Chemie ist… blau machen!

Bild: Evan Izer (Palladian) [CC BY-SA 2.5] / Wikimedia Commons

Farbe ist politisch. Vor einigen Jahrzehnten waren noch indigoblau gefärbte „Nietenhosen“ ein Ausdruck der Auflehnung gegen Autorität und Establishment. In der DDR waren die Jeans in Schulen und auf Discos zeitweise verboten. Gleichzeitig war Indigo auch das Sinnbild des kommunistischen Chinas während Mao Zedongs Kulturrevolution.

Indigo – die letzte als Blau erkennbare Farbe vor dem Violett – ist seit dem Mittelalter in Europa und Asien bekannt. Gefärbte Stoffe waren damals noch ein Zeichen des Wohlstands. Folglich waren Städte mit Zugang zu der teuren Ressource bedeutende Handelszentren. Das „Erfurter Blau“ wird heute noch nachgefragt – als Bio-Farbe oder auch zur Restaurierung von historischen Gebäuden.

Indigo als Waffe im Kulturkampf: Während der Klassenfeind blaue Hosen trug, waren es im kommunistischen China blaue Anzüge. Bild: [Public Domain] / Wikimedia Commons

Beim Blau machen blau

Der Aufstieg dieser Farbe ist eng verknüpft mit dem Aufstieg der chemischen Industrie. Denn eigentlich stammt der blaue Farbstoff aus der indischen Indigopflanze und dem europäischen Färberwaid und musste sehr aufwändig gewonnen werden. Die Pflanzen enthalten nämlich kein Indigo, sondern die chemische Vorstufe Indican.

Ist gar nicht blau: Färberwaid (Isatis tinctoria) enthält nur eine farblose Vorstufe des Indigos. Bild: H. Zell [CC BY-SA 3.0] / Wikimedia Commons
Ist gar nicht blau: Färberwaid (Isatis tinctoria) enthält nur eine farblose Vorstufe des Indigos. Die muss erst chemisch aufgeschlossen werden. Bild: H. Zell [CC BY-SA 3.0] / Wikimedia Commons
Die musste erst einmal fermentiert werden. Das geschah durch wochenlanges Vergären mit Alkohol und Urin in der Sonne. Es wird erzählt, dass die Redewendung „blau machen“ von diesen langen Wartezeiten und reichlich Alkohol bei schönem Wetter stammt. Sprachwissenschaftler zweifeln das aber an.

Schon im Mittelalter wurde Indican zu Indoxyl fermentiert. Das geschah in der Regel durch tagelanges Vergären mit Urin in der Sonne. Der Sauerstoff der Luft verbindet jeweils zwei Moleküle Indoxyl zu Indigo.
Rein pflanzlich und 100 % natürlich: Schon im Mittelalter wurde das Indican aus dem Färberwaid durch tagelanges Vergären mit Urin zu Indoxyl fermentiert. Der Sauerstoff der Luft verbindet jeweils zwei Moleküle Indoxyl zu Indigo.

Vom Luxusgut zur Massenware

Ab dem Jahr 1870 wurde der wertvolle Farbstoff aus der Indigo-Pflanze synthetisch hergestellt. Als Levi Strauss im Jahr 1873 die Blue Jeans erfand, nutzte er den blauen Farbstoff, der seit kurzem günstig hergestellt werden konnte.

Im Laufe der Jahrzehnte wurden die Reaktionswege weiter verbessert und vereinfacht. Ab 1904 produzierte die BASF den blauen Farbstoff aus Anilin und Ethylenchlorhydrin. Die synthetische Herstellung von Indigo aus Anilin war ein bedeutender Schritt, weil Anilin eine Substanz war, die der Badischen Anilin- und Soda-Fabrik buchstäblich in rauen Mengen zur Verfügung stand. Das einstige Luxusgut und Statussymbol wurde zum billigen Massenprodukt.

Konstante Qualität ohne Abhängigkeit von der Ernte: Nach einem kaiserlichen Patent von 1904 stellte die BASF Indigo aus Anilin her. Als „Badische Anilin- und Soda-Fabrik“ hatte die BASF einen sehr guten Zugang zu dem Rohstoff. Die erste vollständige Synthese von Indigo gelang aber schon Adolf von Baeyer im Jahr 1870.
Konstante Qualität ohne Abhängigkeit von der Ernte: Nach einem kaiserlichen Patent von 1904 stellte die BASF Indigo aus Anilin her. Als „Badische Anilin- und Soda-Fabrik“ hatte die BASF einen sehr guten Zugang zu dem Rohstoff. Die erste vollständige Synthese von Indigo gelang aber schon Adolf von Baeyer im Jahr 1870.

Färben ist chemisch

Das wasserlösliche Indigoweiß wird mit der Zeit durch Sauerstoff wieder zu Indigo oxididiert. Bild: Michael Merle [CC By-SA 3.0] / Wikimedia Commons
Das wasserlösliche Indigoweiß wird mit der Zeit durch Sauerstoff wieder zu Indigo oxidiert. Bild: Michael Merle [CC By-SA 3.0] / Wikimedia Commons
Indigo ist nicht wasserlöslich. Dadurch bleibt die Farbe beim Waschen in den Fasern des Stoffs. Allerdings bedeutet das auch, dass man die Farbe nicht ohne weiteres in den Stoff eintragen kann.

Hier hilft eine Technik namens „Küpenfärberei“: Durch eine chemische Reaktion wird der wasserunlösliche Farbstoff in eine wasserlösliche Substanz umgewandelt. Mit dieser färbt man die Fasern. Anschließend wird der Farbstoff in die wasserunlösliche Form zurückgebracht. Das Indigo ist dadurch in den Fasern fixiert und kann nicht mehr ausgewaschen werden.

Die wasserlösliche Form des Indigo ist farblos und heißt „Indigoweiß“. Die Umwandlung von Indigo in Indigoweiß ist eine Reduktion und wird zum Beispiel mit Natriumhydrogensulfit (NaHSO3), Natriumdithionit (Na2S2O4) oder mit Borhydriden durchgeführt.

So geht Küpen: Ein Reduktionsmittel wandelt das in Wasser schlecht lösliche Indigo in gut lösliches Indigoweiß um. Der Sauerstoff in der Luft oxidiert es dann mit der Zeit wieder zu Indigo.
Schon seit dem Mittelalter gängige Färbepraxis: Ein Reduktionsmittel wandelt das in Wasser schlecht lösliche Indigo in gut lösliches Indigoweiß um. Der Sauerstoff in der Luft oxidiert es dann mit der Zeit wieder zu Indigo.

Im Mittelalter kannte man diese chemischen Grundlagen natürlich nicht. Die Leute wussten aber, dass Indigo wasserlöslich wird wenn man Urin hinzu gibt – dieser wirkt nämlich auch als Reduktionsmittel. Nach dem Färben musste man nur eine Weile warten, bis der Sauerstoff der Luft das Indigoweiß oxidiert und damit die Reduktion rückgängig gemacht hat.

Traditionsreiches Blau

Im japanischen Kampfsport Kendō ist Indigo die traditionelle Farbe der Kleidung und Rüstung. Bild: Harald Hofer [CC BY-SA 2.0 AT] / Wikimedia Commons
Im japanischen Kampfsport Kendō ist Indigo die traditionelle Farbe der Kleidung und Rüstung. Bild: Harald Hofer [CC BY-SA 2.0 AT] / Wikimedia Commons
Man muss aber keine redoxchemische Küpenfärberei betreiben um Stoffe mit Indigo zu färben. Besonders in traditioneller asiatischer Kleidung wird Indigo generell nicht fixiert.

In einigen japanischen Kampfsportarten wird Kleidung getragen, die anfangs noch tiefblau ist und über die Jahre des Trainings „ausblutet“. Es ist sogar gewollt, dass man nach dem Training in der Umkleidekabine eine blaue Haut hat.

Einerseits zeigen die Sporttreibenden mit ausgeblichener blauer Kleidung, dass sie ihren Sport schon sehr lange betreiben. Andererseits werden dem Farbstoff blutstillende Eigenschaft nachgesprochen, was im heutigen Kamfsport aber niemand mehr braucht.

Auch in Europa war Indigoblau vermutlich die Farbe, der man am häufigsten begegnete. Schon die Römer berichteten, dass die Einwohner Britanniens Indigo als Kriegsbemalung benutzen:

„Alle Britannier hingegen färben sich mit Waid blaugrün, wodurch sie in den Schlachten um so furchtbar aussehen; auch tragen sie lange Haare […]“ – Gaius Iulius Caesar, De bello Gallico

Einfach nur blau

Ob als kriegerische Gesichtsbemalung, traditionelle Gewandfarbe oder Symbol des Wohlstands: Indigo war immer ein Teil der menschlichen Kultur. Die anfangs noch aufwändige und übelriechende Herstellung des Farbstoffs aus Pflanzen wird inzwischen von der modernden chemischen Industrie übernommen, die ihren Aufstieg nicht zuletzt der Herstellung von Farben verdankt.

Blue Jeans sind nicht mehr rebellisch, sondern normal. Bild: Laura Mason [CC BY-SA 2.0] / Wikimedia Commons
Nicht zuletzt deswegen sind Blue Jeans als simple Freizeithose schon seit Jahrzehnten im Alltag angekommen. Es ist sicher auch nicht das Schlechteste, dass die Zeiten von Indigo in kommunistischen Uniformen oder zur Herrschaftskritik endgültig vorbei sind. Schließlich ist es einfach nur eine blaue Farbe. Eine soziale und emotionale Bedeutung wird sie aber wohl behalten, denn aus genau diesem Grund benutzen wir Farben überhaupt.