Wissen gegen Glauben: Der Streit um die Homöopathie

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Ist Homöopathie nun wirksam oder nicht? Und spielt das überhaupt eine Rolle? Zu diesen Fragen veröffentlichte die FAZ Online zwei Artikel, in denen die wirkstofffreie Heilkunde ausführlich diskutiert wurde: Der Mediziner Karl-Friedrich Sewing kritisiert, dass mit der Homöopathie eine Heilpraktik massiv unterstützt wird, die nicht nachgewiesen wirksam ist. Dagegen argumentiert die Ärztin Cornelia Bajic unter dem Hinweis, dass eben auch nicht nachgewiesen ist, dass die Homöopathie unwirksam wäre. Ja, was denn nun?

Wie Sewing beschreibt, basiert die Grundidee der Homöopathie auf der Annahme, dass Wirkstoffe stärker wirken, wenn man sie verdünnt. Daraus resultieren homöopathische Rezepturen, die schlicht kein einziges Molekül des Wirkstoffs mehr enthalten.

Kein Wirkstoff, kein Schaden?

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Alt und bewährt? Samuel Hahnemann begründete vor über 200 Jahren die Homöopathie. Bild: Ulrich Schmitz / pixelio.de

Bajic dagegen führt den Gesundheitsmonitor 2014 der Bertelsmann Stiftung an, in dem 85 % von 1000 Patienten eine Besserung ihrer Beschwerden angaben. Die Vorsitzende des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte (DZVhÄ) verweist ausserdem auf das Motiv von Homöopathie-Patienten, „dass anderswo keine Besserung erzielt worden war“. Diese Argumente sind auch wissenschaftlicher Sicht schwierig: Die Besserung wurde hier subjektiv von Patienten empfunden, die von ihrer homöopathischen Behandlung wussten.

Nicht umsonst arbeiten klinische Studien immer auch mit Patientengruppen, denen Placebos verabreicht werden, um die tatsächliche Wirksamkeit der eigentlichen Medikamente zu beschreiben. Aber wenn sich Patienten durch Homöopathie besser fühlen, dann ist ihnen doch geholfen, oder? Die Antwort, und die Crux in der Diskussion um pures Wasser und hochreine Zuckerkügelchen, ist ein klares Jein.

Es ist unverständlich, dass einerseits homöopathische Mittel durch die gesetzliche Krankenversicherung erstattet werden dürfen, andererseits immer wieder Berichte zu einer sehr restriktiven Erstattungsbereitschaft notwendiger therapeutischer oder rehabilitierender Maßnahmen in die Öffentlichkeit gelangen. – Karl-Friedrich Sewing

Teurer Zucker

Medizinische Behandlungen sind teuer und werden in einer alternden Gesellschaft immer häufiger notwendig. Die Unterstützung von nicht wirksamen Behandlungen (und die Wirksamkeit der Homöopathie ist eben nicht nachgewiesen) führt dazu, dass das Geld für andere, nachweislich wirksame Behandlungen knapper wird. Nebenbei bemerkt sollten homöopathische Mittel unglaublich billig sein, weil bei der extremen der Verdünnung des Wirkstoffes auch Unmengen an verdünnten Lösungen anfallen müssen.

Gleichzeitig erwecken die Krankenkassen dadurch, dass sie die Kosten für homöopathische Behandlungen übernehmen, den Eindruck, dass die Heilpraktik tatsächlich wirksam wäre. Denn sonst würden sie sich das Geld doch sparen, oder?

[…] nirgendwo wird der Schluss gezogen, dass die Homöopathie generell unwirksam oder gar wissenschaftlich widerlegt sei, wie Kritiker gerne behaupten. – Cornelia Bajic

Bajic kehrt die Beweislast um

Bild: Radierung von W. Johnson und A.K. Johnson, frühes 19. Jahrhundert [CC BY 4.0] / Wikimedia Commons
Zur Zeit der Homöopathie wurde von der Schulmedizin noch die Lehre der vier Temperamente vertreten. Bild: Radierung von W. Johnson und A.K. Johnson, frühes 19. Jahrhundert [CC BY 4.0] / Wikimedia Commons
Die Annahme, dass nur weil die Nicht-Existenz von etwas nicht nachgewiesen ist, es demzufolge existiert, ist in letzter Zeit mein Lieblingsthema. Denn hier bewegt sich die Diskussion in das Gebiet der Gottesbeweise, Engel und Einhörner. Wissenschaft wird von Menschen betrieben und kann daher nie objektiv und allumfassend sein. Umso wichtiger ist es, zwischen Wissen und Nicht-Wissen zu unterscheiden, was die wissenschaftliche Forschung zu einem so komplexen und zeitraubenden Prozess voller Irrtümer und Fehlschläge macht. Übrigens ist das Anerkennen von Irrtümern und das Erkennen von wissenschaftlichen Sackgassen eine der größten Herausforderungen für jeden Forscher und die größte Stärke der Wissenschaft.

In den letzten Jahrhunderten wurde die Vier-Säfte-Lehre überworfen, die Phlogiston-Theorie, und die Menschheit kennt inzwischen 118 Elemente statt vier und funkt auch nicht mehr durch den Äther. Alle diese Theorien haben bis zu einem gewissen Grad die Wirklichkeit erklärt, gelten heute aber als überkommene Irrtümer.

Was bleibt von der Homöopathie?

Auf der Homepage ihrer Praxis schreibt Bajic:

Homöopathie hilft bei allen Krankheiten, die keiner chirurgischen oder intensivmedizinischen Behandlung bedürfen. Ein sorgfältig ausgewähltes homöopathisches Arzneimittel heilt schnell, sanft, sicher, nebenwirkungsfrei und dauerhaft auch schwere, akute und chronische Erkrankungen, wie Migräne, Neurodermitis, Asthma bronchiale, Colitis, Rheumatismus u.v.a., für die sonst nur Linderung, aber keine Heilung möglich ist. Dies gilt auch für akute Krankheiten bakterieller oder viraler Natur. Solange der Organismus zu einer Reaktion auf die Arznei fähig ist, kann ein homöopathisches Mittel heilen.

Diese Aussage greift das Netzwerk Homöopathie in einer Reaktion auf eine Antwort des DZVhÄ auf:

Das ist so irreführend und unethisch gegenüber Patientinnen und Patienten mit den genannten Erkrankungen, dass einem die Worte fehlen, denn genau das ist nirgends jemals belegt worden.

Zur medizinischen Behandlungen gehören nicht nur geschulte Ärzte, sondern auch informierte Patienten. Im Alltag begegne ich immer wieder Menschen, denen nicht klar zu sein scheint, was Homöopathie ist, worauf sie basiert – und denen es oft auch egal ist, solange ihre Leiden davon weggehen. Das ist berechtigt.

Ich möchte nicht in Abrede stellen, dass durch Homöopathie Beschwerden gelindert werden können, und dass jeder seriöse Homöopath seine Klienten zu einem Arzt schickt wenn die Behandlung nicht anschlägt. Was nicht überrascht, da die Mittel eben keinerlei Wirkstoff enthalten.

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  1. Homöopathische Lügner? „Yes, that’s a correct term for people who use untruths …“ @ gwup | die skeptiker

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