Bessere Mütter durch Medikamente

Bild: Alexandra H. / pixelio.de

Viele haben es sicher schon gemerkt: Die Erkältungssaison hat begonnen und damit auch die Verkaufsoffensive für Erkältungsmedikamente. Im Unterschied zur echten Grippe (die weitaus gefährlicher ist als eine einfache Erkältung) gibt es gegen die grippalen Infekte leider keine Impfung oder sichere Maßnahmen zur Vorbeugung; wenn man erkältet ist, ist man erkältet. Die einzige Möglichkeit zur Genesung ist, dem Körper Ruhe zu gönnen, ausreichend zu trinken und sich warm zu halten. Mit etwas Glück ist dann die Erkältung nach sieben Tagen überstanden.

Alle Medikamente die bei Erkältungen angewandt werden, bekämpfen nicht die Krankheit selbst, sondern lindern nur die Symptome. Eine Nacht ohne Kopfschmerzen oder ein paar Stunden am Tag ohne verstopfte Nase sind natürlich trotzdem eine echte Wohltat und helfen auch, sich besser zu erholen. Die Gefahr besteht aber, dass eine erkältete Person die Krankheit einfach mit Medikamenten unterdrückt und sich nicht die Zeit und Ruhe nimmt, sich tatsächlich zu kurieren.

…für einen aktiven Tag!

Laut diesem TV-Werbespot brauchen offenbar Mütter diese Ruhepause nicht, denn: „Mütter nehmen sich nicht frei. Mütter nehmen Wick Day Med“.

Wick Day Med ist ein Kombinationspräparat, das mehrere Symptome von Erkältungen bekämpft: Paracetamol lindert Kopfschmerzen, Phenylpropanolamin-Hydrochlorid ist ein Amphetamin das die Nasenschleimhäute abschwellen lässt und das Herz-Kreislaufsystem anregt, während Dextromethorphan als entfernter Verwandter der Opiode den Hustenreiz blockiert. Mit dieser Kombination aus Wirkstoffen sollte man tatsächlich trotz einer Erkältung gut durch den Tag kommen – beispielsweise wenn man etwas dringendes zu erledigen hat und dem Körper nicht die Ruhepause gönnen kann, die er zur Genesung braucht.

Mütter nehmen sich nicht frei. Warum eigentlich?

Die Frau in dem Spot ist erkältet und bittet ihre Tochter um Verständnis dafür, dass sie keine Zeit für sie hat. Die enttäuschten Kinderaugen der kleinen Zauberelfe werden mit dem Slogan untermalt: „Mütter nehmen sich nicht frei. Mütter nehmen Wick Day Med.“ Diese zwei Sätze sind allerdings auf mehreren Ebenen nicht nur problematisch, sondern familienverachtend.

Offenbar ist die erkältete Frau von Beruf „Mutter“ – jedenfalls wird nicht thematisiert ob sie sich wegen der Krankheit von ihrer Arbeit frei genommen hat. Aber darum geht es ja auch nicht, denn sie ist eine Mutter und „Mütter nehmen sich nicht frei“ – jedenfalls nicht vom Mutter-Sein. Die darin vermittelte Botschaft: Es ist für eine Mutter wichtiger, mit dem Kind zu spielen als sich von der eigenen Krankheit zu erholen. Die Existenz eines Partners, der möglicherweise auch Verantwortung für das Kind übernimmt, wird in der Kürze des Spots ebenso wenig erwähnt wie die berufliche Situation der Erkälteten. Die zweite, für eine Medikamenten-Werbung nicht wirklich überraschende Botschaft lautet: Es gibt ein Medikament dagegen.

Werbung erzeugt Wirklichkeit

Problematisch ist es, dass diese beiden Sätze in ihrer Einfachheit suggerieren, dass es speziell für Mütter keine Option ist, sich mal nicht um ihr geliebtes Kind, sondern um die eigene Genesung zu kümmern. Denn man kann die Symptome ja mit Medikamenten unterdrücken. Auch wenn dieser Werbespot natürlich ein völlig überzogenes und unrealistisches Idealbild einer Familie zeichnet, sollte nicht unterschätzt werden, dass dieses Idealbild auf Mütter den Druck aufbaut, tatsächlich so zu sein wie die Werbung es vorgibt. Dass Mütter dann auch eher zu anderen Substanzen greifen um leistungsfähig zu bleiben, ist bei solchen Werbebotschaften nicht überraschend.

Familienverachtend ist es, weil die Mutter allein vor der Aufgabe steht, ihr Kind zu betreuen. Weil sie keine andere Arbeit hat, als „Mutter“ zu sein. Weil ein Partner der Mutter genauso wenig erwähnt wird wie Freunde, die sich vielleicht um das Kind kümmern könnten. Weil das Mädchen natürlich eine Fee/Elfe spielt und nicht an einem Sportturnier/Theaterstück/Konzert teilnimmt, bei dem es wirklich schade wäre wenn die Mutter nicht dabei sein kann. Weil es kein Verständnis dafür zu haben braucht, dass die eigene Mutter auch mal krank ist. Denn es gibt ja ein Medikament dagegen – und die erkältete Mutter kann mit ihrem Kind unbeschwert einen Schneemann bauen.

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