Unfallquelle Pipeline: Was steckt in Deutschlands Rohren?

Bild: Traroth [CC-BY-SA-3.0] / Wikimedia Commons

Am vergangenen Wochenende ereignete sich ein schwerer Unfall an einer Pipeline in den Werken der BASF in Ludwigshafen. Zwei Mitglieder der Werksfeuerwehr kamen ums Leben, eine Person wird derzeit vermisst. Über 20 Menschen wurden verletzt, teilweise schwer. Es stellt sich die Frage: Wie gefährlich sind die Pipelines der Chemieindustrie?

Was war passiert?

Bei Arbeiten an einer Rohrleitungstrasse ereignete sich eine Explosion mit Folgebränden. Die Rohrleitungen führten die Gase Ethylen (Ethen) und Propylen (Propen). Die beiden Gase sind Produkte aus der Petrochemie. Sie sind nicht giftig, aber hochentzündlich, was die Feuerwehr vor Ort vor große Probleme stellte. Gegen 21:30 war das Feuer gelöscht. Auch wenn keine Gefahrstoffe in der Umgebung nachgewiesen wurde, wurden die Anwohner aufgefordert, sich nicht über längere Zeiträume im Freien aufzuhalten und Fenster und Türen geschlossen zu halten.

Warum werden überhaupt Gefahrstoffe in Pipelines transportiert?

Die chemische Industrie braucht viele Chemikalien in großen Mengen, und die müssen irgendwie transportiert werden wenn Lacke, Klebstoffe, Dämm-Materialien oder Kunststoffe hergestellt werden sollen. Einzeltransporte per Tankwagen sind im Dauerbetrieb allerdings deutlich teurer und auch aufwändiger als Pipelines. Ausserdem würden sie beim Transport über weite Strecken das Verkehrsnetz unnötig belasten. Niemand würde sich zum Beispiel wünschen, dass das Erdgas das Russland nach Deutschland liefert, ernsthaft mit Lkws oder Zügen verschickt würde.

Ethylen-Pipelines im Ruhrgebiet
Allein im Ruhrgebiet erstreckt sich ein System aus Ethylen-Pipelines über eine Strecke von eta 150 Kilometern. Bild: chemieatlas.de

Was steckt alles in den Pipelines?

Die Rohrleitungen können prinzipiell alles mit sich führen, was flüssig oder gasförmig ist und in großen Mengen gebraucht wird. Besonders in der Petrochemie sind das Erdöl und Erdgas, aber auch die Produkte die daraus hergestellt werden, wie eben Ethylen und Propylen.

Pipeline für Sauerstoff bei Bochum
Von Feuer fern halten: Sauerstoffleitungen sind blau markiert. Bild: Cschirp [CC BY-SA 3.0] / Wikimedia Commons
Die chemische Industrie braucht aber noch mehr: Seit 2009 existiert eine Pipeline der Bayer AG für das Gas Kohlenmonoxid (CO) zwischen den Standorten Krefeld-Uerdingen und Dormagen über eine Distanz von etwa 67 Kilometern. Die Pipeline ist aber nicht in Betrieb, da es wegen der hohen Giftigkeit des Gases dagegen geklagt wurde.

Kohlenmonoxid ist ein Hauptbestandteil im sogenannten „Synthesegas“, aus dem bedeutende Grundchemikalien hergestellt werden. Der zweite Bestandteil des Synthesegases ist Wasserstoff, für den in Deutschland zwei große Pipelinesysteme in Betrieb sind: Eines im Rhein–Ruhr-Gebiet, und ein weiteres im Gebiet Leuna–Bitterfeld. Aber auch andere gefährliche Gase wie Sauerstoff und Chlorgas werden in Industriegebieten durchaus per Pipeline transportiert.

Flüssige Chemikalien werden natürlich ebenso durch Pipelines geschickt: Neben den üblichen Kraftstoffen ist vor allem Benzol bedeutend, das ein wichtiges Lösemittel in der Chemie ist. Benzol wird aber auch zu Ethylbenzol umgewandelt – einem Kraftstoffzusatz, der die Oktanzahl erhöht. Ebenso wird aus Benzol die Substanz Cumol hergestellt, die ebenfalls in Pipelines eingespeist wird. Aus Cumol wird Aceton hergestellt (ein bedeutendes Lösemittel, auch im Hausgebrauch) und auch Phenol das für die Kunststoffindustrie von großer Wichtigkeit ist.

Ohne Chemikalien keine Chemie

Eigentlich sind alle Stoffe, die in Pipelines transportiert werden, auf irgendeine Art und Weise gefährlich. Die meisten sind hochentzündlich und einige sind auch gesundheitsschädlich oder sogar giftig. Deswegen werden die Pipelines auch ständig überwacht und gewartet. Als Industrienation ist Deutschland natürlich auf den Transport von Chemikalien angewiesen. Andernfalls wäre es hierzulande sehr schwer, Lacke für die Autoindustrie, Displays für Computer und Handys oder auch einfach nur Kunststoffe oder Treibstoff herzustellen. Der Unfall an den Ethylen- und Propylen-Pipelines ereignete sich auch nicht im Normalbetrieb, sondern bei Arbeiten am Rohrsystem. So tragisch der tödliche Unfall an den Pipelines der BASF auch ist: Unfälle können niemals völlig vermieden werden.


Danke an Phillip, der das Thema vorgeschlagen hat.

1 Kommentar

  1. Das war auch der erste Impuls von meinem Freund und mir: Unfälle mit Chemikalien werden nie vollkommen vermieden werden können – leider.

    Toller und vor allem super informativer Beitrag.

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