Wie Weihrauch die Sinne benebelt

Bild: subherwal [CC BY 2.0] / flickr

Mit dem Pfingstfest wird am fünfzigsten Tag der Osterzeit die Gründung der Kirche gefeiert. Damit einher geht die Aussendung des Heiligen Geistes am jüdischen Schawuot-Fest. Die Bibel beschreibt das Ereignis lebhaft und in wundersamen Bildern, die an Halluzinationen erinnern. War damals wirklich der Heilige Geist am Werk? Oder verbrannten die Jünger zum Festtag einfach zu viel Weihrauch?

Antike Wirkstoffmischung

Das Harz dieses Baumes enthält einen bunten Mix aus ätherischen Substanzen – mit „spiritueller“ Wirkung. Bild: Dave Harris [CC BY-NC 2.0] / flickr
Das wohlriechende Harz des Weihrauchbaums wurde bereits im alten Ägypten für Rituale und kultische Zwecke benutzt. Es diente aber auch als desinfizierendes und entzündungshemmendes Heilmittel. Verantwortlich dafür sind die sogenannten Boswelliasäuren, benannt nach dem lateinischen Namen der Weihrauchbäume: Boswellia. Diese Naturstoffe hemmen ein Enzym, das Entzündungsbotenstoffe herstellt. Das Harz der Weihrauchbäume enthält neben Dutzenden chemischen Verbindungen aber noch eine andere interessante Stoffgruppe: die Thujene.

Chemisch gesehen zählen Thujene genauso wie die antiseptischen Boswelliasäuren zur Stoffklasse der Terpene. Das gilt für die meisten ätherischen Öle und Harze. Liebhabern von Wermut-Spirituosen kommt der Name „Thujen“ sicher ein wenig bekannt vor – er klingt nämlich so ähnlich wie Thujon, das berühmt-berüchtigte Rauschmittel aus dem Absinth. Tatsächlich sind die beiden Substanzen chemisch so eng mit einander verwandt, dass sie als Alken- und Keton-Varianten eines einzelnen zugrunde liegenden Moleküls (Thujan) verstanden werden können. Wohnt neben dem Heiligen Geist also auch eine Grüne Fee im Weihrauch?

Das Thujen aus dem Weihrauch und das Thujon aus dem Absinth sind sich chemisch sehr ähnlich.

Heiliger Geist oder Grüne Fee?

Im Absinth, sagt man, wohnt eine Grüne Fee. Angeblich hat sich Vincent van Gogh davon berauscht sein Ohr abgeschnitten. Bild: Eric Litton [CC BY-SA 2.5] / Wikimedia Commons
Wenn man das Rauschmittel Thujon in den Weihrauchbestandteil Thujen sehr einfach durch eine Reduktion umwandeln kann, dann kann umgekehrt durch eine Oxidation der Weihrauchbestandteil in das Rauschmittel umgewandelt werden. Dass das im Körper geschieht, ist allerdings recht unwahrscheinlich. Es ist auch nicht bekannt, dass Thujen eine psychoaktive Wirkung hätte. Manche Weihrauchvarianten enthalten aber tatsächlich auch das Rauschmittel Thujon, und zwar in Anteilen von bis zu 0,5 Prozent. Ob daraus eine stimmungsverändernde Wirkung entsteht, wurde bisher allerdings nicht nachgewiesen.

Incensol ist gemeinsam mit Incensolacetat für die stimmungsaufhellende Wirkung von Weihrauch verantwortlich.

Nachgewiesen wurde eine „geistige“ Wirkung des Weihrauchs aber für einen weiteren Inhaltstoff: Incensol. Diese Substanz und eine spezielle chemische Variante, Incensolacetat, vermindern Angstgefühle und Depressionen. Das geschieht, in dem der einen bestimmten Nervenrezeptor aktiviert. Verbunden mit kultischen oder religiösen Ritualen könnte Weihrauch also Personen tatsächlich empfänglicher für religiöse Erfahrungen machen. Das psychotrope Incensol und seine Schwesterverbindung kommen im Weihrauch, je nach Art, zu fast drei Prozent vor. Damit ist ihr Anteil im kultigen Harz deutlich höher als der des psychoaktiven α-Thujons. Vor allem der indische Weihrauch (Boswellia serrata) enthält aber beide Rauschmittel: Zu etwa einem Prozent der stimmungsaufhellenden Incensole gesellt sich ein halbes Prozent des Nervengifts α-Thujon.

Weihrauch und Alkohol: Ein tödlicher Mix?

Die psychoaktive Wirkung des Weihrauchs wurde schon von dem griechischen Arzt Pedanios Dioskurides beschrieben, der im 1. Jahrhundert lebte. In seinem Werk Materia Medica beschrieb er den Nutzen des Weihrauchs, warnte aber auch vor dessen Nebenwirkungen:

Er hat die Kraft zu erwärmen, zu adstringiren, die Verdunkelungen auf den Pupillen zu vertreiben, die hohlen Stellen der Wunden auszufüllen und diese zu vernarben, blutige Wunden zu verkleben, jeden Blutfluss, auch den aus dem Gehirn, zurückzuhalten. […] Genossen hilft er den an Blutspeien Leidenden; dagegen ist er Wahnsinn erregend, wenn er von Gesunden genommen wird, reichlich mit Wein getrunken, wirkt er gar tödtlich.

Dass, entgegen der damaligen ärztlichen Sichtweise, Weihrauch und Wein keine tödliche Mischung sind, beweist die katholische Liturgie seit Jahrhunderten. Trotzdem verändert der Genuss von Alkohol und/oder anderer Substanzen den Effekt vieler Wirkstoffe und kann auch zu unberechenbaren Wechselwirkungen  führen. Leber- und Nierenschäden nicht ausgeschlossen.

Die Warnung des antiken Arztes vor den psychischen Effekten des Weihrauchs lässt die biblische Überlieferung des Pfingstwunders tatsächlich wie einen kollektiven Drogenrausch wirken:

Und als der Tag der Pfingsten erfüllt war, waren sie alle einmütig beieinander. Und es geschah schnell ein Brausen vom Himmel wie eines gewaltigen Windes und erfüllte das ganze Haus, da sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt, wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeglichen unter ihnen; und sie wurden alle voll des Heiligen Geistes und fingen an, zu predigen mit anderen Zungen, nach dem der Geist ihnen gab auszusprechen.

Ob die Jünger wirklich in Fremdsprachen redeten, die von umstehenden Beobachtern erkannt und zugeordnet wurden, kann aus heutiger Sicht schwer nachvollzogen werden. Genauso unklar ist die Antwort auf die Frage ob und welche Substanzen die Feiernden bei diesem denkwürdigen Schawuot-Fest verbrannt haben. Auf jeden Fall ist davon auszugehen, dass an den Feiertagsritualen (damals wie heute) verschiedene chemische Substanzen verwendet wurden, um Gott ein bisschen näher zu kommen.

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6 Kommentare

  1. Ja, drucken schon. Aber es wäre schöner, wenn Sie eine geeignete Druckmöglichkeit
    einrichten könnten. Ich wäre Ihnen sehr dankbar!

        • Ich habe jetzt einen „Drucken“-Button unter die Beiträge eingebaut, der eine lesefreundliche und anpassbare Version erstellt. Der Beitrag ist natürlich an das Online-Layout angepasst, daher ist die Druckansicht nie völlig zufriedenstellend. Trotzdem hoffe ich, dass es das war, was Sie meinten

          Danke für diesen sehr guten Hinweis!

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