Die Wahrheit über Homöopathie

Bild: günther gumhold / pixelio.de

Dieser Beitrag nahm am ScienceBlogs-Blogschreibwettbewerb 2016 teil, wo er Platz 9 der Leserwertung erreichte (und nach Wertung der Jury Platz 23). Durch die Gunst der Leser gehört dieser Beitrag zu den Preisträgern des Wettbewerbs. Mein Dank geht an alle, die mich mir ihrer Stimme unterstützt haben!


Homöopathie verspricht Heilmethoden, die schonend wirken – sanft, ohne Nebenwirkungen und nach einfachen Prinzipien. Diesem ganzheitlichen Heilversprechen steht die moderne Wissenschaft scheinbar unversöhnlich gegenüber und empfiehlt stattdessen unaussprechbare chemische Wirkstoffe, Therapien und Impfungen, die immer auch mit Gefahren und Risiken verbunden sind. Zwischen diesen beiden Standpunkten stehen Patienten die sich fragen müssen, ob sie gegen ihre Kopfschmerzen lieber nicht-selektive Cyclooxygenase-Hemmer oder stattdessen homöopathische Globuli nehmen sollen. Wissenschaft oder Alternativmedizin: Wer hat recht?

Die Antwort ist eindeutig: Niemand, nirgends. Denn es gibt keine Wahrheit – und das ist das große Dilemma der exakten Wissenschaften.

Theorien sind Bilder, nicht die Wahrheit

Vereinfachend kann man alles das als „Wahrheit“ bezeichnen, was mit der Wirklichkeit übereinstimmt. Die Wirklichkeit genau zu beschreiben ist die Aufgabe jeder Wissenschaft. Und hier liegt das Problem, denn die Frage, was überhaupt „wirklich“ ist, ist kaum zu beantworten. Unter anderem deshalb ist die Wissenschaft ein unglaublich langsamer, zäher und schwieriger Prozess voller Irrtümer, Fehlschläge und Überwerfungen. Wie soll man auch die Realität vollständig beschreiben, wenn man noch nicht einmal sagen kann, was die Realität eigentlich ist?

Die Wissenschaft geht deshalb in winzigen Schritten vor, buchstäblich wie jemand der sich auf dünnem Eis bewegt: Schritt für Schritt wird die Natur abgeklopft, untersucht und verzeichnet, und dann vorsichtig der nächste Schritt gewagt. Dabei kann man sich aber nie sicher sein, dass alles tatsächlich so ist wie man zu wissen glaubt.

Nachts wird es dunkel? Wenn das so wäre, sähe es der Gegend von Akranes (Westisland) im Juni um 23 Uhr wohl anders aus. Bild: Zairon [CC BY-SA 3.0] / Wikimedia Commons
In ihrer Beschreibung der Welt arbeitet die Wissenschaft mit Modellen der Wirklichkeit: den Theorien. Jede Theorie gilt immer nur für einen bestimmten Bereich der Realität und muss durch Beobachtungen der Wirklichkeit überprüfbar sein. Ein einfaches Beispiel habe ich vor einigen Jahren in meinem ersten Sommer in Island erlebt: Bis dahin ging ich davon aus, dass es innerhalb von 24 Stunden Tag und Nacht gibt. Wenn man aber von Mai bis Juli keine völlige Dunkelheit mehr erlebt und keinen Sternenhimmel mehr sieht, zweifelt man unwillkürlich an dieser „Wahrheit“. Die Theorie von Tag und Nacht, wie ich sie bis dahin kannte, ist zwar in sich selbst richtig, aber für den Beobachter am Polarkreis nur begrenzt wahr. Und das ist auch gut so, weil eine Theorie durch Beobachtungen immer auch widerlegbar (falsifizierbar) sein muss.

Logische Aussagen, die nicht nachweisbar und nicht widerlegbar sind, sind keine Theorien und erst recht nicht wissenschaftlich. Ein Beispiel sind die sogenannten „Gottesbeweise“, die durch logische Argumentation die Existenz eines Schöpferwesens nachweisen wollen. Sie basieren zwar auf Beobachtungen (wie beispielsweise die Feststellung, dass es die Welt gibt) – es ist aber nicht vorgesehen, dass eine bestimmte Beobachtung der Welt auf die Nicht-Existenz eines Gottes hinweisen kann. Aber auch die immer beliebter werdenden Verschwörungstheorien (wie die, dass die Erde flach oder wahlweise hohl wäre, oder dass die Mondlandung fingiert sei) sind grundsätzlich nicht widerlegbar und deshalb auch keine Theorien im wissenschaftlichen Sinn.

Der Bus hat recht: Es gibt (mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit) keinen Gott. Bild: Buskampagne.de
Der Bus hat recht: Es gibt (mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit) keinen Gott. Bild: Buskampagne.de

Dass es einen oder mehrere Götter gibt, kann natürlich nicht völlig ausgeschlossen werden; ebenso wenig wie die Existenz des berühmten Fliegenden Spaghettimonsters oder einer Teekanne auf einer Sonnenumlaufbahn zwischen Mars und Erde. Alle bisher gemachten Beobachtungen deuten aber darauf hin, dass die Existenz von Göttern, Nudelwesen und interplanetaren Porzellanobjekten nicht sehr wahrscheinlich ist. Der Autor Phil Plait bringt es in der aktuellen Debatte um die Existenz von Chemtrails auf den Punkt: „Wenn ich morgens meine Schlüssel nicht finden kann, kann ich auch nicht ausschließen, dass Dinosauriergeister sie vor mir versteckt haben. Es scheint nur ein bisschen unwahrscheinlich.“

Dass es sich bei wissenschaftlichen Theorien eben „nur“ um Theorien handelt, wird oft als Argument dafür angebracht, dass sie keine Wahrheiten sind. Auch wenn dieses Argument auf einem falschen Verständnis von Theorien basiert, stimmt es sogar. Denn Theorien sind immer nur ein Abbild eines begrenzten Ausschnitts der Wirklichkeit. Das macht andere, nichtwissenschaftliche Aussagen aber nicht „wahrer“ oder wahrscheinlicher.

Die Wahrheit ist immer auch die ganze Wahrheit

Gleichzeitig argumentieren viele Homöopathen damit, dass die Nicht-Wirksamkeit ihrer Heilmethode nicht zweifelsfrei nachgewiesen wurde. Das ist ein Scheinargument, denn die Unwirksamkeit der Homöopathie wurde mehrfach festgestellt. Natürlich gibt es genügend Studien die auch auf das Gegenteil hinweisen, d.h. die Wirksamkeit der Homöopathie untermauern. Es ist aber unredlich, sich in einer wissenschaftlichen Debatte einfach die Experimente herauszupicken, die einem am besten in den Kram passen um seinen Standpunkt zu rechtfertigen.

Die Wahrheit ist kein Rosinenkuchen. Bild: Markus Klenk / pixelio.de
Auch wenn es verlockend ist, sich nur die Rosinen herauszupicken: In der Wissenschaft wird immer der ganze Kuchen gegessen. Egal ob er schmeckt. Bild: Markus Klenk / pixelio.de

Es ist ein Prinzip der wissenschaftlichen Arbeit „strikte Ehrlichkeit im Hinblick auf die Beiträge von Partnern, Konkurrenten und Vorgängern zu wahren“. Ein anderes Prinzip der Wissenschaft ist es, „alle Ergebnisse konsequent selbst anzuzweifeln“. Das betrifft auch die eigenen Ergebnisse. Natürlich fällt es auch vielen Wissenschaftlern mitunter sehr schwer, ihre eigenen Erkenntnisse zu überdenken und zu verwerfen. Oft genug stellen sich Jahre der Forschung als ein vergeblicher Irrweg heraus. Dass eine für „wahr“ gehaltene Annahme am Ende leider doch nicht zutrifft, kann zwar ein völlig richtiges und valides Ergebnis sein, aber dem Forscher nützt das leider wenig.

Das ständige in Frage stellen dessen, was als „wahr“ angenommen wird ist und was nicht, gehört zur Berufsbeschreibung des Wissenschaftlers. Denn erst die Fähigkeit zu Zweifeln erlaubt Entwicklung. Gleichzeitig ist kritisches Hinterfragen innerhalb der Lehre der verdünnten Wirkstoffe unerwünscht, was einer der Gründe dafür sein kann, dass die Grundsätze der Homöopathie seit 200 Jahren nahezu unverändert übernommen wurden. In der gleichen Zeit wurde die Physik durch die Begründung der Relativitätstheorie und der Quantenmechanik mehrfach auf den Kopf gestellt. Infolge dessen wurden Erfindungen gemacht, die mit dem Wissensstand vor 200 Jahren schlicht undenkbar gewesen wären. Durch den heutigen Stand der sogenannten „Schulmedizin“ ist unsere Lebenserwartung so hoch wie noch nie zuvor in der Geschichte der Menschheit. Und während humanitäre Hilfskräfte im von der Ebola-Seuche geplagten Westafrika massive Aufklärungsarbeit über den Erreger und über Hygiene leisteten um die Krankheit zurückzudrängen, versuchten die „Homöopathen ohne Grenzen“ allen Ernstes diese tödliche Krankheit mit hochreinem Wasser und Milchzucker zu behandeln.

Die Weltgesundheitsorganisation betreibt klinische Studien an einem Ebola-Impfstoff in Guinea. Die Methode der "Ringimpfung" wurde bereits in den 1970er Jahren verwendet um die Pocken auszurotten. Bild: WHO/S. Hawkey
Die Weltgesundheitsorganisation betreibt klinische Studien an einem Ebola-Impfstoff in Guinea. Die Methode der „Ringimpfung“ wurde bereits in den 1970er Jahren verwendet um die Pocken auszurotten. Bild: WHO/S. Hawkey

Im Zweifel für den Zweifel

Das soll nicht heißen, dass es in der Wissenschaft besonders leicht wäre, Dogmen zu überwinden: Um als „wahr“ erachtete Lehrmeinungen zu widerlegen und auch den letzten Zweifler zu überzeugen bedarf es unzähliger Experimente, Studien, vieler Erklärungen und eines sehr langen Atems. Wissenschaftliche Daten müssen von anderen Forschern unabhängig reproduziert werden können, was oft genug nicht gelingt. Das kann schon daran liegen, dass die Forscher sich in verschiedenen Klimazonen aufhalten und deshalb bei unterschiedlichen „Raumtemperaturen“ arbeiten, oder dass irgendein Detail in der Ausführung nicht erwähnt wurde.

Im Härtefall ist ein Forscher von seiner eigenen Entdeckung so überzeugt, dass er Gegenargumente oder Zweifel an seiner Arbeit einfach nicht gelten lässt und ein Ringen darum entsteht, was nun stimmt und was nicht. Der Streit um das angebliche Informations-Gedächtnis des Wassers ist nur ein Beispiel über den ständigen Diskurs um die Wahrheit, der in der Wissenschaft geführt wird. Aber auch in der Auslegung der nachweislichen Faktenlage spielen gesellschaftliche Normen, Wirtschaftsinteressen, oder eben religiöse Befindlichkeiten immer eine Rolle.

Bild: Dominique Toussaint [CC BY-SA 3.0a/a>] / Wikimedia Commons
Mit einem großen Pendel lässt sich die Rotation der Erde beobachten. Bild: Dominique Toussaint [CC BY-SA 3.0] / Wikimedia Commons
Was am Ende aber bleibt ist eine Reihe von Experimenten, die jeder durchführen kann um sich davon zu überzeugen, was tatsächlich der Fall ist. Das Blog-Portal „Der Goldene Aluhut“ sammelt derzeit Geld für den Bau einer Stratosphärensonde, mit deren Hilfe die Krümmung der Erde vermessen werden kann. Zweifler werden explizit dazu eingeladen, beim Bau der Sonde dabei zu sein und sich von der Richtigkeit des Experiments zu überzeugen. Und während die Sonde dann unterwegs ist, werden weitere Experimente empfohlen, wie zum Beispiel der Aufbau eines Foucaultschen Pendels.

Mit dieser ausdrücklichen Einladung zum Zweifeln macht sich die Wissenschaft ganz bewusst angreifbar. Erst dadurch öffnet sie sich nämlich neuen Ideen und erlaubt letztendlich Fortschritt. Gegen die marktschreierischen Heilsversprechen der Alternativmedizin ist die Wissenschaft dadurch aber rhetorisch unterlegen.

Wissenschaft ist nie endgültig

Ein weiteres häufiges Argument gegen den „Wahrheitsgehalt“ wissenschaftlicher Erkenntnisse ist, dass der wissenschaftliche Diskurs in dem jeweiligen Gebiet noch nicht beendet wäre. Überraschung: Der wissenschaftliche Diskurs geht nie zu Ende! Allein davon auszugehen, dass irgendwann zu einzelnen Themen jede Forschung abgeschlossen und die allumfassende Wahrheit herausgefunden wäre, widerspricht jeder Erfahrung der letzten paar Jahrtausende. Die ständige Erweiterung des Erkenntnishorizonts und nicht zuletzt die bewusst formulierte Widerlegbarkeit wissenschaftlicher Theorien stellen das sicher. Wissenschaftliche Erkenntnisse basieren auf Interpretationen von Beobachtungen, die sich ständig ändern und in neuen Kontexten gelten. Sie können daher niemals eindeutig sein, und schon gar nicht endgültig sein.

Gleichzeitig macht sich jeder unglaubwürdig, der dieses Argument ins Feld bringt um seine eigene „fertige“ Anschauung zu verkaufen. Der französische Autor und Literaturnobelpreisträger André Gidet warnte nicht umsonst: „Glaube denen, die die Wahrheit suchen und zweifle an denen, die sie gefunden haben.“

Die Wirklichkeit fragt uns nicht

Immer wenn man denkt, man hat alles begriffen, irrt man sich. Bild: Camille Flammarion [Public Domain] / Wikimedia Commons
Immer wenn man denkt, man hat alles begriffen, irrt man sich. Bild: Camille Flammarion [Public Domain] / Wikimedia Commons
Wahrheit im absoluten Sinn ist ein Ideal, das niemals erreicht werden kann. Jeder Mensch nimmt die Wirklichkeit auf seine individuelle Weise wahr und zieht seine eigenen Rückschlüsse daraus. Diese Rückschlüsse gelten im jeweiligen gesellschaftlichen Kontext, der letztendlich darüber entscheidet, was „wahr“ ist und was nicht. Im Jahr 1633 galt es noch als „wahr“, dass sich die Erde im Mittelpunkt des Universums befände, und es gab Beweise dafür. Gut 300 Jahre später stritten sich die Wissenschaftler über die Frage ob Licht aus Partikeln oder aus Wellen besteht, mit experimentellen Beweisen für jeden der beiden Standpunkte.

In der Erfahrung der Wirklichkeit sind wir immer auf unsere Sinne und unsere eigene Perspektive beschränkt. Daher sind auch unsere Rückschlüsse über die Welt immer begrenzt und unvollständig. Wenn eine Wahrheit als solche existiert, können wir sie niemals vollständig erfassen, was die Frage danach, was „wahr“ ist, sinnlos macht. Was uns bleibt, sind Beobachtungen unter genau bestimmten Bedingungen, die auch von anderen geteilt werden können. Was wir mit diesen Beobachtungen anfangen, ist uns selbst überlassen. Aus diesem Grund ist es wichtig, sich im Sinne von Kant seines eigenen Verstandes zu bedienen und alle Lehren kritisch zu hinterfragen und anzuzweifeln. Und genau hier liegt die Stärke der Wissenschaft: Sie lädt zum Mitdenken ein!

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