Chemie ist… kuschelig!

Bild: Alvin Mahmudov [Public Domain] / Unsplash

Direkt nach der Geburt vergessen Mütter die Schmerzen – stattdessen empfinden sie Glück und Liebe. Partner fühlen sich nach dem Sex miteinander verbunden und vertraut. Diese Vertrautheit und Verbundenheit führt auch dazu, dass wir Fremde ausgegrenzen und Schadenfreude gegenüber anderen empfinden. Dazu trägt eine Chemikalie namens Oxytocin bei. Die Substanz ist bekannt als das „Kuschelhormon“. Trotzdem hat sie nicht nur positive Seiten.

Neun Aminosäuren, viele Effekte

Oxytocin ist ein Peptid. Das bedeutet, dass es aus verschiedenen Aminosäuren besteht, die in einer bestimmten Reihenfolge miteinander verbunden sind. Damit zählt Oxyotcin zur gleichen Stoffgruppe wie auch Eiweiße und Enzyme. Mit nur neun Aminosäuren ist Oxytocin zwar ein eher kleines Peptid, aber eines mit großer Wirkung.

Struktur von Oxytocin
Neun Aminosäuren, von denen sechs einen Ring bilden – fertig ist das Kuschelhormon. Anders als manche Enzyme oder Eiweiße kann Oxytocin deshalb auch sehr einfach im Labor hergestellt werden.

Der Körper lagert Oxytocin in einer größeren Variante, und zwar in Verbindung mit dem Peptid Neurophysin. Insgesamt besteht der Oxytocin–Neurophysin-Komplex aus 106 Aminosäuren. Bei Bedarf spaltet ein Enzym das Oxytocin von diesem großen Molekül ab – und wir fühlen uns wohl und geborgen. Die Rezeptoren, die auf dieses Hormon ansprechen befinden sich in den Milchdrüsen und den Geschlechtsorganen, aber auch in den Nieren, dem Herzen, der Bauchspeicheldrüse, den Fettzellen und im Thymus.

Ein Hormon von Liebe und Ausgrenzung

Das Hormon wird bei jedem angenehmen Hautkontakt freigesetzt. Dazu zählen auch Wärme, Massagen und vor allem das Stillen von Säuglingen. Allerdings löst der Stoff auch Geburtswehen und den Milcheinschuss bei werdenden Müttern aus. Und er reduziert das Empfinden von Stress. Das Hormon verstärkt auch die Bindung zwischen Mutter und Kind.

Erst in den vergangenen Jahren wurde immer klarer, dass mit Liebe und Vertrautheit zu bestimmten Personen auch in chemischer Sicht die Ausgrenzung anderer verbunden ist.[1]A. K. Beery, „Antisocial oxytocin: complex effects on social behavior“, Current Opinion in Behavioral Sciences 2015 (6) 174–182. DOI: 10.1016/j.cobeha.2015.11.006 Oxytocin ist also nicht nur der biochemische Kitt von Beziehungen, sondern auch ein Botenstoff der Abgrenzung gegenüber Fremden.

Selbstverständlich sind für unser Verhalten aber mehr Faktoren verantwortlich als der Hormonspiegel. Als Spezies definieren wir Menschen uns aber seit jeher über unsere Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe in Konkurrenz zu „den anderen“. Wenn wir also mit unseren Lieben zusammenrücken, bedeutet das immer auch, dass wir eben die ausschließen, die uns fremd sind.

Quellen   [ + ]

1. A. K. Beery, „Antisocial oxytocin: complex effects on social behavior“, Current Opinion in Behavioral Sciences 2015 (6) 174–182. DOI: 10.1016/j.cobeha.2015.11.006