Resistente Erreger: Pharmafirmen verbreiten Antibiotika in ihrer Umwelt

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Pharmaunternehmen tragen offenbar aktiv zur Ausbreitung von resistenten Erregern bei. Das berichtete am vergangenen Donnerstag die Süddeutsche Zeitung in Zusammenarbeit mit dem NDR und WDR. Ende 2016 untersuchten Wissenschaftler um den Infektiologen Christoph Lübbert vom Universitätsklinikum Leipzig Proben aus Gewässern am indischen Pharma-Standort Hyderabad. In den Wasserproben fanden sie Antibiotika in derart hohen Konzentrationen, wie sie nicht einmal im Blut von Patienten bei einer Behandlung auftreten.

Für das Anti-Pilzmittel Fluconazol fanden die Wissenschaftler die höchste Konzentration eines Medikaments, die überhaupt jemals in der Umwelt gemessen wurde. Es war daher auch keine Überraschung, dass die Bakterien, die man in den Gewässern fand, resistent gegen die Antibiotika sind. Ob die erschreckend hohen Mengen von Medikamenten in den Gewässern tatsächlich aus den Medikamentenfabriken in der Umgebung stammen, ist nicht bewiesen. Es ist aber eine sehr naheliegende Vermutung. Wie kann so etwas passieren?

Wie kommen Medikamente aus der Produktion ins Abwasser?

Die Firmen haben sicherlich kein Interesse daran, ihre Produkte in die Umgebung zu entsorgen anstatt sie für Geld zu verkaufen. Das schlimmste – und gleichzeitig unwahrscheinlichste –  Szenario wäre, dass Produkt-Chargen von mangelhafter Qualität illegal  entsorgt wurden. Mangelnde Qualität eines Wirkstoffes bedeutet aber in der Regel, dass die gewünschte Reinheit oder Modifikation des Stoffes nicht erzielt wurde. In beiden Fällen wäre es eine große wirtschaftliche Verschwendung, die Substanzen dann einfach zu verklappen. Stattdessen kann der Wirkstoff einfach noch einmal aufgearbeitet werden.

Die Lösungen, mit denen die Zielverbindungen im Labor behandelt wurden, enthalten oft auch Reste der Substanz. Bild: Public Domain / pixabay.com

Bei genau diesen Aufarbeitungsschritten fallen aber immer Lösemittel an, die Reste des Medikaments enthalten. Diese Lösemittel müssen gesammelt und gesondert entsorgt werden. Beispielsweise werden die flüssigen Abfälle in Kanistern gesammelt und später verbrannt.

Trotzdem können Wirkstoffe in die Ausgüsse gelangen, zum Beispiel wenn die Glasgeräte gereinigt werden, die mit den Substanzen in Kontakt kamen. Ähnlich wie im Haushalt werden die Geräte von Hand abgespült und mit Bürsten geschrubbt, oder auch in Labor-Geschirrspülmaschinen gewaschen. In jedem Fall entsteht dabei kontaminiertes Abwasser.

Aus dem Grund wird in chemischen Einrichtungen auch dieses Abwasser gesammelt und untersucht, bevor es in die Umwelt entlassen wird. Das ist aber ziemlich aufwändig und auch sehr umständlich, denn im Zweifelsfall muss das Abwasser dann mit Tanklastzügen abtransportiert und als Sondermüll entsorgt werden. Dadurch steigen natürlich auch die Produktionskosten der Wirkstoffe.

Maximale Förderung, so lange es noch geht

Durch den hohen Kostendruck werden inzwischen 80 bis 90 Prozent aller Antibiotika in Indien oder China hergestellt. Die Produktionskosten dort sind gering und die Infrastruktur ist hervorragend. Gleichzeitig kommen die Vorschriften den Firmen besonders entgegen, unter dem Motto „Minimum Inspection and Maximum Facilitation“ (minimale Kontrolle und maximale Förderung). Die Pharmafirmen schädigen sich damit natürlich auch selbst, weil die Nachfrage nach weniger wirksamen Medikamenten auch weniger hoch ist. Vermutlich ist das aber einfach ein weiterer Grund, noch möglichst viel verkaufen, bevor es nicht mehr geht.

Erst im September 2016 starb eine Frau in den USA, die sich meinem multiresistenten Keim infiziert hatte. Die in den USA zugelassenen Antibiotika waren allesamt wirkungslos. Es ist wahrscheinlich, dass sich die Frau die Infektion auf einer Reise in Indien zugezogen hat, denn sie war dort wegen eines Oberschenkelbruchs im Krankenhaus.

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