Vertrauen muss verdient werden – Reportage zum March for Science in Leipzig

Weltweit gehen Wissenschaftler auf die Straße und demonstrieren dafür, frei forschen zu können und ernst genommen zu werden. In einem „March for Science“ wenden sie sich dagegen, dass Fakten verzerrt oder ignoriert werden, nur weil sie nicht in das jeweilige Meinungsbild oder die politische Agenda passen. Bei der Demonstrationen geht es um Dinge, die selbstverständlich sein sollten: Der Klimawandel existiert und wir haben ihn zu verantworten. Die Erde ist keine Scheibe. 2 + 2 = 4.

Die Veranstalter schätzen die Teilnehmerzahl auf etwa 500. Im Laufe der Demonstration wird sie auf das Doppelte ansteigen.
Die Veranstalter schätzen die Teilnehmerzahl zu Beginn der Demonstration auf etwa 500. Im Laufe der Veranstaltung wird sie auf mehr als das Doppelte ansteigen.

Das Wetter am „Earth Day“ in Leipzig ist durchwachsen. Die Sonne scheint warm und gleichzeitig zieht ein kalter Wind durch die Straßen der Innenstadt. Eine Viertelstunde vor dem geplanten Beginn der Demonstration für Wissenschaft und Fakten ist der Platz vor dem Naturkundemuseum noch fast menschenleer. Wahrscheinlich gilt das „Akademische Viertel“ bei Wissenschaftlern auch für Kundgebungen, denn um 13.15 Uhr sind Hunderte anwesend. Leute unterhalten sich über Mathematik, die Chemiker machen Scherze über die völlig intakten und blütenweißen Kittel der Biowissenschaftler. Während die Stomp-Band sich im Hintergrund warm trommelt, spielt vor dem Museum eine Jazz-Band auf: „Mack the Knife“.

Die Wissenschaftler sollen nicht in der Thomaskirche zu hören sein

„Ich möchte lieber Fragen haben, die nicht beantwortet werden kann, als Antworten, die man nicht hinterfragen kann.“ – Richard P. Reynman

Bevor sich der Zug in Gang setzt, belehren die Veranstalter die Teilnehmenden über die Bedingungen der Demonstration. Unter anderem sind keine politischen Fahnen oder Transparente erlaubt. Die kleine Fahne der JuSos verschwindet im Rucksack, und die Piratenpartei rollt ihre Flagge ein. Außerdem muss der Geräuschpegel an der Thomaskirche so gesenkt werden, dass die Wissenschaftler in der Kirche nicht zu hören sind. Laser, alkoholische Lösungen und Redox-Reaktionen sind ebenfalls untersagt.

Die Schilder und Transparente werben für Evolution, Evidenz und die wissenschaftliche Methode. Tatsächlich schließen sich auf dem verschlungenen Weg durch die gut besuchten Leipziger Einkaufsmeilen viele Menschen an.

Darf Wissenschaft politisch sein?

Auf der Abschlusskundgebung auf dem Augustusplatz erinnert die Rektorin der Universität Leipzig, Beate Schücking, daran, dass die Wissenschaft die Grundlagen unserer modernen Welt geschaffen hat. Wissenschaft basiert auf gesicherten Fakten und kann auch nur auf Basis von gesicherten Fakten diskutieren. Wie der Kriminalforensiker Mark Beneke in seiner Videobotschaft erklärt, können Wissenschaftler genau deshalb tatsächlich die Zukunft vorhersagen, im Gegensatz zu Esoterikern: „Wird das Flugzeug fliegen? Wie viele Leute passen in den Fahrstuhl?“ Und anders als bei Esoterikern, können Wissenschaftler auch sagen wie exakt ihre Vorhersagen sind.

Während der Demonstration kamen noch einmal einige hundert Teilnehmer. Am Augustusplatz wurde die Zahl auf 1100 oder 1200 geschätzt.

Was passieren kann wenn gesicherte Fakten nicht den Vorstellungen von Regierungen entsprechen, berichten der Amerikanist Sebastian Herrmann am Beispiel der USA und der Soziologe Markus Dreßler am Beispiel der Türkei. In beiden Ländern beschneidet die Politik die Freiheit, die Freizügigkeit und die Sicherheit ihrer eigenen Wissenschaftler. Zum Glück sind wir zwar nicht in den USA, der Türkei oder in Ungarn; diese Beispiele zeigen aber, dass Wissenschaft politisch ist und es war es schon immer war – always already.

Laut Dreßler spielen in der Türkei Wissenschaftler eine stärkere Rolle in der Gesellschaft, als es in Deutschland der Fall ist. Türkische Wissenschaftler sehen sich stärker in der Verpflichtung, sich in gesellschaftliche Fragen einzumischen und Stellung zu beziehen – dagegen wird hierzulande der Aspekt der Wertneutralität eher betont. Wie das Beispiel der Türkei zeigt, sind Freiheit der Wissenschaft, Zivilcourage und Demokratie unmittelbar miteinander verbunden.

Recht auf eigene Meinung, nicht auf eigene Fakten

Was würde ein Pirat tun? Die Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters kennt alle Antworten.

Was geschieht wenn wissenschaftliche Fakten verleugnet werden, zeigen die aktuellen Masern-Epidemien in Deutschland, die auch Leipzig betreffen. Der Virologe Gerd Liebert weist darauf hin, dass eines von 600 an Masern erkrankten Kindern eine tödliche Hirnentzündung erleidet. Masern bringen in 3 von 10 Fällen Begleitfolgen mit sich, wie etwa Mittelohr- (8 %) und Lungenentzündungen (6 %).  Selbstverständlich kann jeder für sich entscheiden die wissenschaftlichen Erkenntnisse ernst zu nehmen, oder auch nicht. Wer seine Kinder nicht gegen Masern impft, nimmt diese Folgen billigend in Kauf. Und je weniger Menschen geimpft sind, umso mehr Menschen erkranken und sterben. Auch das ist ein Fakt. Man kann ihn leugnen, aber den Masern ist das herzlich egal. Liebert zitiert den Soziologen Patrick D. Moynihan:

„Jeder hat das Recht auf seine eigene Meinung, aber nicht auf seine eigenen Fakten.“

Karolin Schwarz, die Gründerin von hoaxmap.org erklärt, dass „Fake News“ bei weitem nichts Neues sind und dass im Internet schon immer Unsinn verbreitet wurde. Vor allem aber Verschwörungstheorien greifen die Wissenschaftszweige direkt an und haben inzwischen Anhänger, die in Parlamenten sitzen und auch regieren. Sie misstrauen der Wissenschaft und den Institutionen und schüren dieses Misstrauen um weiter zu regieren.

Wir haben demonstriert, wir hatten eine Kundgebung. Und nun?

Es wurde also für die Werte der Aufklärung, für Wissenschaft und gegen „alternative Fakten“ und „gefühlte Wahrheiten“ gesprochen. Es wurden bessere Arbeitsbedingungen und Planungssicherheit für Wissenschaftler verlangt. Mehr Möglichkeiten und Anreize für Forscher wurden gefordert, ihre Forschung öffentlich zu machen.

Der Fachschaftsrat Chemie und Mineralogie der Uni Leipzig auf dem March for Science
Fahnen hoch für die Wissenschaft!

War der „March for Science“ also tatsächlich nur eine „Wohlfühlveranstaltung“ oder ein „von oben verordneter Pflichttermin“ für „Jubelperser“? Wollen die Wissenschaftler der Gesellschaft das Recht auf Gefühle absprechen und eine kalte, unmenschliche „faktenbasierte“ Politik einführen? Deutsche Forscher werden ja nicht inhaftiert und der Klimawandel muss ja auch nicht unbedingt schlecht für jeden sein (außer für diejenigen, deren Heimat dabei verwüstet wird, natürlich). Oder geht es darum, dass die Wissenschaft nur ihre eigenen Privilegien unangreifbar machen will?

Wir haben ein Problem und es ist lösbar

Ob es uns nun gefällt oder nicht: Wissenschaft ist ein Teil der Gesellschaft und damit ist sie auch politisch. Wissenschaftler haben immer die Verantwortung, ihr Wissen nach außen zu vermitteln und zu vertreten. Die Probleme, gegen die der „March for Science“ demonstriert hat, sind zu großen Teilen von der Wissenschaft selbst verschuldet. Denn wenn diese Verantwortung gegenüber der Gesellschaft nicht wahrgenommen wird, schwindet in der Folge eben auch das Interesse und das Vertrauen in die Wissenschaft.

An der Uni Leipzig studieren ungefähr 800 Menschen Chemie. Der Fachschaftsrat Chemie und Mineralogie erhoffte sich zu Beginn der Demonstration, dass trotz aller Aufrufe etwa 50 von ihnen tatsächlich mitmachen. Das sind gerade einmal sechs Prozent. Eine Pflichtveranstaltung war der „March for Science“ also nicht. Trotzdem haben die fast 1200 Teilnehmer in Leipzig die Erwartungen bei weitem übertroffen.

Der March for Science in Leipzig ist zuende
War’s das schon? Ob sich die Gesellschaft und die Wissenschaft sich wieder annähern, hängt auch von den Wissenschaftlern ab.

Man kann ein Problem immer erst dann angehen, wenn man sich eingesteht, dass man ein Problem hat. Der „March for Science“ war genau das. Ob nun alle wieder in ihre Büros und Labore zurückgehen um einfach nur das verlorene Arbeitspensum für den Samstag nachzuholen, wird sich zeigen. Die Organisatoren in Leipzig vertrauen jedenfalls darauf, dass die Graswurzel-Bewegung noch einmal funktionieren wird, nachdem sie erfolgreich eine weltweite Demonstration für die Werte der Aufklärung zustande gebracht hat. Letztendlich geht es um Vertrauen in die Wissenschaft, in vielerlei Hinsicht. Wahrscheinlich wurde bei all dem Studieren, Forschen und Drittmittel beantragen einfach übersehen, dass Vertrauen auch verdient werden muss.

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  1. Die Wissenschaft in ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit | Der Chemische Reporter

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