Deutschlands stiller Umweltskandal

Bild: Sabine Weiße / pixelio.de

Die FAZ berichtete in den vergangenen Tagen über den flächenmäßig größten Umweltskandal Deutschlands, der sich seit drei Jahren in Mittelbaden ereignet. Offenbar wurde in der Region kostenloser Kompost verteilt, der mit polyfluorierten Kohlenwasserstoffen (PFCs) verseucht war. Die Chemikalien belasten den Boden und sind inzwischen auch im Trinkwasser angekommen. Die Behörden sitzen die Krise aus und wollen frühestens 2021 reagieren. Eine Zusammenfassung.

Wie konnte das passieren?

Die Papierindustrie ist seit jeher alles andere als umweltfreundlich. Bild: —Estormiz  [Public domain] / Wikimedia Commons
Die Papierindustrie ist seit jeher alles andere als umweltfreundlich. Bild: —Estormiz [Public domain] / Wikimedia Commons
Die Ursache der Verseuchung ist bisher nicht eindeutig geklärt. Auffällig ist jedoch, dass der Komposthändler Franz Vogel in den 2000er Jahren kommerziellen Papierschlamm kompostierte, den er nicht auf PFCs untersuchen liess – was zu der Zeit auch nicht vorgeschrieben war. Vogel nahm das Angebot an, „weil er den Papierschlamm für eine saubere und nützliche Sache hielt“. Diese Einschätzung kann man bestenfalls nur als naiv bewerten, wenn man weiss dass gerade in der Papierindustrie viele Chemikalien eingesetzt werden müssen und gerade dieser Industriezweig für Umweltprobleme berüchtigt ist. Vogel bestreitet jedoch, der Verursacher der Verseuchung zu sein und verweist auf das hohe Ausmaß der Belastung, das durch den verteilten Kompost nicht zu erklären sei, sowie die Tatsache, dass er auch Felder beliefert hatte, die unbelastet sind. Warum der Geschäftsmann seinen Kompost einfach verschenkte?  Ironischerweise „zur allgemeinen Bodenverbesserung“ und weil die Papierfirmen ihn bereits bezahlt hätten.

Sind die Chemikalien gefährlich?

Afrikanische Krokodile geben Auskunft über Umweltbelastungen. Bild: Herbert Walter Krick / pixelio.de
Bestens im Bild: Afrikanische Krokodile geben Auskunft über Umweltbelastungen. Bild: Herbert Walter Krick / pixelio.de

Über die möglichen Gefahren von PFCs ist leider nur sehr wenig bekannt. Es gibt nicht gesicherte Hinweise aus Tierversuchen darauf, dass sie Krebs auslösen können. Das Umweltbundesamt weist aber darauf hin, dass die Übertragbarkeit dieser Befunde auf den Menschen umstritten ist. Die beiden wichtigsten Vertreter der PFCs, PFOS (Perfluor-Oktansulfonat) und PFOA (Perfluor-Oktansäure) sind nicht erbgutverändernd.

Was man weiß ist, dass sich die äusserst stabilen PFCs seit ihrer Erfindung vor gut 50 Jahren über die Nahrungsketten in Lebewesen anreichern, bis hin in die Arktis und Antarktis. Eine kürzlich durchgeführte Studie in Afrika verwendete Krokodile als Indikatoren um besonders belastete Orte ausfindig zu machen.

Woher kommen die Chemikalien?

PFCs sind aus dem Alltag nicht wegzudenken. Der bekannteste Vertreter ist Polytetrafluorethylen, auch bekannt als Teflon. Aber weitaus wichtiger sind PFCs für die Textilindustrie zur Herstellung von wasserabweisender und atmungsaktiver Schutzkleidung. Aber auch Feuerlöschschaum enthält PFCs, die logischerweise bei Löscharbeiten in die Umwelt gelangen. Und eben auch die Papierindustrie verwendet PFCs zur Herstellung von schmutz- und wasserabweisendem Papier.

Wie geht es weiter?

Bild: Geof [CC-BY-SA-3.0] / Wikimedia Commons
Erst nach Karlsruhe, dann nach Frankfurt: Der Verlauf des Rheingrabens könnte Rastatt von seinem verseuchten Grundwasser befreien. Bild: Geof [CC-BY-SA-3.0] / Wikimedia Commons
Während die PFCs sich über das Grundwasser verbreiten, warten die zuständigen Behörden offenbar erst einmal ab und beobachten die Lage über einen Zeitraum von 5 Jahren, wie die Bewertungskommission der Stadt Baden-Baden und des Landratsamtes Rastatt im Juni 2016 entschied. Während die Kommission mitteilte, „dass keine akute Gefährdung der Wasserversorgung und der Wasserqualität in der Region besteht“, widersprechen die Versorger, die natürlich eigene Untersuchungen des Trinkwassers vorgenommen haben. Und obwohl diese Untersuchung dem Baden-Badener Rathaus im Mai 2016 vorgestellt wurde, ist die Nachricht über die Gefährdung des Trinkwassers scheinbar nicht bis zum Bürgermeister durchgedrungen.

Das Umweltministerium des Landes selbst gibt an, dass „aufgrund der komplexen Belastungssituation und der außergewöhnlich großen betroffenen Fläche leider keine geeigneten Sofortmaßnahmen zur Verfügung stehen“. Oder kurz gesagt: Die Belastung ist derart groß, dass man nichts machen kann. Laut des Plans der Bewertungskommission wird vor 2021 jedenfalls nichts passieren. Unter der betroffenen Region befindet sich einer der größten unterirdischen Flüsse Europas. Vielleicht ist das belastete Grundwasser bis dahin weiter nach Norden gezogen und das Problem von jemand anderem.

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