„Natürlich hat es auch eine politische Dimension“ – Interview mit Frank Gaunitz zum Science March

Bild: @ScienceMarchLE

Am kommenden Samstag, den 22. April finden anlässlich des „Earth Day“ weltweit bei einem „Science March“ Demonstrationen für die Wissenschaft und ihre Werte statt. Die Aktion wird von vielen wissenschaftlichen Organisationen und Wissenschaftlern unterstützt. Gleichzeitig wird sie – typisch für die Wissenschaft – auch kritisch betrachtet und hinterfragt. Welche Anliegen hinter der Aktion stehen und wie es danach weitergehen kann, erklärt Professor Dr. Frank Gaunitz, von der Klinik und Poliklinik für Neurochirurgie des Universitätsklinikums, im Interview.

Der Biochemiker Frank Gaunitz ist Leiter der Forschungslabore der Klinik und Poliklinik für Neurochirurgie am Universitätsklinikum Leipzig. Er steht auch dem Arbeitskreis des studium universale der Universität Leipzig vor.

Herr Professor Gaunitz, warum unterstützen Sie den March for Science?
Gaunitz: Der „March for Science“ findet weltweit in über 500 Städten statt. Er soll darauf aufmerksam machen, welchen Stellenwert die Wissenschaft für unsere moderne Gesellschaft und unsere Demokratie hat. Dafür müssen sich natürlich vor allem Wissenschaftler selbst stark machen und aus dem oft beschworenen Elfenbeinturm herauskommen, in dem wir angeblich viel zu häufig sitzen.

Wie genau beteiligen Sie sich an der geplanten Aktion?
Gaunitz: In Leipzig hat sich eine kleine Gruppe hoch motivierter Menschen zusammengefunden. Gemeinsam haben wir eine Strategie entwickelt, um den „March“ bekannt zu machen, anzumelden und die Logistik rund um die Veranstaltung zu organisieren. Jeder hat verschiedene Aufgaben übernommen. Als Leiter des studium universale der Universität Leipzig bin ich gut vernetzt. Deshalb habe ich vor allem den Kontakt zur Universität, der HTWK (Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur), dem Referat Wissenspolitik und anderen wissenschaftlichen Einrichtungen in Leipzig koordiniert. Aber wie gesagt, wir arbeiten als Team und die Aufgaben werden auf alle Schultern verteilt.

Mit wie vielen Teilnehmern rechnen Sie?
Gaunitz: Angemeldet wurden ursprünglich zwischen 200 und 2.000 Teilnehmer. Das Referat Wissenspolitik der Stadt Leipzig fand diese Zahl sehr gering, da gut 50.000 Menschen in die Wissenschaft in Leipzig eingebunden sind.  Ich weiß aber nicht, wer alles von dieser Zahl erfasst wird. Es ist völlig offen, wie viele Menschen wir mobilisieren werden. Wir hoffen aber, dass wir eine vierstellige Zahl erreichen werden.

„Überall sehr positive Resonanz“

Wie haben Ihre Kollegen und Ihre Studenten reagiert, als sie von Ihrem Einsatz für die Wissenschaft außerhalb der Universität erfahren haben?
Gaunitz: Meine Aktivitäten außerhalb meines eigenen Forschungsgebietes sind den meisten meiner Studierenden und Kollegen bekannt. Ich denke, sie werden auch weitgehend geschätzt. Mit meinem Einsatz für den „March for Science“ bin ich von vielen Kollegen zuerst mit einer gewissen Skepsis konfrontiert worden. Dabei wurde ich tatsächlich überhaupt erst durch meine Fachgesellschaft, der Gesellschaft für Biochemie und Molekularbiologie (GBM) auf den „March“ aufmerksam gemacht. In der Zwischenzeit hat sich diese anfängliche Skepsis verringert. Das hat sicher sehr viel damit zu tun, dass jetzt praktisch alle Wissenschaftsorganisationen den „March“ unterstützen. Erst am 6. April hat die Allianz der Wissenschaftsorganisationen den „March for Science“ in einer Stellungnahme ausdrücklich begrüßt.

Haben Sie in den verschiedenen Fachbereichen unterschiedliche Sympathien gegenüber der geplanten Aktion beobachtet? Oder ist die Resonanz überall ähnlich ausgeprägt?
Gaunitz: Die Resonanz war überall sehr positiv, insbesondere an den übergeordneten Stellen, wie Rektoraten oder Institutsleitungen. Unterschiede zwischen verschiedenen Fachbereichen, wie etwa Natur- oder Geisteswissenschaften, gibt es hier gar nicht.

Demonstrationen gegen Kriege oder für Bürgerrechte sind ja nichts Neues. Dass aber weltweit für Wissenschaft und Fakten demonstriert werden soll, ist nach meinem Kenntnisstand noch nie dagewesen. Was hat sich geändert, dass es dazu gekommen ist?
Gaunitz: An dieser Stelle kann ich auch nur spekulieren ob es tatsächlich so etwas gegeben hat, wie den sprichwörtlichen Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Viele Aspekte spielen eine Rolle, die wir ja auch in unseren „Statements“ formulieren. Konkrete Beispiele sind die Verleugnung des Klimawandels oder anderer wissenschaftlicher Fakten, wenn sie nicht zu den jeweiligen politischen Zielen oder wirtschaftlichen Interessen passen. Wenn Sie lieber ein lokales Beispiel haben möchten, dann kann ich auf den letzten Masernausbruch in Leipzig verweisen. Das ist ein Beispiel dafür, wie sich die bewusste Verleugnung oder Verdrängung wissenschaftlicher Erkenntnisse auswirken können. Auch die häufige Skepsis gegenüber einer Grundlagenforschung, die nicht unmittelbar profitabel oder gesellschaftlich relevant erscheint, frustriert viele Wissenschaftler. Den wenigsten ist bewusst, wie viele Erkenntnisse in unseren Alltag eingeflossen sind, die zuerst für das alltägliche Leben als irrelevant erschienen. Zum Beispiel würde kein Navigationssystem auf unseren Straßen ohne die Relativitätstheorie funktionieren.

„Nicht für eine bestimmte Theorie, sondern für die wissenschaftliche Methode an sich“

Es gibt einige Bedenken gegen den Science March. Ein wichtiges Argument ist, Kritiker könnten sich in ihrer Annahme bestätigt sehen, dass Wissenschaftler interessengebunden wären und ihre Forschung politisch instrumentalisieren würden. Teilen Sie diese Befürchtung?
Gaunitz: Dass es solche Stimmen geben würde, war vorhersehbar. Entscheidend ist, dass wir gerade nicht für eine bestimmte wissenschaftliche Theorie auf die Straße gehen, sondern für die wissenschaftliche Methode an sich. Natürlich hat es auch eine politische Dimension, wenn wir uns dagegen wenden, dass gefühlte Wahrheiten zur Grundlage politischer Entscheidungen werden. Es droht die Gefahr, dass einer Forschung die finanzielle Grundlage entzogen wird, die nicht in politische Konzepte passt oder Wirtschaftsinteressen entgegensteht.

Wie kann man dem entgegentreten?
Gaunitz: In erster Linie ist sehr viel Öffentlichkeitsarbeit nötig. Wissenschaftler müssen noch viel mehr als bisher bereit sein, und die Möglichkeit haben, ihre Forschung in den gesellschaftlichen Diskurs einzubringen. Die Open-Access-Initiative ist nur ein erster kleiner Schritt. Selbst wenn unsere wissenschaftlichen Beiträge in Fachmagazinen für jeden verfügbar sind, dann bedeutet das noch lange nicht, dass sie auch von jedem verstanden werden. Zumal sie meistens auf Englisch geschrieben sind. Das studium universale der Universität Leipzig ist hier vielleicht ein erster Ansatz. Die von uns angebotene Reihe ist für jeden frei zugänglich. Dort versuchen wir einem interessierten Publikum wissenschaftliche Erkenntnisse verständlich zu präsentieren. Vielleicht könnte man auch noch mehr Wissenschaftler dafür begeistern, Seminare zu Ihren Themen anzubieten, beispielsweise an Volkshochschulen. Dafür braucht man aber natürlich Freiräume. In einem Wissenschaftsbetrieb, in dem manche Forscher mehr als 12 Stunden täglich arbeiten, ist das leichter gesagt als getan.

„Wir arbeiten als Team und die Aufgaben werden auf alle Schultern verteilt.“ – Das Organisationsteam hat einiges auf sich genommen. Neben der Forschung und Lehre, versteht sich. Bild: @ScienceMarchLE

„Der March for Science kann nur ein Anfang sein“

Gibt es aus Ihrer Sicht ein Kommunikations-Defizit zwischen Wissenschaft und Gesellschaft?
Gaunitz: Das denke ich schon. Wie ich schon sagte, liegt es aber nicht nur am Unwillen der Wissenschaftler, sondern oft einfach an den fehlenden Freiräumen. Gerade junge Wissenschaftler haben in der Regel in Deutschland nur Zeitverträge. Sie stehen unter dem sehr hohen Druck, innerhalb der begrenzten Zeit durch einen hohen wissenschaftlichen „Output“ eine Zukunftsperspektive zu bekommen. Darin liegt ein großes Problem. Wenn es nicht gelingt, durch  Öffentlichkeitsarbeit Ängste vor bestimmten Forschungsgebieten zu nehmen (beispielsweise der Gentechnik), dann wird es in Deutschland eben auch irgendwann keine entsprechende Forschung mehr geben. Ein Großteil der Menschen wendet sich dann gegen diese Forschung – aus einer Sorge heraus, die aus unvollständiger Kenntnis erwächst.

Glauben Sie, dass der Science March etwas bewirken wird? Was versprechen Sie sich konkret, kurz- und langfristig, von der geplanten Demonstration?
Gaunitz: Der „March for Science“ kann nur ein Anfang sein. Gleichzeitig darf er nicht nur ein Anfang sein. Meine Erwartung an den „March“ ist erst einmal, darauf aufmerksam zu machen, dass wir Wissenschaftler nicht in dem bereits beschworenen Elfenbeinturm sitzen. Außerdem hoffen wir, dass sich auch sehr viele Nicht-Wissenschaftler beteiligen und zeigen, dass sie den Wert einer fundierten Wissenschaft kennen und diese den „gefühlten Wahrheiten“ oder „alternativen Fakten“ vorziehen. Für mich ist es jetzt auch schon ein tolles Zeichen, dass viele verschiedene Wissenschaftsorganisationen sich unterstützend hinter den „March“ stellen. Vielleicht können wir mit diesem Funken auch das Bewusstsein neu schärfen, dass Wissenschaft ein Teil der Gesellschaft ist. Hier sind auch alle großen Organisationen aufgerufen, sich noch einmal neu Gedanken darüber zu machen, wie man Öffentlichkeitsarbeit gestalten kann. Es geht dabei um mehr als nur zu zeigen, wie toll eine Einrichtung in den letzten Jahren publiziert hat oder wie viele Drittmittel sie eingeworben hat.

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