„Natürliche Schmerztablette“: Giftefeu statt Chemie?

Bild: Public Domain / Wikimedia Commons

Die aktuelle Ausgabe der EINKAUFAKTUELL (die unadressierte Postwurfsendung der Deutschen Post) zeigt auf ihrem Titelbild eine Anzeige, die Unglaubliches verspricht: „Forscher entwickeln eine natürliche Schmerztablette, die gezielt Schmerzen im Bewegungsapparat bekämpft“. Das Erstaunliche daran: „Der Arzneistoff in dieser Tablette ist so wirksam wie chemische Schmerzmittel, dabei aber gut verträglich!“ Die Chemie ist die Lehre von den Stoffen; ein Wirkstoff ist daher immer auch eine Chemikalie, nämlich ein Stoff. Wie kann ein Arzneistoff daher nicht chemisch sein und um welchen Stoff handelt es sich dabei?

Werbung für eine "natürliche Schmerztablette". Erschienen in: EINKAUFAKTUELL, TV-Woche 14.01. – 20.0.01.2017, Seite 3.
Werbung für eine „natürliche Schmerztablette“. Erschienen in: EINKAUFAKTUELL, TV-Woche 14.01. – 20.0.01.2017, Seite 3.

Hochwirksame Pflanzenstoffe

Laut Werbung „so wirksam wie chemische Schmerzmittel“: Urushiol, das Kontaktallergen des Giftefeus. Das R steht für verschiedene langkettige organische Molekülreste.

Im Anzeigentext wird als Wirkstoff die Substanz „T. quercifolium“ genannt, die nicht chemisch, sondern „natürlich“ Gelenkschmerzen bekämpft. Dabei handelt es sich tatsächlich nicht um einen Stoff, sondern um die Pflanze Toxicodendron quercifolium, den Eichenblättrigen Giftsumach – auch bekannt als Giftefeu oder Gifteiche.

Einigen ist diese Pflanze sicher aus amerikanischen Filmen bekannt, da sie manchen Waldspaziergang mit schweren allergischen Hautausschlägen beendet. Ursache für diesen „natürlichen“ Hautausschlag ist eine Gruppe chemischer Verbindungen, die T. quercifolium enthält: die sogenannten Urushiole. Sie bilden eine Gruppe von Chemikalien, die sich chemisch aus der Molekülstruktur des Brenzcatechins (1,2-Hydroxyphenol) ableitet.

Natürliche Chemikalien aus dem Giftefeu

Urushiole aus dem Giftefeu lösen schwere allergische Reaktionen aus. In extrem hoher Verdünnung haben sie diese Wirkung aber nicht. Bild: Abm6868 [CC BY-SA 4.0] / Wikimedia Commons
Urushiole sind extrem starke Allergene. In den USA, wo die Pflanze einheimisch ist, ist eine Allergie gegen Giftefeu die am häufigsten auftretende Allergie. Es ist fraglich ob dieser Stoff tatsächlich „schmerzlindernd und entzündungshemmend“ wirkt, wie die Werbeanzeige behauptet. Quellenangaben zu den erwähnten wissenschaftlichen Studien fehlen jedenfalls. Derart wirksame Chemikalien zu pharmazeutischen Zwecken einzusetzen ist aber sehr naheliegend. Das Kleingedruckte der Annonce verrät, dass der Wirkstoff „Rhus toxicodendron trit. D6“ „nach homoöpathischem Arzneimittelbild“ verwendet werden soll.

Das Kürzel „D6“ gibt Anlass zur Entwarnung, denn das hochpotente Allergen ist damit in der Verdünnung 1:1.000.000 in der „natürlichen Schmerztablette“ enthalten. Ab diesem Verdünnungsgrad sind in der Tablette mehr Verunreinigungen aus dem Verdünnungsmittel enthalten als eigentlicher Wirkstoff. Tatsächlich behält der Anzeigentext recht, dem Wortlaut nach: Denn die Wirksamkeit von millionenfach verdünntem Giftefeu ist tatsächlich mit chemischen Schmerzmitteln vergleichbar. Der Vergleich ergibt aber, dass die konventionellen „chemischen“ Schmerzmittel nachweislich gegen Schmerzen wirken. Eine Wirkung von homöopathischen Mitteln ist dagegen seit den etwa 200 Jahren ihres Bestehens nicht erwiesen.

Es macht keinen Unterschied ob man Globuli in Tablettenform presst und das Wort „Homöopathie“ nur im Kleingedruckten schreibt: Ein Arzneimittel das so wenig von einem Wirkstoff enthält, dass es keine Wirkung mehr hat, ist ein Placebo.

4 Kommentare

  1. Immer herrlich, diese „chemiefreie“ Chemie.

    Charakteristisch für eine Allergie ist anbei, dass kleine Mengen des Allergens eine heftige (Über-)Reaktion des Immunsystems auslösen können (wenngleich sich das beim „allergischen Kontaktekzem“, das überdies erst Stunden bis Tage nach dem Kontakt mit dem Allergen in Erscheinung tritt, in Grenzen hält: Anders als die „klassische“ Allergie, die beim Kontakt sofort auftritt, ist eine Kontaktallergie als solche nicht gefährlich, sondern „nur“ fies).

    Wenn ein Stoff dann so niedrig dosiert ist, dass er nicht einmal mehr eine Allergie auslösen kann, kann die Dosis wirklich nichts enthalten, das noch irgendetwas anderes bewirken könnte. Damit wäre das Arzneimittel tatsächlich so gut wie chemiefrei… wenn da nicht die Füllstoffe, aus denen die Tablette besteht, und die erwähnten Verunreinigungen wären… 😉

  2. Abgesehen davon, dass Leben „Chemie“ IST – „natürlich“ mit „chemiefrei“ und „harmlos“ gleichzusetzen, ist eine Frechheit.
    Ach ja, und ein rein natürliches, seit Jahrtausenden bewährtes und wirklich hoch wirksames Schmerzmittel ist OPIUM.
    Hmm, warum bloß unterbindet der Gesetzgeber den Verkauf, wo das doch reine Natur (getrockneter Mohnsaft) ist? 😉

  3. Heute lächeln wir über die wissenschaftlichen Erkenntnisse von vor 200 Jahren.
    Ich bin mir sicher, in 200 Jahren lächeln die Wissenschaftler auch über unsere heutigen wissenschaftlichen ach so fundierten Erkenntnisse. Oder was denkt Ihr?
    Nur mal so. 🙂

    • Hallo Guftsumach und Danke für die Anmerkung!
      Das ist völlig richtig, Wissenschaft ist nie abgeschlossen. Außerdem erweitert sich auch der Kontext ständig, in dem das bekannte Wissen betrachtet werden muss. In der Geschichte der Menschheit wurden ja auch unzählige Theorien überworfen und durch neue ersetzt, die wiederum nur eine begrenzte Lebensdauer haben.
      Schwierig wird es, wenn wider besseres Wissen an Interpretationen über die Welt festgehalten wird, die nicht mit den gemachten Beobachtungen übereinstimmen und nach dem bestehenden Wissensstand nicht schlüssig sind. Immerhin gilt der Zeitpunkt, an dem die Phlogistontheorie überworfen wurde, als Geburtsstunde der Chemie als echte Naturwissenschaft.
      Es ist ein Treppenwitz der Geschichte, dass erst die Alchemie aufgegeben werden musste, um herauszufinden wie man tatsächlich Gold herstellen kann. Genau diese Bereitschaft, Erkenntnisse kritisch zu hinterfragen (auch und vor allem die eigenen) und sie zur Not auch zu überwerfen, unterscheidet ja die Wissenschaft von in sich geschlossenen Glaubenssystemen.

      Viele Grüße, Marco

Kommentar verfassen