Verwandeln Pflanzen Raupen in Kannibalen?

Bild: PLOS Biology [CC BY 2.5] / Wikimedia Commons

„Tomatenstauden verwandeln Schädlinge in Kannibalen“ berichtet derzeit die Süddeutsche Zeitung. Nur leider stimmt das nicht, denn die betreffenden Raupen neigen von sich aus zum Kannibalismus. Mit einem Abwehrstoff muss die Pflanze nur dafür sorgen, dass sie der einzelnen Raupe weniger schmeckt als die eigenen Artgenossen.

Wenn zwei sich fressen…

Breitbandwirkstoff gegen Schädlinge: Jasmonsäuremethylester hemmt das Wachstum, erhöht die Sterberate und macht Pflanzenteile unverdaulich.

Forscher der Universität Wisconsin untersuchten das Abwehrverhalten von Tomatenpflanzen (Solanum lycopersicum) gegenüber den Raupen des Eulenfalters Spodoptera exigua. Es war bereits bekannt, dass die Pflanzen, wenn sie angegriffen werden, Abwehrstoffe bilden. Einer dieser Stoffe ist Jasmonsäuremethylester, ein Phytohormon. Diese Chemikalie verlangsamt das Wachstum der Raupen und erhöht ihre Sterberate. Vor allem aber macht die Substanz die Pflanze für den Schädling unverdaulich.

Das Team um den Biologen John Orrock behandelte Tomatenpflanzen mit diesem Abwehrstoff in verschiedenen Konzentrationen und setzte dann die gefräßigen Raupen hinzu. Die Forscher beobachteten, dass die Raupen sich umso eher gegenseitig verspeisten, je mehr Abwehrstoff eingesetzt worden war. Diese chemische Abwehr ist tatsächlich sehr praktisch für die Pflanzen, denn die Schädlinge lassen so einerseits von ihnen ab und dezimieren sich andererseits selbst.

Auf Tomatenpflanzen bringt die Substanz Jasmonsäuremethylester (MeJA) die Raupen des Eulenfalters früher dazu, sich gegenseitig zu fressen als auf unbehandelten Pflanzen. Kannibalismus betreiben sie aber alle. Bild: John Orrock et al., Nature Ecology & Evolution, 2017.

Der Hunger treibt’s rein!

In allen Fällen fraßen die Raupen sich irgendwann gegenseitig – spätestens wenn die Tomatenpflanze komplett abgefressen war. Dass die Gemüsepflanze die Raupen aber zu einem Verhalten bringen würde, das sie sonst nicht an den Tag legen, behaupten die Wissenschaftler an keiner Stelle in ihrem Artikel im Fachblatt Nature Ecology & Evolution. Selbst der Titel macht eindeutig klar, dass der Abwehrstoff das Auftreten von Kannibalismus nur erhöht.

Was die Insektenlarven aber tatsächlich zum Kannibalismus bringt, ist wohl nicht der Abwehrstoff der Tomate, sondern der Hunger der nimmersatten Raupen. Der Deutschlandfunk formulierte die Nachricht über die trickreichen Tomaten in den Wissenschaftsmeldungen vom 11. Juli 2017 (Minute 1:42) etwas genauer: „Pflanzen können Raupen dazu bringen, dass sie zu Kannibalen werden“. Das können sie offenbar selbst dann, wenn sie schon völlig abgefressen wurden – quasi als posthume Rache.

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