Raus aus dem Elfenbeinturm!

Bild: "Der Philosoph" (Rembrandt) [Public domain] / Wikimedia Commons

Es ist also passiert: Mit Donald John Trump ist ein erklärter Leugner des Klimawandels designierter 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Im Zuge von Trumps Präsidentschaft wird Dr. Ben Carson als neuer US-Bildungsminister diskutiert – ein Mensch der allen Ernstes davon ausgeht, die Erde wäre innerhalb von sechs Tagen von Gott erschaffen worden und Darwins Evolutionstheorie wäre vom Satan gefördert worden. Das ist ein Alarmsignal für jeden Wissenschaftler!

„Experten bauten die Titanic“

Unsinkbar – laut Expertenmeinung. Bild: unbekannter Fotograf [Public Domain] / Wikimedia Commons
Unsinkbar – laut Expertenmeinung. Bild: unbekannter Fotograf [Public Domain] / Wikimedia Commons
Nach der Absage der Briten an die EU diesen Sommer ist die US-Wahl schon das zweite Ereignis in einem Jahr, in dem Bürger in einer demokratischen Entscheidung Lügen, Panikmache und Hass den Vorrang geben vor Vernunft, faktenbasierter Evidenz – und den christlich-abenländischen Werten im christlichen, abendländischen Sinn.

Faktenbasierte Experten-Meinungen der Pro-EU-Bewegung wurden mit dem Satz weggewischt, das Land habe „genug von Experten“ gehabt. Diese Bemerkung wurde mit einem erstaunten Raunen der britischen Wissenschaftler aufgenommen; der Begriff von der „postfaktischen Gesellschaft“ hält sich seit Monaten in den Medien. Nach dem Wahlsieg von Donald Trump stehen die Medien, die demokratischen Parteien und die Bildungseliten schon wieder fassungslos vor der Entscheidung eines signifikanten Teils der Wahlberechtigten.

Man kann Trump mögen oder nicht; er wurde in einer demokratischen Wahl nach geltendem Recht gewählt und es haben über 60 Millionen Wahlberechtigte für ihn gestimmt. Es ergibt tatsächlich keinen Sinn, 60.350.241 Amerikaner (Stand: 12. November 2016) kollektiv für verrückt zu erklären.

Ein ganzer Trend von Ausreissern

Wem Trump und Brexit nicht reichen oder zu weit weg sind, der kann sich auch auf unserem Kontinent anschauen wie Wladimir Putin mit Fakten umgeht um Kriege zu rechtfertigen, wie die Türkei mit Akademikern, Journalisten und Richtern umgeht, oder ganz direkt: wie die AfD in Deutschland den Klimawandel leugnet und Pegida ausländische Wissenschaftler von der Uni Dresden Abstand nehmen lässt.

Wir haben ein Problem. Die Kluft zwischen Wissenschaft und Gesellschaft ist ganz offenbar so tief, dass all diese Entwicklungen nicht von Experten, Forschern, und Analysten verhindert werden konnten. Der Kreationismus greift auf Europa über. Der Klimawandel wird auch in Deutschland als Propaganda abgetan, man diskutiert allen Ernstes darüber ob hochreiner Milchzucker nicht doch gegen Krankheiten hilft und ob es nicht doch sinnvoll ist, Kinder lebensgefährlichen Krankheiten auszusetzen.

Man sollte annehmen, dass zu jedem Impfgegner, zu jedem Zweifler der Klimaveränderung und jedem Homöopathen ein Dutzend Wissenschaftler aufstehen und die irrationalen Argumente im Handumdrehen zerlegen. Es sollte ein Leichtes sein! Tatsache ist aber, dass es nicht oder nur kaum passiert. Stattdessen übernehmen Populisten nicht mehr nur Deutungshoheiten, sondern Regierungsgewalten.

Für die Wissenschaft selbst ist das ein akutes Problem, denn wenn auf die Forscher und Experten nicht mehr gehört wird, wird ihre Arbeit letztlich wertlos. Das bedeutet nicht nur einen weiteren Verlust der Reputation und Glaubwürdigkeit, sondern auch ganz konkret eine Bedrohung von wissenschaftlichen Anstellungen und Drittmitteln, die sowieso immer knapper werden.

Redet!

Bild: Gage Skidmore [CC BY-SA 3.0] / Wikimedia Commons
Der Sieger der gefühlten Wahrheit. So darf es nicht weitergehen! Bild: Gage Skidmore [CC BY-SA 3.0] / Wikimedia Commons
Es war wohl lange nicht mehr so wichtig wie heute, dass Wissenschaftler sich endlich in den öffentlichen Diskurs einmischen. Es mag für jeden einigermaßen rational denkenden Menschen unsinnig erscheinen, sich überhaupt mit Kreationisten, Klimawandel-Leugnern, Impf-Kritikern und Homöopathen über deren offenkundige Unlogik zu unterhalten; aber ganz offensichtlich ist es nötig. Denn diese Brandstifter finden Gehör in so breiten Teilen der Gesellschaft, dass ihre Anschauungen bereits politikfähig geworden sind.

Dazu gehört es nicht nur, seine wissenschaftlichen Standpunkte im Gespräch mit Freunden, Bekannten und Familienangehörigen klar zu machen, sondern auch, die Zweifel und Fragen der Gesellschaft ernst zu nehmen und auf Augenhöhe auf sie einzugehen. Nehmt einen Standpunkt ein und macht euch für euer Fach stark! Erklärt eure Forschungsthemen, beantwortet Alltagsfragen, redet offen über Probleme und gebt auch ruhig zu wenn ihr etwas nicht wisst! Jeder Wissenschaftler trägt eine Verantwortung für seine Arbeit – auch der Gesellschaft gegenüber, die sie letztendlich mit Steuergeldern bezahlt.

Und wer Angst hat, damit seine Forschung politisch zu machen, der kann ganz beruhigt sein. Denn Wissenschaft ist immer politisch – das sollte spätestens seit dem Wahlsieg Donald Trumps jedem klar sein. Es wird Zeit, die Lügner, Hetzer und Marktschreier in ihre Schranken zu weisen.

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