Chemie ist… ätzend!

Bild: Grant MacDonald [CC BY-NC 2.0] / flickr.com

Viele alternative Heilmittel wirken nicht. Sie haben deshalb auch keine Nebenwirkungen und werden mit Versprechen beworben wie „natürlich“, „verträglich“ oder „frei von Chemie“. Anders sieht es aus wenn die Rezepturen ätzende Chemikalien enthalten und in Darm- und Scheideneinläufen verwendet werden. Dass das keine gute Idee ist, sollte auf der Hand liegen. Trotzdem wird über Chlorbleiche als „Heilmittel“ emotional diskutiert.

In der Debatte ist es völlig egal ob man nun das Mittel selbst als Chlorbleiche oder Rohrreiniger bezeichnet, oder darauf verweist, dass eigentlich eine andere Substanz am Werk ist, die daraus entsteht. MMS enthält ätzende Substanzen und bildet ätzende Substanzen. Zur Selbstmedikation ist es deshalb nicht nur ungeeignet, sondern kann zu gesundheitlichen Schäden führen.

Was sind Verätzungen?

Ätzend ist jeder Stoff, der die Haut oder Schleimhäute verletzt. Bekannt dafür sind starke Säuren, wie Salz- oder Schwefelsäure. Aber auch Laugen, Oxidations- und Reduktionsmittel können ätzend sein. Die Schädigung selbst sieht einer Verbrennung ähnlich, weil die betroffene Hautpartie viel Flüssigkeit verliert. Das englische Wort für „Verätzung“ ist tatsächlich „chemical burn“, also: chemische Verbrennung. Je nach Schwere der Verätzung kann der Flüssigkeitsverlust (und natürlich der Schmerz) so groß werden, dass ein Schock ausgelöst wird.

44 Stunden nach der Verätzung mit Natriumhydroxid sieht die Hand sieht wie verbrannt aus. Bild: Blazius [CC BY-SA 3.0] / Wikimedia Commons
44 Stunden nach der Verätzung mit Natriumhydroxid sieht die Haut aus als hätte sie eine Verbrennung erlitten. Bild: Blazius [CC BY-SA 3.0] / Wikimedia Commons
Gefährlicher als ätzende Säuren sind aber ihre chemischen „Gegenstücke“, die Laugen (Basen). Bei einer Säureverätzung gerinnt das Eiweiß der Haut und wird fest, ähnlich wie bei gekochten Eiern. Das Gewebe stirbt dabei zwar ab, wird aber zu einer Art „Schutzmantel“, der tiefere Verätzungen verhindert. Laugen dagegen verflüssigen die Eiweiße und bahnen sich damit den Weg in tiefere Gewebeschichten.

Dass die Stärke einer Säure aber nicht viel über ihre Ätzkraft sagt, zeigt zum Beispiel die Flusssäure (HF). Sie erlangte TV-Ruhm durch die Serie Breaking Bad, als mit dieser Säure eindrucksvoll eine Leiche aufgelöst wurde – samt Badewanne und Fußboden des Badezimmers. Dennoch zählt die aggressive Flusssäure nicht zu sehr starken, sondern „nur“ zu den starken Säuren. Ihre Säurestärke liegt zwischen der von Ameisensäure und Phosphorsäure. Trotzdem frisst sie sich durch Metall, Glas und Knochen. Viele ätzende Stoffe sind zusätzlich auch giftig. Das ist vor allem ein Problem wenn die Substanzen verschluckt wurden. Die giftige Flusssäure ist auch deswegen so gefährlich, weil sie obendrein noch fettlöslich ist und deshalb tief in die Haut eindringt. In etwa so wie eine Hautcreme, nur tödlicher.

Was kann man dagegen machen?

Wenn der Schaden erst einmal angerichtet ist, ist es meistens schon zu spät. Bei Verätzungen der Haut hilft es aber, die betroffene Partie sofort mit viel fließendem Wasser zu spülen. Das verdünnt die aggressiven Stoffe und spült sie fort. Konzentrierte Säuren und Laugen sollten vorher vorsichtig abgetupft werden, damit das Wasser die Ätzmittel nicht noch weiter auf der Haut verteilt. Besonders wichtig ist das bei konzentrierter Schwefelsäure, denn sie „liebt“ Wasser! Kommt sie mit Wasser in Kontakt, entsteht Hitze – und heiße Schwefelsäure die sich großflächig über die Haut verteilt, ist wohl das letzte was man in so einer Situation möchte. Die Säure oder Lauge zu neutralisieren ist keine gute Idee, denn dabei entsteht Salz in der frischen Wunde. Es dürfte auch sehr schwierig sein, die nötige Menge Lauge oder Säure richtig abzuschätzen. Im schlimmsten Fall zieht man sich nach der Verätzung durch Säure noch eine weitere Verätzung durch Lauge zu.

Es braucht etwas Überwindung, bei der Augendusche die Augen offen zu halten, aber es kann das Augenlicht retten. Bild: Erbstößer Sicherheitstechnik GmbH [Public domain] / Wikimedia Commons
Es braucht etwas Überwindung, beim Benutzen der Augendusche die Augen offen zu halten, aber es kann das Augenlicht retten. Bild: Erbstößer Sicherheitstechnik GmbH [Public Domain] / Wikimedia Commons
Gelangt ein ätzender Stoff in den Mund- oder Rachenraum, muss die Giftnotrufzentrale kontaktiert werden. Ein Erbrechen herbeizuführen kann Komplikationen mit sich bringen wenn die Chemikalie noch einmal die selben Körperbereiche verätzt.

Wo drohen Verätzungen?

Im Alltag findet man ätzende Substanzen in der Drogerie oder im Baumarkt. Wasserstoffperoxid (H2O2), Chlorbleiche (NaClO2), Rohrreiniger (NaOH) oder Löschkalk (CaO) sind gebräuchliche Substanzen die man wirklich nicht in die Augen oder die (Schleim-)Haut bekommen sollte.

Das „Wunder“-Mittel MMS wird allerdings zu genau diesem Zweck verkauft – um die inneren Schleimhäute zu verätzen. Die Substanz basiert auf Natriumchlorit (NaClO2), dem Stoff aus der Chlorbleiche. Vor der Benutzung wird es „aktiviert“, und zwar mit Salzsäure. Es entsteht Chlordioxid (ClO2), ein freies Radikal, das beispielsweise die Papier- und Textilindustrie als Bleichmittel benutzt.

Ein Onlineshop verkauft verdünnte Salzsäure und Natriumchlorit. Die Etiketten beschreiben die Substanzen als "Entkalker" und "Bleiche". Bild: naturprodukte.nl [Screenshot vom 11. Juni 2017]
Ein Onlineshop verkauft verdünnte Salzsäure und Natriumchlorit. Die Etiketten beschreiben die Substanzen als „Entkalker“ und „Bleiche“. Bild: naturprodukte.nl [Screenshot vom 11. Juni 2017]
Chlordioxid wirkt nicht nur bleichend, sondern tötet auch Mikroben ab und ist deswegen ein beliebtes Desinfektionsmittel. Als „Heilmittel“ werden für diese Mixtur eine Reihe von höchst fragwürdigen Anwendungen beschrieben:

Auch wenn einzelne Personen berichten, mit MMS Prostatakrebs behandelt oder Enten gerettet zu haben, ist eine medizinische Wirkung dieses Stoffes nicht belegt. Allein der hippokratische Eid und das Tierschutzgesetz dürfte auch entsprechende Studien verhindern. Ist das Chlordioxid so hoch konzentriert, dass eine antimikrobielle Wirkung entsteht, dann tötet die Substanz selbstverständlich alle Bakterien ab mit denen sie in Kontakt kommt – auch die nützlichen.

In kleinen Mengen wirkungslos, in großen Mengen gefährlich

Im Normalfall sind die Mengen der reaktiven Chlorverbindung allerdings so gering, dass der Körper dadurch nicht beeinflusst wird. Die Gefahr einer falschen Anwendung ist aber sehr hoch. Bei einer Überdosierung des Natriumchlorits oder der Salzsäure drohen innere und äussere Verätzungen. Ab einem Volumenanteil von 10 Prozent Chlordioxid in der Luft bildet sich zudem ein explosives Gasgemisch.

Ätzende Chemikalien begegnen uns im Alltag häufiger als man glaubt. Der einzige wirksame Schutz vor ihnen ist Schutzkleidung, um den Körperkontakt gar nicht erst geschehen zu lassen. Schutzbrille und Handschuhe sind deshalb ein Muss wenn man mit Salzsäure oder Natriumhypochlorit arbeitet. Bei ätzenden Pulvern wie Löschkalk muss ein Mundschutz getragen werden. Auf keinen Fall sollten diese Chemikalien auf die Haut oder in den Körper gelangen!

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