Die Geheimniskrämerei um Glyphosat nimmt kein Ende

Unkrautvernichtung. Bild SCHAU.MEDIA / pixelio.de
Bild: SCHAU.MEDIA / pixelio.de

Das Tauziehen um den Unkrautvernichter Glyphosat wird immer undurchsichtiger: Die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) hat Forscher dazu aufgefordert, Dokumente nicht zu veröffentlichen, auch wenn sie unter Hinweis auf US-Gesetze dazu aufgefordert werden. Offenbar warnten Beamte des IARC in einem Brief und in einer Email Wissenschafter, die an der Studie über die Gefahren von Glyphosat beteiligt waren, die entsprechenden Unterlagen nicht herauszugeben. Das berichtet die Nachrichtenagentur Reuters, die Zugang zu dem Brief und der Email hat.

„Das IARC ist der alleinige Besitzer dieser Dokumente. […] Das IARC fordert Sie und Ihr Institut auf, keine (dieser) Dokumente zu veröffentlichen.“ – Quelle: Reuters

In den vergangenen Monaten hatte das IARC wiederholt für Kritik gesorgt, indem es verschiedene Dinge des Alltags als krebserregend eingestuft hatte. Neben Kaffee, Mobiltelefonen, rotem und verarbeitetem Fleisch hatte das IARC nicht zuletzt auch den Unkrautvernichter zu den Krebserzeugern eingeordnet. Kritiker werfen der WHO-Institution daher unnötige Panikmache vor.

Auch die Wissenschaft ist polarisiert

Während im vergangenen Jahr das IARC Glyphosat als krebserregend einstufte, kam das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) zum gegenteiligen Ergebnis. In der Frage nach dem Gefahrenpotenzial des Herbizids ging es um nicht weniger als die Zulassung des Stoffes in der EU für die nächsten Jahre. Da für die EU-Kommission die Beurteilung des BfR ausschlaggebend war, wurde der Unkrautvernichter im Juni 2016 für weitere 18 Monate zugelassen.

Die entwarnende Studie des BfR wurde allerdings von Wissenschaftlern heftig kritisiert. Eine Gruppe von 96 internationalen Forschern warf dem BfR in einem offenen Brief unter anderem Intransparenz  vor. Insgesamt bezeichneten die Wissenschaftler die Studie, die den Unkrautvernichter als „wahrscheinlich nicht krebserregend“ einstuft, als „nicht glaubwürdig“.

Aber selbst die WHO, zu der das IARC gehört, geriet dieses Jahr in die Kontroverse. Wie bekannt wurde, bezeichnete ein Fachgremium der WHO Glyphosat als „nicht krebserregend“. Deren Vorsitzende bekleiden führende Positionen des International Life Science Institute (ILSI) – das von Lebensmittelherstellern, wie zum Beispiel Monsanto finanziert wird.

Steilvorlage für Monsanto

In dieser Gesamtsituation hat die Meldung, dass auch das IARC nicht gerade offen mit seinen Daten umgeht, ein Geschmäckle. In einer Stellungnahme verteidigt die Agentur ihre Informationspolitik. Gegenüber Reuters teilte das IARC mit, dass es darum geht, seine Arbeit vor äusseren Störungen zu schützen und die Freiheit der Kommission zu verteidigen, Beweise offen und kritisch zu diskutieren. Dem widerspricht niemand anderes als der Konzern Monsanto, der weltweit größte Hersteller von Glyphosat. Scott Partridge, Monsantos Vice President of Strategy, bezeichnete die Handlungen des IARC als „lächerlich“.

„Die Öffentlichkeit verdient einen Prozess, der von soliden wissenschaftlichen Erkenntissen geleitet wird, und nicht von den geheimen Agendas des IARC.“ – Scott Partridge (Monsanto)

Man kann von Monsanto halten was man möchte; wenn ein international stark angefeindeter Biotechnologiekonzern die Geheimnistuerei des IARC kritisiert und sich für die Belange der Öffentlichkeit einsetzt, dann sagt das einiges. Man darf gespannt sein wie es im Kampf um den Unkrautvernichter weitergeht. Möglicherweise sichert sich demnächst Leonardo DiCaprio auch an diesem Politikum die Filmrechte.

6 Kommentare

  1. Die Glyphosatdebatte ist keine wissenschaftliche Frage, sondern gefährlicher Industrielobbyismus, der die gesamte wissenschaftliche Forschung in Frage stellt.

    Denn wenn gesagt wird, dass „… das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) zum gegenteiligen Ergebnis“ kam, sollte man auch wissen, dass in der Glyphosat Kommission des BfR allein 3 von 13 Experten direkt für die Glyphosathersteller BAYER und BASF arbeiten, wie man hier sehen kann:


    http://www.bfr.bund.de/de/mitglieder_der_bfr_kommission_fuer_pflanzenschutzmittel_und_ihre_rueckstaende-189320.html

    
Das ist ungefähr so wissenschaftlich, wie wenn die Ingenieure von AUDI und PORSCHE den Abgasskandal von VW untersuchen würden.

    Und auch die anderen 10 Wissenschaftler der BfR Kommission sind ebenfalls über Institute oder Labore von Monsanto und den anderen Glyphosatherstellern finanziell abhängig.

    2 Beispiele:
    Einer der BfR Experten ist Jochen Riehle, der für das die Eurofins Dr. Specht Laboratorien GmbH arbeitet: Und dieses Labor hat erst 2013 im Auftrag der Glyphosathersteller Syngenta, BASF und Bayer eine Studie zu den Neonicotinoiden erstellt, die zufälligerweise belegt, dass das Pestizid total harmlos für Bienen sei, obwohl alle anderen Studien belegen, dass diese Neonicotinoiden tödlich für Bienenvölker sind.


    http://www.neopresse.com/umwelt/bienensterben-syngenta-zahlt-unbedenklichkeits-studien-selbst/

    Schaut man weiter, war dieses Studienergebnis aber auch kein Wunder, denn der hochrangige Business Manager des Eurofins Labor ist Dr. Marco Candolfi, der vorher ein Mitarbeiter von Syngenta war.

Und nun sitzt Jochen Riehle von dem äußerst industriefreundlichen Eurofins Labor als Pestizid Experte beim BfR und bewertet die Studien der Glyphosathersteller, u.a. Syngenta, die seinen Job im Labor finanzieren.

    Ein weiterer Glyphosat Experte in der BfR Kommission ist Dr. Michael Klein, der für das Fraunhofer Institut arbeitet. Das klingt doch erstmal seriös und unabhängig? Aber bei genauer Betrachtung sitzen die Glyphosathersteller auch im wissenschaftlichen Beirat des Fraunhofer Instituts! Namentlich sind das Dr. Gerhard Görlitz von der Bayer CropScience AG, Dr. Harald Seulberger von BASF und Dr. Terry Clark von Syngenta.

    http://www.ime.fraunhofer.de/content/dam/ime/de/documents/Publikationen/Fraunhofer_IME_Jahresbericht_2013_2014.pdf

    Und auch Monsanto ist aktiv im Fraunhofer Institut, denn Dr. Carl Bulich vom Bundesverband Deutscher Pflanzenzüchter e. V., Bonn vertritt die Interessen des Industrielobbyvereins (BDP), der von den Glyphosatherstellern Monsanto, Bayer, Syngenta und Co finanziert wird.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Bundesverband_Deutscher_Pflanzenzüchter


    Und im Gegensatz zu den unabhängigen 200 Studien, die das IARC mit 17 Wissenschaftlern 1 Jahr auf Belege für Krebs untersucht haben, hat das BfR vor allem die “grauen Studien“ der Glyphosathersteller ‘ausgewertet‘, die nie in wissenschaftlichen Publikation veröffentlicht wurden oder zu denen andere Wissenschaftler keinen Zugang haben.

    ‘Ausgewertet’ steht hier in Anführungsstrichen, denn das BfR hat die Studien gar nicht selbst ausgewertet, sondern hat einfach ungeprüft 850 Zusammenfassungen von Studien der Glyphosathersteller für ihren eigenen Bericht übernommen:


    http://de.euronews.com/2016/06/30/mdb-ebner-zu-glyphosat-risiko-der-krebsgefahr

    Gleichzeitig hat das BfR gezielt unabhängige kritische Glyphosatstudien aussortiert. Deshalb hat das EU Gericht nun auch Klagen von 6 Europäischen NGO zugelassen, die Beweise vorgelegt haben, die belegen, dass das BfR, Efsa und Monsanto vorsätzlich Studien verheimlicht und falsch ausgewertet haben.


    https://www.global2000.at/sites/global/files/Offener%20Brief%20an%20die%20EU%20Kommission.pdf

    Und auch das ist nichts Neues, denn die US Behörden EPA und FDA hatten ebenfalls bereits im Jahre 1985 Gyphosat als krebserregend eingestuft.


    http://www.gmfreecymru.org.uk/documents/monsanto_knew_of_glyphosate.html

    
Die Einstufung ”wahrscheinlich krebserregend“ wurde seltsamerweise 1991 wieder aufgehoben, als Monsanto Mitarbeiter in der Behörde EPA und FDA als Berater eingesetzt wurden, wie man hier sehen kann:

    
http://www.globalresearch.ca/monsanto-controls-both-the-white-house-and-the-us-congress/5336422


    Das „Fachgremium der WHO“ das Glyphosat als „nicht krebserregend“ im Schnellverfahren eingestuft hatte, nachdem die IARC Ergebnisse veröffentlicht wurde, sind das FAO und das JMPR. 
Und wie richtig gesagt, werden diese Experten von den Chemiekonzernen finanziert, wie jeder in diesem 5min ARD FAKT Report nachschauen kann:

    
http://www.ardmediathek.de/tv/FAKT/Glyphosat-Gremium-unter-Industrieeinflus/Das-Erste/Video?bcastId=310854&documentId=35696344

    
Und auch das WHO Expertengremium FAO hat erst 2015 eine Spende in Höhe von €300.000 Spende von der Gentechniklobby Organisation „European Seed Associations (ESA) erhalten:
    
https://www.euroseeds.eu/esa-hands-300000€-voluntary-financial-contribution-fao-it

Und die Mitglieder dieser ESA sind wiederum Monsanto, BAYER, BASF und Co.

    Auch der Guardian hat die Lobbyarbeit und Spenden der Chemiekonzerne an die EU Behörden im Fall Glyphosat aufgedeckt, wie man hier nachlesen kann:

    
https://www.theguardian.com/environment/2016/may/17/unwho-panel-in-conflict-of-interest-row-over-glyphosates-cancer-risk

    Und auch die WHO erhält jedes Jahr Spenden in Millionenhöhe 
von Chemiekonzernen wie Bayer, BASF und Syngenta… wie man u.a. in diesem ZDF Bericht sehen kann:

    https://www.youtube.com/watch?v=vtuFi0O5rjQ

    
Wenn gesagt wird, dass das IARC nicht gerade offen mit seinen Daten umgeht, muss auch gesagt werden, dass Wissenschaftler, die kritische Pestizid- und Gentechnikstudien veröffentlichen massivem Druck ausgesetzt werden.


    Der Fall Pusztai sei hier genannt, denn auch der renommierte Biochemiker hat in seinem 6 Mio Forschungsprojekt der britischen Regierung entdeckt, dass Monsantos Genkartoffel nach 90 Tagen Krebs bei Mäusen auslöst, woraufhin er nach 35 Jahren als Wissenschaftler mit der Drohung einer Strafe entlassen wurde, wenn er über seine Ergebnisse öffentlich spricht.

    Prof. Arpad Pusztai wurde zudem durch den politischen Druck von dem Gentechnik Befürworter Tony Blair auch von all seine anderen Posten enthoben, obwohl andere Wissenschaftler seine Ergebnisse bestätigen konnten, wie jeder in dieser ARD Reportage; Risiko Genfood – Der Fall Arpad Pusztai nachschauen kann:

    
https://www.youtube.com/watch?v=9Q6FNhLU3SQ


    Auch Gilles-Éric Séralini wurde jahrelang von den Chemiekonzernen und wissenschaftlichen Industrielobbyisten angefeindet obwohl er mittlerweile zahlreiche Preise für seine kritische Forschung und jahrelange Standhaftigkeit gegen die Chemiekonzerne erhalten hat. 


    http://www.umweltinstitut.org/aktuelle-meldungen/meldungen/whistleblower-seralini-gewinnt-rechtsstreit.html

    Auch das ist kein Zufall, denn der hochrangige Monsanto Mitarbeiter, Dr William Moar, hat selbst bei einem Vortrag vor Studenten gesagt, dass Monsanto eine ganze Abteilung von Mitarbeitern beschäftigt, die nichts anderes machen, als Kritiker öffentlich massiv zu diskreditieren, denn es geht ja um Milliardengewinne.

    

http://naturalsociety.com/monsanto-employee-admits-an-entire-department-exists-to-discredit-scientists/

    Und dazu muss man auch wissen, dass auch Monsanto bei seinen Studienergebnissen die Namen der Labore und Wissenschaftler geschwärzt hat, damit kein Außenstehender prüfen kann, wer diese Studien durchgeführt hat, wie jeder in dieser ARTE Doku ab Minute 15. nachschauen kann:

    http://www.arte.tv/guide/de/062286-021-A/vox-pop

    Oder hier im Original BfR Glyphosat Abschlussbericht mit den geschwärzten Quellen und Namen der Wissenschaftler, die die Studien erstellt haben:

    https://corporateeurope.org/sites/default/files/attachments/4302add_public.pdf

    
Denn es geht hier auch um jährliche Forschungsetats in Milliardenhöhe, die allein Monsanto, Bayer, BASF, Dow Chemical, DuPont und Co zu vergeben haben.
    Und es geht bei Monsanto auch nicht nur, um die Gewinne aus dem Verkauf von glyphosathaltigen Herbiziden, sondern vor allem auch um das für Roundup gentechnisch optimierte Saatgut.

    Tatsächlich sind in hunderten internationalen und unabhängigen wissenschaftlichen Studien und Publikationen die Folgen von Glyphosat für Mensch, Tier und Umwelt belegt: Glyphosatherbizide sind krebserregend, töten Darmbakterien, greifen in den Hormonhaushalt ein, schädigen Nieren und Leber…. Glyphosat durchbricht sogar die Plazenta und schädigt menschliche und tierische Föten, die tot und missgebildet zur Welt kommen, wie man hier in der ARD Reportage sehen kann.


    http://www.mdr.de/fakt/glyphosat-teratogene-wirkung-100_date-2016-04-21_ipgctx-true_zc-c52c07f4.html

    
Alle weiteren belegten Folgen kann jeder Wissenschaftler hier im Original nachlesen:
http://www.gmofreeusa.org/research/glyphosate/glyphosate-studies/
    Oder hier in einer deutschen Übersicht:


    http://www.umweltinstitut.org/images/gen/aktionen/Roundup/Studien-Glyphosat.pdf

    Oder hier die Studien zu den Gesundheitsrisiken von Roundup für Mensch und Umwelt:


    http://www.agrarkoordination.de/projekte/roundup-co/glyphosat-infos/gesundheits-risiken/

    Wie praktisch, denn Monsanto (über Pharmacia / Pfizer ) Bayer, BASF, DuPont, Syngenta und Co machen zufälligerweise auch mit Medikamenten gegen Krebs, Autoimmunkrankheiten, Leber- und Nierenerkrankungen jedes Jahr Milliarden Gewinne. 
Und darüber freuen sich bestimmt auch die Chemiker und Wissenschaftler.

    Denn die Folgen für die Gesundheit von Mensch und Natur müssen andere hundertfach zurückzahlen.

    • Hallo Roberta,
      bitte entschuldige, dass dein sehr guter und ausführlicher Kommentar erst jetzt hier erscheint. Offenbar ist durch den langen Text und die vielen Links der Spamfilter angesprungen.

      Ich habe ihn eben dort herausgefischt.
      Danke für die Hintergrundinformationen. Ich stimme dir absolut zu, dass die Interessenkonflikte in der Beurteilung von Glyphosat die Wissenschaft als solche schwer beschädigen.

      Umso wichtiger ist es, alle betreffenden Informationen offen zu legen. Gerade von Wissenschaftlern sollte man das erwarten.

    • Ich muss mich hier mal einklinken. In dem Kommentar finden sich nämlich einige doch relativ verzerrte Behauptungen.

      Gleich zu Anfang möchte ich nur klarstellen, dass in Roundup und anderen glyphosathaltigen Produkten keine Neonicotinoide enthalten sind. Überraschenderweise ist Glyphosat eines der wenigen Pflanzenschutzmittel, das Bienen nicht schädigt.
      http://www.spektrum.de/news/die-meisten-pestizide-schaden-bienen/1370818

      Springen wir mal zur Mitte:
      Es gibt keine „Beweise“ dafür, dass das BfR „vorsätzlich“ Studien „verheimlicht“ oder „falsch ausgewertet“ hätte. Bisher existiert ein Gutachten, das von den NGOs in Auftrag gegeben wurde und seinerseits kontrovers diskutiert wird
      Die Süddeutsche dröselt das sehr schön auf:
      http://www.sueddeutsche.de/gesundheit/pestizide-gerangel-um-glyphosat-1.2960275

      Die Behauptung, die US-Behörden hätten erst dann eine Neubewertung von Glyphosat vorgenommen, nachdem Monsanto eingegriffen hatte, erschließt sich mir auch nicht aus dem verlinkten Artikel. Dort steht lediglich einiges über Mitt Romney und seinen Verbindungen zu Monsanto. Aber vielleicht habe ich den Absatz auch überlesen oder nicht verstanden – es ist schon spät.
      Im Übrigen ist die Seite „Globalresearch“ keine sonderlich vertrauenswürdige Quelle. Hier einer der anderen Artikel, die von der Seite veröffentlich werden:
      http://www.globalresearch.ca/depopulation-vaccine-in-kenya-and-beyond/5413445

      Kommen wir zum Herrn Pusztai. Er wurde nicht entlassen, weil er offen über seine Ergebnisse spricht, sondern weil er den Publikationsrichtlinien seines Institutes nicht gefolgt ist und Ergebnisse veröffentlichte, die sich nach zahlreicher Überprüfung als unhaltbar erwiesen haben.
      Hier ein Review der Studie, durchgeführt von der Royal Society: http://www.pages.drexel.edu/~ls39/peer_review/ewen.pdf
      Und hier ein Statement der ACNFP: https://acnfp.food.gov.uk/committee/acnfp/acnfppapers/gmissues/rowettgmpot/acnfpstatementrowett
      Dahinter steckt also kein Druck großer Konzerne, sondern schlechte Wissenschaft, wie sie sonst im ganzen Kommentar angeprangert wird.

      Séralini hat einen Whistleblowerpreis bekommen, bei dem bis heute keiner so wirklich weiß, womit er den verdient hat. Auch seine Ergebnisse wurden nicht von großen Konzernen unterdrückt, es war nichts anderes als schlechte, unwissenschaftliche Arbeit. Außerdem ist dieser Mann sicher kein kleiner, unabhängiger, kritischer Wissenschaftler. 2007 hat Greenpeace z.B. eine Studie finanziert, an der er beteiligt war (http://link.springer.com/article/10.1007%2Fs00244-006-0149-5).
      Die Seralini-Kontroverse ist ziemlich umfangreich, aber Wikipedia gibt hier einen großartigen Überblick: https://de.wikipedia.org/wiki/S%C3%A9ralini-Aff%C3%A4re

      Dr. William Moar hat auch niemals zugegeben, dass Monsanto ein „Descredit Bureau“ betreibt. Sämtliche dieser Behauptungen laufen auf das Umfeld diverser NGOs und Gentechnikkritischer Seiten zusammen. Sollte Dr. Moar überhaupt irgendwas in die Richtung gesagt haben, dann hat er wohl den Begriff „Debunking“ benutzt, der etwas ganz anderes ausdrückt. Nämlich, dass Monsanto eine Abteilung hat, die schlecht gemachte Studien bezüglich der Unternehmensprodukte aufdecken soll.
      http://www.dailykos.com/story/2015/03/27/1373484/-Monsanto-s-Discredit-Bureau-Swings-into-Action (Hier taucht das Wort „Debunking“ auf).
      Eine Monsanto-Mitarbeiterin äußert sich ebenfalls zu dem Thema:
      http://monsantoblog.com/2015/04/07/do-we-review-studies-on-our-products-yep-we-wouldnt-be-doing-our-jobs-if-we-didnt/

      Die Arte-Doku konnte ich nur eine Minute lang verfolgen, aber selbst in der wird die Frage, ob Glyphosat nun schädlich ist, oder nicht, gar nicht erst gestellt. Man hat sich sofort auf eine Antwort eingeschossen.

      Zum Abschluss noch ein Zitat:
      „Tatsächlich sind in hunderten internationalen und unabhängigen wissenschaftlichen Studien und Publikationen die Folgen von Glyphosat für Mensch, Tier und Umwelt belegt: Glyphosatherbizide sind krebserregend, töten Darmbakterien, greifen in den Hormonhaushalt ein, schädigen Nieren und Leber…. Glyphosat durchbricht sogar die Plazenta und schädigt menschliche und tierische Föten, die tot und missgebildet zur Welt kommen“

      Nichts davon, aber auch wirklich nicht ein einziger Punkt ist korrekt. Alle Studien die solche Effekte bewiesen haben, beziehen sich ausschließlich auf Tierversuche, bei denen x-Fache Mengen Roundup verwendet wurden, die so in der Natur niemals vorkommen.
      Seralini hat z.B. Roundup direkt in Föten injiziert und dadurch Missbildungen provoziert, was bei sachgemäßer Anwendung der Präparate niemals vorgekommen wäre. http://pubs.acs.org/doi/abs/10.1021/tx1001749
      Dementsprechend geht die Aussagekraft der Studie gegen 0.
      Selbst wenn Muttertiere mit Glyphosat in Kontakt kommen, zeigen diese immense Vergiftungserscheinungen, bevor ihr Erbgut in irgendeiner Weise geschädigt wird.

      Ich mache mal ganz schamlos Werbung für meine Abhandlung über Glyphosat, in der ich auf viele der Punkte ausführlich eingehe und die tatsächlichen Risiken von Glyphosat und Roundup betrachte: http://nulliusinverba.blockblogs.de/2016/06/12/glyphosat-die-fakten-zur-debatte/

      Mit Verlaub: So gut ist der Kommentar echt nicht. Auf der einen Seite wird angeprangert, dass Institute fremdfinanziert sind, aber Wissenschaftler wie Seralini werden als „kritisch“ bezeichnet, obwohl sie Zuwendungen von NGOs bekommen.
      Quellen wie das Umweltinstitut München (die sich schon auf ihrer Startseite mit dem Thema Handystrahlung beschäftigen) oder Seiten, die sich in der URL schon das Merkmal „GMOfree“ gegeben haben, neigen ebenfalls zu einer etwas „eigenen“ Interpretation der Tatsachen und eignen sich sicherlich nicht für eine solide Diskussionsgrundlage. Auch über Seiten wie Naturalsociety könnte ich mich tagelang auslassen, aber ich glaube, meine Kritik ist relativ deutlich geworden. Denn auch wenn einige sehr wichtige Punkte angesprochen werden (unter anderem der intransparente Umgang des BfR und des IARC mit den genutzten Daten), besteht der Kommentar zum Großteil aus falschen und unbelegten Behauptungen.

      • Sebastian, Chapeau für das gewissenhafte Durcharbeiten der Aussagen und Quellen um 3 Uhr nachts!

        Mich würde immer noch interessieren wie das Gefahrenpotential von Glyphosat aussieht, bzw. wann es einen einheitlichen wissenschaftlichen Konsens darüber gibt und wie der aussieht. Ehrlich gesagt beobachte ich die „Schlammschlacht“ darüber einigermaßen fassungslos.
        Was mich als studierten Synthesechemiker aber am meisten verwirrt ist, dass ein Stoff, dessen Kanzerogentität nicht eindeutig ausgeschlossen wurde, weiter so behandelt wird als wäre er nicht krebserregend. Mir wurde im Studium das genaue Gegenteil beigebracht (Wenn du nicht weisst ob ein Stoff Krebs auslöst, dann behandle ihn so als würde er Krebs auslösen).

        Natürlich geht es hier aber nicht um wissenschaftliche, sondern industrielle Gesichtspunkte. Ich hätte auch nicht ernsthaft daran geglaubt, dass eine wirtschaftlich so bedeutende Chemikalie erst einmal vom Markt genommen wird, bis die Frage eindeutig geklärt ist.

        Davon abgesehen ist das Problem, das Roberta m.E. diskutiert, die Befangenheit der beteiligten Wissenschaftler an den jeweiligen Studien. Interessanterweise ergibt sich daraus das Totschlag-Argument, dass eine Studie nicht sachlich sein kann, sobald auch nur irgend jemand in der Kommission industrielle Drittmittel eingeworben hat. Weil genau das aber heutzutage von Forschern explizit gefordert wird, ergibt sich daraus ein beachtliches Rechtfertigungsproblem der Wissenschaft.

        • Ich muss gestehen, als ich den Kommentar zum ersten Mal gelesen habe, war ich selbst baff und überlegte, ob ich vielleicht selbst einen Bock geschossen und hinweise zur kanzerogenität von Glyphosat übersehen habe. Erst beim Namen Séralini wurde ich stutzig und hab‘ mich mit dem Kommentar nochmal genauer auseinandergesetzt.

          Man behandelt Glyphosat auch tatsächlich wie einen Stoff, der krebserregend sein kann. Das kommt in der Debatte nur leider nicht so gut rüber.
          Das IARC und das BfR kommen im Kern eigentlich zum gleichen Schluss, das klingt nur leider nicht so. Denn das IARC bewertet Stoffe darauf, ob sie Krebs erzeugen. Da finden sich neben Glyphosat noch Dinge wie Tabakrauch, Sonnenlicht, rotes Fleisch, gepökeltes Fleisch, Holzspäne, bzw. Holzstaub (wie er in Schreinereien anfällt), der Beruf des Friseurs und viele weitere Dinge. Das sind alles nur Aussagen zum Potenzial eines Stoffes, Krebs auszulösen. Das IARC sagt aber nichts darüber aus, wie viel von dem Stoff noch verträglich ist.
          Dafür gibt es dann das BfR das bewerten soll, ob der sachgemäße Umgang mit dem Stoff zu Krebs führen kann. Während das IARC also sagt, dass Glyphosat krebserregend ist, sagt das BfR, dass allerdings nix passiert, solange die Grenzwerte beachtet werden.
          Der Konsens betreffend Glyphosat wurde also schon erreicht. Da gibt’s nur leider ein weiteres Problem.

          Roundup. Roundup ist Glyphosat mit beigemischten Tensiden, und genau diese Tenside sind dafür Verantwortlich, dass Roundup sich aggressiver verhält, als normales Glyphosat. Und während in der Debatte wirklich alle auf Glyphosat rumreiten, waren es ausschließlich die Franzosen, die erkannt haben, dass man sich mal auf die Tenside konzentrieren sollte.
          Oder anders formuliert: Die Grenzwerte für Glyphosat liegen höher als die für Roundup und das eigentlich schädliche sind die Tenside in Roundup, nicht das reine Glyphosat.
          https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/15862083 (In dem Review wird betrachtet, wie die verschiedenen Tenside die Schädlichkeit von Glyphosat erhöhen)

          Es ist trotzdem großes Glück, dass Glyphosat und Roundup weiter auf dem Markt bleiben. Die Alternativen sind nämlich weitaus schlimmer. Mein liebstes Beispiel ist ein Produkt namens „Basta“. Das Zeug ist richtig geil. Es ist fruchtschädigend, auf Gemüse kann man es noch 120 Tage nach der Ausbringung nachweisen, auf Tiefkühlwaren klappt der Nachweis sogar nach 2 Jahren noch. Und jetzt kommt das geilste an dem Stoff: Man kann Basta nicht mal durch Kochen in heißem Wasser zerstören.
          Die Ecke der Pflanzenschutzmittel ist voll mit solchen Stoffen. Abgesehen von Glyphosat gibt es vielleicht noch 2-3 Stoffe, die so harmlos sind. Und leider geht durch die ganze Glyphosatdebatte eben nicht nur das Problem mit Roundup und seinen Tensiden unter, sondern auch die Gefahr, die von den alternativen ausgeht.

          Ja, die Befangenheit. Das ist ein riesen Problem, das wir wohl auch erst wegbekommen werden, wenn der Bund die Institute komplett finanziert und so die Werbung für Drittmittel wegfällt.
          Mir fällt aber auch eine positive Kleinigkeit ein, die man aus der Situation mitnehmen kann. Kennst du das, wenn man am 1. April jede Zeitungsmeldung kritisch betrachtet und ausführlich nachdenkt, ob es denn so sein kann, weil man ja jederzeit auf ’nen Aprilscherz reinfallen könnte? Man verlässt sich also nicht darauf, dass eine bestimmte Quelle schon recht haben wird, einfach weil sie einen besonderen Ruf hat.
          Gleiches kann man dann natürlich auch mit Studien aus vielen Instituten tun (und das wurde ja auch getan, dafür war die Debatte um Glyphosat gut).
          Man darf sich halt nur nicht auf das Argument einschießen, dass ’ne Studie nichts mehr aussagt, weil ein Unternehmen in irgendeiner Weise beteiligt war. Sondern man sollte nach methodischen Mängeln suchen oder darauf warten, dass andere Wissenschaftler den Versuch starten, die Ergebnisse zu reproduzieren.
          Zum Glück ist Glyphosat schon so lange auf dem Markt, dass all das bereits passiert ist.

          Gut, ein anderes Problem ist natürlich auch die Befristung der Forschungsstellen, die dazu führen, dass es in Deutschland vermutlich nur eine Handvoll Wissenschaftler gibt, die noch nie für einen großen Konzern in ihrem Fachgebiet gearbeitet haben.

          Es ist halt alles ziemlich verzwickt. Ich hoffe ja darauf, dass man endlich begreift, dass es die Tenside sind, über die man reden muss und dass man endlich anfängt, Pestizide wie Basta oder Kupfersulfat (das in der Biolandwirtschaft ausgebracht wird als wäre es Wasser) zu verbieten.

          • „Die Grenzwerte für Glyphosat liegen höher als die für Roundup und das eigentlich schädliche sind die Tenside in Roundup, nicht das reine Glyphosat.
            https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/15862083 (In dem Review wird betrachtet, wie die verschiedenen Tenside die Schädlichkeit von Glyphosat erhöhen)“

            Man sollte aber auch erwähnen, dass das in dem verlinkten Artikel erwähnte Polyoxyethyleneamine (POEA), landläufig als „Tallowamin“ bezeichntet, auf Betreiben des BfR schon seit etlichen Jahren (2009?) in Deutschland nicht mehr verwendet wird und mittlerweile auch EU-Weit als Beimischung zu Glyphosat verboten ist.

            Seitdem werden von Kritikern immer nur allgemein die „Netzmittel“ oder „Hilfsstoffe“ als problematisch angesehen, ohne dedizierte Namen zu nennen. Hier baut die Anti-Glyphosat-Bewegung ihr eigenes Luftschloss.

            Wobei die Situation, welche Hilfsmittel beigesetzt werden, schon recht undurchsichtig und damit unzufriedenstellend ist. Diese Verschwiegenheit mit dem Schutz des Geistigen Eigentums zu begründen, ist sicherlich nicht unproblematisch.

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