Kolloidales Silber: Wie Seife, nur teurer

Bild: Alchemist-hp [CC BY-NC-ND 3.0] / Wikimedia Commons

Ein Geheimtipp unter den Heilmitteln ist kolloidales Silber. Die Website „Zentrum der Gesundheit“ (stolz präsentiert von der schweizer Neosmart Consulting AG und Träger des Goldenen Bretts für das Lebenswerk) bewirbt das feinverteilte Schwermetall als Mittel gegen Bakterien, Pilze und Viren – und zwar als eines das nur die „bösen“ unter ihnen vernichtet.

Während der Pharmaindustrie zu Recht eine Gewinnabsicht unterstellt wird, taucht eine passende Kauf-Information zu dem Mittel im eng verbandelten Onlineshop gleich zwei mal in dem Beitrag über das Wundermittel auf. Was ist also kolloidales Silber und wofür ist es gut?

Schwermetall mit gutem Ruf

Nanopartikel und Schwermetalle sind in geringen Dosen nicht gefährlich. Sie sind sogar nützlich und werden deshalb manchmal auch in Impfstoffen eingesetzt. Bild: [Public domain] / Wikimedia Commons
Wer Angst vor Schwermetallen hat, wie beispielsweise Quecksilber, oder vor Nanopartikeln wie Alumiumiumhydroxid, sollte stutzig werden. Denn kolloidales Silber ist eine Mischung von feinverteilten Nanopartikeln des Schwermetalls in Wasser. Durch die geringe Größe besteht das Silber fast nur aus Oberfläche.

Deshalb hat es andere Eigenschaften als das feste Metall, das man als Schmuck oder Besteck kennt. Auch wenn das Zentrum der Gesundheit das gerne durcheinander bringt: Nano-Silber, das in der Petrischale Bakterien und Pilze tötet hat wenig mit dem Silber gemein, das Hildegard von Bingen oder Paracelsus benutzten.

Antibakteriell… in der Petrischale!

Links: Eine unbehandelte Petrischale vier Tage (oben) und sechs Tage (unten) nach kurzer Bekeimung an der Luft. Rechts: Vergleichstest mit Nähragar, der vor Bekeimung mit kolloidalem Silber behandelt wurde. Bild: Dr. N. Josef Pies / Bert von Beuren [CC BY-SA 3.0] / Wikimedia Commons
Die antibakterielle Wirkung von Nanosilber ist tatsächlich bestätigt; allerdings nur außerhalb von Lebewesen. Dort tötet es Bakterien und Pilze ab und hindert Viren daran, Zellen zu infizieren (anders als das Zentrum es schreibt, können Viren nicht getötet werden, denn Viren leben nicht). Die tödliche Wirkung unterscheidet aber nicht zwischen den Bakterien die wir gut finden und denen die uns nicht in dem Kram passen. Das Metall kennt nämlich unsere Wünsche nicht.

Das feinst-verteilte Silber setzt toxische Silber-Ionen frei, die durch die Zellwände in die Mikroben eindringen. Durch die besonders hohe Oberfläche der Nanopartikel können sich auch besonders viele dieser Ionen bilden – der Onlineshop, der dem Zentrum der Gesundheit angeschlossen ist, gibt den Anteil dieser Ionen mit stattlichen 80 Prozent an.

Wegen der antiseptischen Wirkung wird das ultrafeine Silber auch in Hautcremes verwendet. Über die Wirkung im Körperinneren ist allerdings kaum etwas bekannt. Es gibt aber Hinweise darauf, dass Nanosilber in Organen oxidativen Stress auslöst und Lunge, Leber, Gehirn, Blutgefäße und Fortpflanzungsorgane schädigen kann. Das Bundesamt für Risikobewertung rät jedenfalls vorsorglich davon ab, Nanosilber zu verwenden.

Von der Forschung überholt

Immerhin zählt das Zentrum der Gesundheit eine ganze Reihe von Seuchen auf, die durch die moderne Forschung erfolgreich bekämpft wurden (und zwar ohne das Schwermetall) und stellt fest:

Im 20. Jahrhundert sind die Antibiotika erfunden worden und somit müssten eigentlich Seuchen und Epidemien von der Erde verschwunden, oder zumindest sehr selten sein.

Hier hat die Neosmart Consulting AG völlig Recht: Blattern, Pocken, Pest, Syphilis, Ruhr, Typhus, Tuberkulose und Cholera haben durch Antibiotika, antivirale Medikamente (und auch durch Impfungen) ihren Schrecken verloren. Selbst die Masern gelten auf dem Amerikanischen Doppelkontinent inzwischen als ausgerottet. Die Epidemien und Seuchen, die die Menschheit heutzutage plagen sind neuartige Krankheiten (beispielsweise AIDS oder Zika), verbreiten sich durch mangelnde Hygiene (wie z.B. Cholera in Hochwasserregionen) oder sind gar keine Seuchen (wie z.B. Krebs oder auch Erbkrankheiten). Manche Krankheiten sind aber auch einfach nur verdammt schwer zu bekämpfen. Und keine einzige kann durch kolloidales Silber geheilt werden.

Der Nutzen von Desinfektionsmitteln im Alltag ist generell umstritten, da sie oft nicht halten was sie versprechen und eher die Bildung von Resistenzen der Erreger fördern. Wasser und Seife erfüllen in den meisten Fällen den gleichen Zweck.

Frei von Nebenwirkungen? Fast.

Kolloidales Silber kann Spuren hinterlassen. Die Blaufärbung der Haut tritt aber nur bei exzessiver Nutzung über einen langen Zeitraum auf. Bild: Limulus [CC BY 2.0] / Wikimedia Commons
Über eine Wirkung von kolloidalem Silber im Körperinneren ist zwar sehr wenig bekannt, aber das Zentrum flunkert schon ein bisschen bei der Behauptung, dass die Nanopartikel „frei von Nebenwirkungen“ wären. Wie jedes Schwermetall kann sich auch Silber in den Organen und in der Haut ablagern. In schweren Fällen wird die Haut dadurch zu einer Art Fotoplatte und verfärbt sich dunkel – das Symptom heißt „Argyrie“. Diese Blaufärbung ist allerdings harmlos und tritt sehr selten auf; man muss dazu schon ständig große Mengen des Nanometalls aufnehmen.

Davor Warnen können die Betreiber des Onlineshops (die Fair Trade Handels AG) allerdings nicht, denn sie dürfen „weder schriftlich noch mündlich Aussagen zu den vielfältigen Einsatzgebieten des Kolloidalen Silbers sowie zu dessen Anwendung machen“. Eine andere Firma, wie etwa die Betreibergesellschaft des Zentrums der Gesundheit darf das aber. Da ist es schon ein großes Glück für die Verkäufer, dass der Onlineshop sich auf der gleichen Internet-Domain befindet wie das Informationsportal und beide prominent auf einander verlinken.

Knapp 50 Euro für einen Liter Wasser

Gereinigt, informiert und energetisiert. 10 ppm (parts per million) bedeutet: 99,999 % Wasser mit Spuren von reinstem Schwermetall. Der Liter kostet 49,80 Euro. Bild: zentrum-der-gesundheit.de

Zum Desinfizieren von Oberflächen und der Haut ist das Mittel jedenfalls gut geeignet. Es ist aber nicht besonders günstig: 100 Milliliter kosten knapp fünf Euro. Ein Stück Seife ist da deutlich Kosten-effzienter. Denn bei einem Silbergehalt von 0.001 Prozent ist das Wasser folglich zu 99,999 Prozent rein. Für den Verkäufer dürfte dabei wohl eine Gewinnspanne anfallen, von der selbst Pharmakonzerne nur träumen. Und vielleicht sieht die Neosmart Consulting AG ja auch etwas von dem Geld. Schließlich betreibt sie ja die Webseite des Onlineshops. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt…

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