Den Kern nicht getroffen – Zur Verteidigung der Avocado

Avocado
Bild: w.r.wagner / pixelio.de

Es stimmt, die Avocado ist wahrscheinlich das zeitgeistigste Lebensmittel, das wir derzeit in den Supermärkten finden können. Ihr nussig-milder Geschmack ist unaufdringlich lecker und ihr „gesundes“ Fett verspricht Genuss ohne Reue. Natürlich gibt es zur Zeit ganz offenbar einen enormen Hype um diese Frucht, die vor wertvoller Substanzen nur so überzuquellen scheint. Vor einigen Jahren war es der Granatapfel, den man aß, trank und sich wahlweise auf die Haut oder in die Haare rieb. Davor war es Aloe Vera.

Ganz vorne an der Front der Avocado-Prediger ist der US-Ernährungsberater David Wolfe, der die grüne Frucht quasi zu seinem Wappentier gemacht hat. Und wenn man dem Verfechter der Rohkost glaubt, können Avocados nicht nur Krebs heilen, sondern auch verhindern. Wir warten gespannt auf die Nobelpreise.

Superfood mit super Ansprüchen?

Der Avocadobaum wächst in südlichen Breitengraden. Bild: Forest & Kim Starr [CC BY 3.0] / Wikimedia Commons
Der Avocadobaum wächst in den südlichen Breitengraden. Dort verbraucht er Wasser. Bild: Forest & Kim Starr [CC BY 3.0] / Wikimedia Commons
Wie immer, wenn es einen Hype um etwas gibt, treten auch mahnende Stimmen auf: Avocado-Anbau ist nämlich ein Geschäft wie jedes andere auch. Produziert wird das „Superfood“ in ärmeren (südlichen) Ländern, wo es wertvolles Wasser beansprucht. Ohne Zweifel liegen Avocados mit ihren 1.000 Litern Wasser für ein Kilogramm der Frucht weit vorne auf der Obst- und Gemüseliste: Selbst die ziemlich wasserintensiven Tomaten benötigen weniger als ein Fünftel davon. Mit diesem hohen Verbrauch der wertvollen Ressource maßt sich die Avocado einen Durst an, den wir sonst nur dem Weizen gönnen.

Um so beeindruckender ist der Wasserverbrauch anderer Lebensmittel, gemessen an der Avocado. Rindfleisch, beispielsweise, verschlingt in der Herstellung fünfzehn mal mehr Wasser als die bedenkliche Trendfrucht. Vom Bedarf an Ackerland ganz zu schweigen, denn auch Tierfutter muss irgendwo wachsen. Noch schlimmer steht Kaffee da, mit einem Wasserverbrauch 21.000 Litern für ein Kilogramm des Genussmittels.

Gift ist überall wo man danach sucht

Avocado-Schößlinge
Avocadokerne mögen für Vieles geeignet sein. Am besten eignen sie sich aber zum Ziehen von Avocado-Pflanzen. Bild: I, Dontworry [CC-BY-SA-3.0] / Wikimedia Commons
In seiner Kolumne „Mahlzeit“ weisst der Lebensmittelchemiker Udo Pollmer darauf hin, dass Avodacos allerdings auch ungesunde Substanzen enthalten. Die Früchte enthalten den Stoff Mannoheptulose, der die Herstellung von Insulin blockiert und damit Diabetes auslösen kann – zumindest bei Kaninchen. Die Tiere bekamen eine Dosis von 300 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht verabreicht. Übertragen auf einen erwachsenen Menschen entspräches das dem Fruchtfleisch von zehn Avocados, intravenös injiziert. Bei einer Aufnahme über den Verdauungstrakt besteht immerhin die Chance, dass die Mannoheptulose einfach verdaut wird – schließlich zählt sie zu den Zuckern.

Aber auch die Kerne werden inzwischen als echte Alleskönner angepriesen; egal ob im Müsli, als Tee oder im Haar. Selbstverständlich enthalten die Kerne wichtige Aminosäuren; schließlich basiert jedes Leben auf diesen kleinen Bausteinen. Auch „thermogenetische“ (wärmeerzeugende) Eigenschaften sollte man von einem Heißgetränk durchaus erwarten. Und natürlich kann man die geraspelten Kerne mit Pflanzenfett verreiben und sich auf die Haut oder die Haare auftragen. Das hat aber alles wenig mit der Avocado zu tun.

Guacamole, eine Creme aus Avocado ist lecker und gesund. Den Kern sollte man vielleicht nicht mitessen. Bild: Popo le Chien [CC0] / Wikimedia Commons
Guacamole, eine Creme aus Avocado ist lecker und gesund. Die größte Gefahr die vom Kern für den Menschen ausgeht, ist wohl die Erstickungsgefahr, trotz seiner Gfitstoffe. Bild: Popo le Chien [CC0] / Wikimedia Commons
Den Avocado-Kern als giftig zu bezeichnen, ist aber bestenfalls eine starke Übertreibung. Die Kerne der Avocado sind unbedenklich für Menschen, auch wenn sie für Tiere durchaus lebensgefährlich sein können. Durch das Gift Persin taugt der Kern der Frucht also durchaus zur Schädlingsbekämpfung.

Ähnlich wie Koffein. Denn dass ein Gift immer durch die Dosis bestimmt wird, weiss auch Kaffeeliebhaber Pollmer. Dieses Beispiel zeigt wieder eindrucksvoll, dass die Interpretation von Studien hochgradig subjektiv ist.

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