sagen.

Auch wenn Bienen offenbar mit Neonicotinoiden belastete Nahrung bevorzugen, scheinen die Stoffe nicht direkt giftig für sie zu sein. Anders als bei anderen Bestäubern, wie Hummeln und Wildbienen, scheint der Einsatz von Neonicotinoiden die Vermehrung der Honigbienen nicht zu stören. Allerdings geht der „Konsum“ der Neonicotinoide auch an ihnen nicht spurlos vorbei. Eine Studie aus dem Jahr 2014 wies nach, dass Neonicotinoide den Orientierungssinn und das Lernvermögen von Honigbienen negativ beeinflussen. Nach dem Verzehr der Gifte fanden deutlich weniger Bienen zurück zu ihrem Stock, und das auch nur über Umwege. Diese Studie betrachtete aber nur einzelne Bienen – über die Auswirkungen auf ganze Völker gibt es bislang keine Informationen.

Eine moderne Landwirtschaft ohne Insektizide?

Für die moderne Landwirtschaft sind Insektenschutzmittel unverzichtbar. Sie wirken aber auch auf nützliche Insekten. Bild: M. Großmann / pixelio.de
Für die moderne Landwirtschaft sind Insektenschutzmittel unverzichtbar. Sie beeinflussen aber immer auch die nützlichen Insekten. Bild: M. Großmann / pixelio.de
Es ist ein bisschen die Wahl zwischen Pest oder Cholera. Pestizide gehören eindeutig zu den Errungenschaften der modernen Landwirtschaft, die uns beständig mit Nahrung versorgt. Durch den Anbau von Monokulturen erhalten die Landwirte hohe Ernteerträge; gleichzeitig sind die Felder dann aber auch anfällig gegen bestimmte Schädlinge. Wenn man aber Pflanzen mit Insektiziden behandelt, beeinträchtigt man logischerweise immer auch die nützlichen Sechsbeiner.

Natürlich weisen gerade die Hersteller der Pestizide auf mögliche Ernteausfälle hin, wenn zugunsten der Bienen auf bestimmte Pflanzenschutzmittel verzichtet würde. Und selbst wenn ausgerechnet die Honigbiene von den Neonicotinoiden zwar „high“ wird, aber sie prinzipiell verträgt, gilt das eben nicht für die anderen Bestäuber, die durch die Gifte konkret bedroht sind. Gleichzeitig ist auch der Austausch der Neonicotinoide durch andere Gifte riskant, da die Alternativen einen weitaus größeren Schaden an den Kolonien der Honigsammler anrichten könnten.

Auch wenn es den deutschen Bienen zur Zeit gut zu gehen scheint, bleibt die Lage weltweit angespannt. Die vielfältigen Einflüsse, die offenbar zu dem systematischen Sterben der Bienenvölker führen, sind bis heute nicht vollkommen verstanden. Es bleibt also zu hoffen, dass die Bienen in Deutschland weiterhin von dem mysteriösen Massensterben verschont bleiben und uns auch in den kommenden Jahren durch die warmen Jahreszeiten begleiten.


Danke an Sabine B. für die Frage nach den kleinen Insekten. Was die Bienen angeht, spielt Glyphosat jedenfalls keine nennenswerte Rolle 😉

Titelbild: Verena N. / pixelio.de

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