Glutenfreier Aberglaube: Wie ein Eiweiß zum Sündenbock wird

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Weizen ist uns Menschen seit der Bronzezeit bekannt. Das in dem Getreide enthaltene Gluten sorgt dafür, dass Brot nach dem Backen seine Form behält und ist als „Saitan“ beliebt in der asiatischen Küche. Gluten findet sich in den meisten Getreideerzeugnissen, die seit der Seßhaftwerdung des Menschen vor tausenden Jahren angepflanzt wurden und den Beginn der menschlichen Kultur als solcher begleiteten. Warum haben genau jetzt so viele Menschen Angst davor, dass Gluten ihnen eine  „Weizenwampe“ verpasst, die Innereien „verklebt“ oder davor, plötzlich „dumm wie Brot“ zu werden? Der Versuch einer Aufklärung.

Wer sollte Gluten meiden?

Bild: Richard Jebe [CC-BY-SA-3.0], via Wikimedia Commons
Nicht jeder verträgt jedes Brot. Bild: Richard Jebe [CC-BY-SA-3.0] / Wikimedia Commons
Gluten meiden sollten alle Menschen, die an Zöliakie leiden. Das sind etwa 1 % der deutschen Bevölkerung; wobei von diesem einen Prozent auch nur 10–20 % die volle Erkrankung zeigen. Damit liegt das volle Krankheitsbild der Zöliakie bei 0,1–0,2 % in der Bevölkerung; die restlichen 0,8–0,9 % wissen nichts von ihrer Erkrankung. Gluten-Kritiker argumentieren unter anderem, dass prinzipiell jeder an einer Glutenunverträglichkeit leiden kann. Das ist insofern richtig, als dass es prinzipiell jeden treffen kann. Das Risiko selbst ist aber sehr gering – es ist zum Beispiel 30 mal wahrscheinlicher, in einen Verkehrsunfall verwickelt zu sein, als am Vollbild einer Glutenunverträglichkeit zu leiden. Das ist aber für viele kein Grund, sich vom Straßenverkehr fern zu halten.

Trotzdem bringt der Verzicht auf das Eiweiß aus dem Weizen einen großen gesundheitlichen Vorteil für jeden: man ernährt sich weniger einseitig. Weizen enthält nämlich nicht nur das in Verruf geratene Gluten, sondern auch Stärke, die leicht zugängliche Energie liefert (wie schon an anderer Stelle erwähnt, schmeckt Weißbrot nach längerem Kauen süß, weil der Speichel die Weizenstärke in kleinere Zucker-Moleküle aufspaltet). Wer also glutenhaltige Produkte meidet, meidet automatisch auch Pizza, Pasta und (Weiß-)Brot, also eben alles das was man in großen Mengen essen kann, weil es kaum sättigende Ballaststoffe enthält.

Glutenfrei sündenfrei

Gluten ist nicht automatisch schuld daran, dass Comfort-Food ungesund ist. Bild: R. B. / pixelio.de
Gluten ist nicht automatisch schuld daran, dass Comfort-Food ungesund ist. Bild: R. B. / pixelio.de

Ernährungswissenschaftler raten immer zu einer gesunden und abwechslungsreichen Ernährung. Leider ist das auch aus meiner Sicht keine klare Anweisung, die man gut befolgen kann. Wann ernährt man sich denn bitte abwechslungsreich und gesund genug? Leichter „verdaubar“ sind klare Ansagen, welche Lebensmittel gut sind (und welche demzufolge schlecht). Dass es ausgerechnet Gluten und nicht die Stärke (den anderen Hauptbestandteil von Mehl) getroffen hat, hängt sicher damit zusammen, dass es eben eine echte Gluten-Unverträglichkeit gibt. Die von Gluten-Kritikern beschriebenen Symptome einer möglichen Glutenunverträglichkeit (unter anderem eine gewisse „Sinnesvernebelung“ und Müdigkeit) sind so zahlreich und vage, dass sie alles mögliche als Ursache haben können – zum Beispiel einen Abfall des Blutzuckerspiegels nach dem Essen von Produkten aus Weizenstärke.

Eine Gefährlichkeit von Gluten (für Menschen, die nicht an Zöliakie leiden) ist seit der Bronzezeit bis zum heutigen Tag nicht beobachtet und nicht bewiesen worden. Das Argument, dass es demnach auch nicht widerlegt wurde, kann kein Argument sein, weil es grundsätzlich nicht möglich ist zu beweisen, dass es irgend etwas nicht gibt. Mit dieser Logik hält sich zwar der Glaube an Gott, Engel, Elfen, Einhörner, Außerirdische und Chemtrails am Leben, aber es ist dennoch kein Argument.

Andere Zeiten, andere Böcke: Früher wurden einem Ziegenbock die Sünden des Volkes übertragen und der Bock dann in die Wüste gejagt. Heutzutage überträgt man sie auf bestimmte Lebensmittel. Bild: William Holman Hunt [Public domain] / Wikimedia Commons
Meiner Meinung nach bewirkt der aktuelle Trend zu glutenfreier Ernährung vor allem zwei Dinge: Er muss eine Erlösung für die 0,1–0,2 % der an Zöliakie leidenden Deutschen sein, in der heutigen Zeit einkaufen zu gehen. Alle anderen haben keinen Vorteil davon, sich glutenfrei zu ernähren und keinen Nachteil. Gleichzeitig gibt es viele Menschen die sich durch den Verzicht von Pizza, Nudeln und viel Brot sich weniger einseitig und gesünder ernähren. Es ist sicher kein Wunder, dass sich Menschen tatsächlich besser, gesünder und vitaler fühlen, wenn sie Produkte mit dem Weizeneiweiß meiden; es hat nur in 98–99 % der Fälle nichts mit dem Gluten zu tun. Dieses Prinzip ist übrigens nicht neu – es wird sogar schon im Alten Testament beschrieben: „…und der Bock soll alle ihre Sünden mit sich in die Einöde tragen.“ [3. Mose, 16:22]

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