Vanillepudding ist nicht mutagen

Bild: gänseblümchen / pixelio.de

Der Mythos, dass künstlich hergestelltes Vanille-Aroma „mutagen, krebserregend, DNS-Schäden verursachend und Chromosomen verändernd“ wäre, hält sich hartnäckig seit den 1980er Jahren und hat es 2015 sogar in das Lehrbuch Technische Biochemie  von Oliver Kayser und Nils Averesch geschafft. Ist Vanillepudding also tatsächlich ein Mutagen der höchsten Gefährdungsstufe? Professor Klaus Roth ist einem Artikel in der Chemie in unserer Zeit dieser Frage auf die Spur gegangen und bemerkte neben unrealistischen Tests und veralteten Ergebnissen, dass auch Wissenschaftler nicht vor dem Phänomen des Kinderspiels „Stille Post“ gefeit sind.

Vanillin ist eine Substanz – und nicht zwei

Vanillin
Vanillin ist 4-Hydroxy-3-methoxy-benzaldehyd ist Vanillin.

Das Aroma der Vanilleschote ist mit Abstand das Paradebeispiel dafür, dass die Chemie – wie jede Naturwissenschaft – sich mit nichts anderem als der Natur befasst. Um den weltweiten Bedarf des leckeren Geschmacksstoffes zu decken, würde der Vanille-Anbau auf der Welt bei weitem nicht ausreichen. Weil Vanillin aber eine recht einfache Chemikalie ist, nämlich 4-Hydroxy-3-methoxy-benzaldehyd, kann man es auch künstlich herstellen. Beide Substanzen, sowohl die aus der Schote als auch die aus dem Labor oder dem Bioreaktor, sind ein und die selbe: nämlich Vanillin. Umso erstaunlicher ist es, dass der Geschmacksstoff genau dann schädlich sein soll, wenn er aus einer Fabrik statt aus einer Plantage kommt – immerhin weiss die Substanz das ja nicht.

„Stille Post“ mit Quacksalbern

Gleich zu Beginn seiner Suche landet Professor Roth auf der berüchtigten Website Zentrum der Gesundheit der Neosmart Consulting AG, die unter anderem Homöopathie zur Behandlung der Alzheimerschen Krankheit empfiehlt – unter anderem mit „Nux Vomica“, den strychnin-haltigen Samen der Brechnuss. Wie die versprochene Linderung genau aussehen soll und auf welche Weise sie hervorgerufen wird, wird nicht erwähnt. Wissenschaftlich nicht haltbare Aussagen, unbekannte Autoren und dünne Literaturangaben machen diese Website jedenfalls nicht zu einer seriösen Quelle. Prof. Roth fasst sehr gut zusammen:

Die Hamburger Verbraucherzentrale bewertet dieses Portal mit “mangelhaft” [6], da die gegebenen Ernährungsratschläge nicht objektiv sind und die Firma keinerlei Auskünfte über ihre Finanzbasis gibt. Dazu passen abstruse Therapievorschläge jenseits jeglicher Seriosität, Tiefpunkt ist die empfohlene Therapie bei fortgeschrittenem Prostatakrebs mit Backpulver [7].

Bild: Screenshot "Zentrum der Gesundheit", aufgenommen am 11.09.2016. Autor unbekannt.
Durch völlig unbewiesene Informationen über angebliche Krebsheilungen können Menschen zu Tode kommen. Screenshot: „Zentrum der Gesundheit“, aufgenommen am 11.09.2016, Autor unbekannt.

Unter solchen irrwitzigen und potenziell lebensgefährdenden „Ratschlägen“ findet sich auch der Hinweis darauf, dass synthetisches Vanillin ein „starkes Nervengift“ wäre (was folglich auch für natürliches Vanillin gelten müsste, ohne jede Angabe zu einer toxikologischen Studie), zusammen mit der Aussage, die es am Ende in das Lehrbuch Technische Biochemie geschafft hat.

Künstlich hergestelltes Vanillin gilt laut des „Beratergremiums für umweltrelevante Altstoffe“ (BUA) der Gesellschaft Deutscher Chemiker mit der höchsten Gefährdungsstufe +3 als
• krebserzeugend
• mutagen
• DNS-Schäden verursachend
• Chromosomen verändernd

In normalen Mengen harmlos

Ein Blick auf die Quelle, also auf das BUA zeigt, dass die höchste Gefährdungsstufe +3 bereits dann gilt, wenn eine Substanz auch nur eine einzige oben genannten Eigenschaften hat, also wenn sie entweder krebserzeugend, oder mutagen, oder DNS-schädigend, oder Chromosomen-verändernd ist. Prof. Roth macht geltend, dass diese Einstufung der Tatsache geschuldet war, dass von allen durchgeführten Untersuchungen über die Krebserzeugung und Genotoxizität nur zwei positiv ausfielen und zwar unter unrealistisch hohen Konzentrationen. Kontrollexperimente an lebenden Zellen widerum zeigten keine Gefährdung durch Vanillin. Aber allein dadurch, dass Hinweise auf eine erbgutveränderende Wirkung des Vanillins existierten, musste das BUA automatisch die Gefährdungsstufe +3 an den Aromastoff vergeben.

Nach dieser Vorsortierung von ingesamt 512 Altstoffen, unter denen auch das Vanillin vertreten war, listete das BUA daraus 60 der gefährlichsten Stoffe: Vanillin war aber keines davon. Auch die aktuelle Einstufung der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) sieht für Vanillin „Keine Sicherheitsbedenken“. Wäre etwas anderes der Fall, wäre der Aromastoff auch schon seit Jahrzehnten zumindest irgendwo in der Welt verboten worden – egal ob er aus Pflanzen gewonnen oder künstlich hergestellt wurde. Es gilt also am Ende der uralte Lehrsatz von Paracelsus:

Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift. Allein die Dosis macht, daß ein Ding kein Gift ist.

Wir können daher unseren Vanillepudding weiter unbeschwert genießen.


Vielen Dank an Phillip für den Hinweis und an Prof. Klaus Roth für seine sehr unterhaltsam geschriebene Detektivarbeit!

3 Kommentare

    • Vielen Dank! Die eigentliche Arbeit geht aber an Klaus Roth. Ich möchte auch gar nicht Verschwörungstheoretiker erreichen, sondern das Ansehen der Chemie im öffentlichen Diskurs verbessern. Etwa 1 % des weltweit verwendeten Vanillearomas stammt aus Vanilleschoten – ohne technische Methoden wäre die Nachfrage nicht einmal ansatzweise zu decken.

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