Warum sind K.O.-Tropfen legal erhältlich?

Getränk mit Tropfenfläschchen
Bild: Kevin O'Mara [CC BY-NC-ND 2.0] / flickr

Die Wissenssendung Galileo zeigte am vergangenen Mittwoch einen Selbstversuch zu den sogenannten „K.O.-Tropfen“. Das Team demonstrierte eindrucksvoll und unter ärztlicher Aufsicht die Wirkung dieser Substanz: Schon wenige Milliliter verursachen einen starken Rausch, der die betroffene Person hilflos machen kann. Was genau ist GBL und GHB und warum kann man sich diese K.O.-Tropfen ganz offenbar literweise völlig legal beschaffen?

Berauschende Lösemittel gibt es einige

In der Sendung über die Wirkung von K.O.-Tropfen bestellt die Reporterin Claire den Wirkstoff GBL (Gamma-Butyrolacton) völlig legal im Internet – und zwar einen halben Liter. Denn GBL fällt nicht unter das Betäubungsmittelgesetz. Das Gleiche gilt allerdings auch für die Narkosemittel Chloroform und Diethylether, die ebenso wie GBL in der Industrie und in chemischen Labors als Lösemittel benutzt werden.

In der Sendung nimmt die Reporterin unter Aufsicht eines Arztes K.O.-Tropfen zu sich. Der Arzt weigert sich völlig zurecht, der Frau das Lösemittel zu verabreichen, das sie sich selbst beschafft hat. Üblicherweise sind chemische Lösemittel nicht so hochrein wie es medizinische Wirkstoffe sein müssen. Stattdessen verabreicht der Arzt „die reinen K.O.-Tropfen (GHB)“. Und hier kommt die Chemie ins Spiel, denn nicht umsonst haben GBL und GHB zwei verschiedene Namen.

Legal erhältliches GBL ist die chemische Vorstufe zur illegalen Droge GBH. Der Körper wandelt GBL innerhalb von einer Minute in die Droge GBH um.
Legal erhältliches GBL ist die chemische Vorstufe zur illegalen Droge GBH. Der Körper wandelt GBL innerhalb von Sekunden in die Droge GBH um, indem der Ring des Moleküls geöffnet wird. Die griechischen Buchstaben bezeichnen die Position des Lactons, bzw. der Hydroxyl-Gruppe.

Das frei erhältliche GBL und die Droge GHB sind zwar zwei verschiedene Substanzen, sie hängen aber tatsächlich eng miteinander zusammen. Konsumiert man GBL, wird der Stoff im Körper innerhalb von Sekunden in das Rauschmittel GHB umgewandelt. Der eigentliche Wirkstoff ist also nicht das legal erhältliche GBL.

Schwer dosierbarer Botenstoff

Die Droge wirkt deswegen so stark berauschend, weil Gamma-Hydroxybuttersäure sehr stark mit einem Neurotransmitter verwandt ist: der Gamma-Aminobuttersäure (GABA, die Kurzform von „gamma-amino butyric acid“). Damit spricht die Droge im Nervensystem bestimmte Rezeptoren an, die normalerweise nur von GABA benutzt werden. Gleichzeitig gibt es aber auch noch einen anderen Rezeptor im Nervensystem, auf den nur GHB wirkt. Kein Wunder also, dass die Droge die Neurochemie stark durcheinander bringt.

Ähnlich im Aussehen und in der Wirkung: die Droge GBH und der Neurotransmitter GABA
Ähnlich im Aussehen und in der Wirkung: Die Droge GBH und der Neurotransmitter GABA.

Auch wenn sich also das legal erhältliche GBL faktisch so verhält wie das illegale GHB, gibt es trotzdem einige Unterschiede. GBL wird leichter vom Körper aufgenommen, muss deshalb deutlich schwächer dosiert werden als die eigentliche Droge.

Das macht es sehr schwer für potenziellen Straftäter, eine Person in den hilflosen Zustand zu versetzen, den die Reporterin im Galileo-Beitrag nach der zweiten Dosis GHB hatte. Ein paar Tropfen zu wenig, und das potenzielle Opfer ist „nur“ stark angeheitert. Ein paar Tropfen zu viel und das Opfer verliert das Bewusstsein oder gerät sogar in Lebensgefahr. Gleichzeitig verstärkt sich die Wirkung durch den zusätzlichen Genuss von Alkohol, was die „richtige“ Dosierung zusätzlich erschwert.

Betäubungsmittelgesetz für GBL nicht geeignet?

Völlig zu Recht wird in der Sendung angesprochen, dass GBL als Betäubungsmittel eingestuft werden sollte, denn GHB wurde ist ja schließlich auch illegal. Die Antwort des Bundesgesundheitsministeriums überrascht:

„Die Regelungen des Betäubungsmittelgesetzes sind für Massenchemikalien wie GBL nicht geeignet.“ (Bundesgesundheitsministerium)

Kurz gesagt, wird GBL in zu großen Mengen benötigt, als dass der Stoff als Betäubungsmittel deklariert werden könnte. Das mag stimmen. Die Forderung des Arztes, dass die Hersteller GBL mit Bitterstoffen versetzen, sollte aber umzusetzen sein. Denn Industrie-Alkohol (Ethanol), der ebenfalls eine Massenchemikalie ist, wird seit Langem durch beigefügte andere Chemikalien ungenießbar gemacht. Der Grund ist, dass für den Ethanol sonst die Branntweinsteuer fällig würde.

Aufeinander acht geben und nicht allein weggehen

Die Angst, mit K.O.-Tropfen angegriffen zu werden, wird durch die Lebensgefahr die durch das Gift ausgeht, natürlich nicht gerade gemildert. Inwieweit K.O.-Tropfen tatsächlich zu Straftaten eingesetzt werden, ist nicht bekannt. Das liegt zum Einen daran, dass die Opfer sich naturgemäß schwer an den Vorfall erinnern können. Zum Anderen wird die Droge so schnell im Körper abgebaut, dass sie schon nach wenigen Tagen nicht mehr nachweisbar ist.

Vor K.O.-Tropfen kann man sich schwer schützen. Aber gute Freunde können einem beistehen. Bild: yasmary [CC BY-NC-ND 2.0] / flickr
Vor K.O.-Tropfen kann man sich schwer schützen. Aber gute Freunde können einem beistehen. Bild: yasmary [CC BY-NC-ND 2.0] / flickr
Wie kann man sich also davor schützen? Die vom Galileo-Team vorgestellten Schnelltests (wie etwa ein spezieller Bierdeckel) haben den Nachteil, dass sie recht unhandlich sind und nur einmal benutzt werden können. Seit einigen Jahren ist deswegen eine besonders clevere Lösung in der Entwicklung: Ein Nagellack, der auf K.O.-Tropfen reagiert. Damit könnte man sein Getränk unauffällig testen und hätte sein Testlabor quasi immer „zur Hand“. Der sicherste Weg für eine Partynacht ist aber, mit guten Freunden unterwegs zu sein und aufeinander aufzupassen.

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