Doping: Was Sportler zu Höchstleistungen bringt

Bild: Australian Paralympic Committee [CC BY-SA 3.0] / Wikimedia Commons

Nachdem ich gestern morgen in den Nachrichten hörte, dass die russischen Leichtathleten nicht von den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro ausgeschlossen werden, obwohl für Russland ein staatlich organisiertes Dopingprogramm nachgewiesen wurde, hörte sich die Kernbotschaft für mich wie folgt an: Es okay wenn man dopt und alle davon wissen, so lange man sich nicht in flagranti erwischen lässt. Dass russische Sportler nun auch nachweisen müssen, nicht gedopt zu haben, ist meiner Ansicht nach nur ein Feigenblatt. Man kann erstens nicht nachweisen, etwas nicht getan zu haben und zweitens gibt es genau deshalb das Prinzip der Unschuldsvermutung. Die Schuld des russischen Sportsystems ist aber erwiesen, auch wenn die russischen Funktionäre sich verhalten wie ein trotziges kleines Kind das beim Lügen ertappt wurde.

Leistungssteigernde Mittel sind quasi zum Sportgerät geworden. Damit die Zuschauer der kommenden Olympischen Spiele (und natürlich der „analytischen Nachlese“ der Tour de France) einen besseren Überblick darüber haben, welcher Sportler auf welche Weise gewonnen hat, folgt hier ein Überblick über die sogenannten „verbotenen“ Wirkstoffe:

Stimulanzien: Wacher, fitter, agressiver

Ephedrin und AdrenalinZu den verbotenen Leistungssteigerern zählt durchaus schon ein Schnupfenspray: Ephedrin lässt nämlich nicht nur die Nasenschleimhäute abschwellen und erweitert die Bronchien: Es wirkt ähnlich wie das Stresshormon Adrenalin – zwar nicht so stark, dafür aber langanhaltender. Ephedrin kann die sogenannte Blut–Hirn-Schranke überwinden und wirkt damit direkt auf das Nervensystem. Ephedrin wird oft zusammen mit Koffein genommen, und dementsprechend erinnern die Nebenwirkungen auch an eine starke Überdosierung von Kaffee: Dazu gehören Unruhe, Angst, Übelkeit, Schlaflosigkeit, Tremor, Pulsrasen, Schwitzen, Atemschwierigkeiten, Verwirrtheit, Halluzinationen, Delirium, Kopfschmerzen, und auch Krämpfe.

Narkotika: Belastbarer und ruhiger

Valium und MorphiumBraucht man für eine Sportart eine ruhige Hand, wie zum Beispiel beim Golf oder Sportschießen, dann können Beruhigungsmittel (Sedativa) wie beispielsweise Valium die Nervosität im Wettkampf zügeln. Starke körperliche Belastung lässt sich dagegen mit Schmerzmitteln (Analgetika) ertragen, zu denen Opioide und Morphine gehören. Aber auch hier muss man mit Erkältungsmedikamenten aufpassen: Diese enthalten oft Codein, das vom Körper zu einem kleinen Anteil in Morphin umgewandelt wird. Die Nebenwirkungen einer zu großen Menge an Betäubungsmitteln sind wenig überraschend Bewusstseinstrübungen bis hin zur Ohnmacht. Von einer Suchtgefahr ganz abgesehen.

Anabolika: Mehr Muskelmasse

Testosteron und EstronAnabole Steroide helfen dabei, im Training schneller und mehr Muskeln aufzubauen. Sie sind alle von der Struktur des männlichen Sexualhormons Testosteron abgeleitet, das selbst auch zu den Anabolika gehört. Generell beschleunigen Anabolika die Herstellung von Eiweißen im Körper (also auch Muskelfasern) und erhöhen sehr schnell die Leistungsfähigkeit des Körpers und seine Regenerationsfähigkeit. Der Preis: Wenn man seinen Körper mit Sexualhormonen und chemischen Derivaten vollpumpt, macht der plötzlich seltsame Sachen: Ein Überschuss an Testosteron im Körper führt zum Beispiel dazu, dass das männliche Sexualhormon in weibliche Östrogene umgewandelt. Die Folgen sind, dass bei Männern die Hoden schrumpfen und die Brüste wachsen, während sich bei Frauen Glatzen bilden können und die Körperbehaarung zunimmt.

Diuretika: Wenn weniger mehr ist

Acetazolamid und FurosemidIn manchen Sportarten zählt das Körpergewicht, zum Beispiel beim Judo oder beim Reiten. Um das eigene Körpergewicht vor dem Wiegen zu reduzieren, kann man dem Körper durch harntreibende Mittel Wasser entziehen. Gleichzeitig werden die Muskeln besser sichtbar, weil auch aus dem Unterhautfettgewebe Wasser entzogen wird. Nach dem Wiegen kann man durch Anabolika wieder schnell an Kampfgewicht und Muskelmasse zunehmen und hat einen Vorteil gegenüber der Konkurrenz. Ausserdem kann man mit Hilfe von Diuretika andere Dopingmittel aus dem Körper spülen, um schwerer überführt zu werden. Der Nachteil sind allerdings Nierenschäden und Muskelkrämpfe durch den schnellen Verlust von Wasser und Elektrolyten.

EPO: Der Power-Stoff gibt Sauerstoff

Erythropoietin NMR-Struktur, PDB 1BUYDer unumstrittene König unter den Dopingmitteln ist, vor allem im Ausdauersport, das Eiweiß Erythropoetin, kurz: EPO. Dieses Glykoprotein erhöht die Anzahl roter Blutkörperchen im Organismus. Und wenn mehr rote Blutkörperchen zur Verfügung stehen, kann im Körper mehr Sauerstoff transportiert werden. Allerdings steigt durch die erhöhte Anzahl roter Blutkörperchen auch der Blutdruck, und das Blut selbst wird zähflüssiger. Das erhöht die Gefahr eines Herzinfarkts oder Schlaganfalls. EPO und seine Verwandten sind erst seit kurzem nachweisbar, allerdings hält der leistungssteigernde Effekt für viele Tage und manchmal auch Wochen an, während der Wirkstoff selbst nach wenigen Tagen nicht mehr nachweisbar ist. Durch geschicktes Timing der EPO-Spritze kann man also Höchstleistungen erzielen ohne erwischt zu werden.

Der Sportler als Verschleißteil

Weil Doping illegal ist, unterliegen die Substanzen auch keinen gesetzlichen Bestimmungen. Wie bei jedem Missbrauch von Drogen ist auch beim Doping die Gefahr sehr hoch, schwere körperliche und seelische Schäden davonzutragen, bis hin zum Tod. Das ist bei einzelnen Sportlern schon schlimm genug. Aber systematisches, staatlich gestütztes Doping ist auch deshalb brisant, weil hier der Staat die Gesundheit seiner Sportler wissentlich gefährdet um ihre Erfolge als Aushängeschild für den Erfolg der eigenen Nation ausnutzen zu können. Natürlich ist das unverantwortlich und menschenverachtend. Gleichzeitig zeigt die Entscheidung des IOC, diese Praxis ganz offenbar zu dulden, dass Doping mit den Olympischen Werten vereinbar ist. Wer dopt, hat also nicht nur einen Vorteil gegenüber der „sauberen“ Konkurrenz, sondern auch wenig zu verlieren. Abgesehen von seiner Gesundheit, aber was zählt die schon, wenn man nur Vierter wird?

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