Empfängnisverhütung wird Männersache

Bild: Bryan Brenneman [CC BY 2.0] / Wikimedia Commons

Seit 65 Jahren hat die Antibabypille unsere Gesellschaft entscheidend geprägt. Frauen können selbstverständlich entscheiden ob und wann sie Kinder bekommen, und diese Freiheit hat nicht zuletzt in der sexuellen Revolution der 68er eine entscheidende Rolle gespielt. Die gesellschaftliche Veränderung, die damals angestoßen wurde, ist bis heute spürbar in einem Deutschland der durchschnittlich 1,4 Kinder pro Familie, das sich wahlweise seit Jahrzehnten auf einen „baldigen Fachkräftemangel“ einstellt, um die Sicherheit der Renten kämpft oder Angst davor hat, seine Identität als Volk zu verlieren wenn die Einwohnerzahl durch die aufgenommenen Flüchtlinge um 1,2 Prozent steigt*.

Der Tag, als die Pille in die Deutsche Demokratische Republik kam […], ist für Frauen genauso ein Freudentag gewesen wie für die Frauen in Frankreich, Norwegen und Ungarn. Ein Ereignis vergleichbar der Französischen Revolution. Freiheit. Das Freisein von der monatlichen Angst. Gleichheit. Ebenbürtig dem Manne kann die Frau über den Fortbestand der Art entscheiden. Brüderlichkeit. Im Vorfeld der möglichen Schwangerschaft überlegen die Partner schwesterlich, wann sie einen dritten oder vierten Menschen in ihrer Mitte wünschen.

(Irene Böhme: „Frei von dieser Angst. Über die Liebe in der DDR.“ In: Gisela Staupe, Lisa Vieht: „Die Pille. Von der Lust und von der Liebe.“ Berlin 1996)

Inzwischen gibt es über ein Dutzend verschiedener Verhütungsmethoden, von denen allerdings nur zwei den Mann betreffen: Kondome und Sterilisation. Durch dieses Ungleichgewicht sehen viele die Empfängnisverhütung als „Frauensache“ an, zumal es in der Regel auch nicht die Männer sind, die schwanger werden. Die Wissenschaft arbeitet seit vielen Jahren unter Hochdruck daran, das endlich zu ändern und viele Männer warten ungeduldig auf die Ergebnisse. Die ersten dieser neuen Verhütungsmethoden für Männer werden bereits getestet und kommen in den nächsten Jahren auf den Markt.

Vasalgel: Polymer im Samenleiter

Ein halbdurchlässiges Gel hält die Spermien zurück. Bild: Parsemus Foundation.
Dieses halbdurchlässige Gel hält die Spermien zurück. Bild: Parsemus Foundation.

Die „erste offiziell anerkannte Verhütungsmethode für den Mann seit der Erfindung des Kondoms“ wird vermutlich zwischen 2018 und 2020 erhältlich sein und heisst Vasalgel. Es handelt sich dabei um ein Gel, der unter einer lokalen Betäubung in die Samenleiter injiziert wird. Dieser Kunststoff ist halb-durchlässig und hält nur die Spermien auf, die vom Körper wieder absorbiert werden. Alle Flüssigkeiten werden wie gewohnt weiter transportiert, so dass es keinen „Rückstau“ gibt. Der Clou: Möchte man(n) wieder fruchtbar werden, wird das Gel durch eine zweite Injektion wieder aufgelöst und der Weg frei gemacht.

Diese Methode kommt nicht nur ohne Hormone aus, sondern bietet auch den Vorteil, dass sie ähnlich wie eine Sterilisation langanhaltend wirkt, aber jederzeit wieder rückgängig gemacht werden kann.

Gendarussa: die pflanzliche Alternative

Bild: Vinayaraj [CC BY-SA 3.0] / Wikimedia Commons
Schon der Tee aus diesen Blättern ist ein Verhütungsmittel für Männer. Bild: Vinayaraj [CC BY-SA 3.0] / Wikimedia Commons
Die Pflanze Justicia gendarussa enthält einen Stoff, der Spermien daran hindert in Eizellen einzudringen. Vor 30 Jahren entdeckten Forscher, dass ein kleiner Eingeborenenstamm in Indonesien diese Pflanze erfolgreich zur Empfängnisverhütung benutzt. Sie kochen die Blätter in Wasser und trinken es, etwa eine halbe Stunde vor dem Geschlechtsverkehr. Für die Männer dieses Stammes ist die Pflanze ein Geschenk: In ihrer Kultur ist es Männern verboten ihre Ehefrauen zu schwängern bevor die Mitgift bezahlt wurde.

Die Forscher machten sich an die Arbeit. Inzwischen wurde aus dem Wirkstoff der Pflanze (mit dem vielsagenden Namen „Gendarusin“) ein Medikament entwickelt, das bereits bei der indonesischen Arzneimittelbehörde angemeldet wurde. Derzeit wird sie für die Massenproduktion entwickelt und Pharma-Unternehmen aus China und den USA haben bereits großes Interesse an dem Wirkstoff geäußert.

Bis die Pille jedoch hierzulande zugelassen wird, dürfte noch einige Zeit vergehen. Für eine Zulassung in den USA müssen die meisten der langwierigen Tests wohl vor Ort wiederholt werden und in der EU dürfte es ähnlich sein.

Anti-Eppin: Die Nichtschwimmer

Während der männlichen Ejakulation werden die Spermien biochemisch „geladen und entsichert“: An ihrer Oberfläche befindet sich ein Eiweiß namens Eppin, an das während der Ejakulation ein anderes Eiweiß, Semenogelin, bindet. So lange das Semenogelin an der Eppin-Oberfläche der Samenzellen gebunden ist, können diese sich nicht bewegen. Erst ein drittes Eiweiß, das sogenannte „Prostataspezifische Antigen“ (PSA), löst diese Blockierung auf und die kleinen Freunde machen sich auf die Suche nach der Eizelle.

Anti-Eppin-Wirkstoffe verhindern das, indem sie dauerhaft an das Eppin auf der Spermienoberfläche binden. Selbst PSA kann diese Bindung nicht lösen und die Spermien bleiben weiter schwimmunfähig. Zur Zeit werden mehrere Anti-Eppin-Wirkstoffe gestestet und auf ihre Unbedenklichkeit hin untersucht.

Clean Sheets: Saubere Bettlaken

Eine britische Erfindung ist eine Pille, die die längs-wirkenden Muskeln im Samenleiter-Bereich entspannt, während die zirkularen Muskeln funktionsfähig bleiben. Gleichzeitig werden auch weitere Drüsenfunktionen beeinträchtigt und es erfolgt ein Orgasmus wie gewohnt – nur ohne Ejakulation. Diese Pille wird wenige Stunden vor dem Geschlechtsverkehr eingenommen und wirkt für 16 bis 24 Stunden.

Leider ist diese Methode noch in einer sehr frühen Phase der Entwicklung; die Forscher sammeln zur Zeit Geld um ihr Medikament im Tierversuch untersuchen zu können.

Hormonfreie Familienplanung

Alle diese Methoden haben den ungeheuren Vorteil, dass sie völlig ohne Hormone auskommen. Man(n) erfährt also keine Stimmungsschwankungen oder körperliche Veränderungen, abgesehen von der gewollten zeitlich begrenzten Unfruchtbarkeit. Dadurch sind auch Frauen weniger unter Druck, sich selbst diesen Nebenwirkungen auszusetzen. Natürlich bleibt abzuwarten wann die ersten dieser neuen Verhütungsmittel tatsächlich auf den Markt kommen und welche Auswirkungen sie letztendlich auf unsere Gesellschaft haben werden. Ich sehe darin aber einen großen und wichtigen Schritt in der sexuellen Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern.

Wie seht ihr das eigentlich? Würdet ihr Frauen von eurem Partner erwarten, dass auch er „die Pille“ nimmt? Und welche Methode würdet ihr als Männer bevorzugen?


* Ausgehend von ca. 82 Millionen Einwohnern (Stand 31.12.2015) und einem angenommenen „Flüchtlingszustrom“ von einer Million Menschen erhöht sich die Einwohnerzahl in Deutschland auf 83 Millionen. Das entspricht einem Zuwachs von 1,2 Prozent (bzw. 12 Promille).

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