Mit Methadon durchs Sommerloch

Bild: Jens Goetzke pixelio.de

Das ARD-Magazin „Plusminus“ berichtet, eine Chemikerin habe mit einer Kombination aus Chemotherapie und Methadon 80 Patienten von Krebs geheilt. In den Sozialen Medien kochen Gerüchte über das angebliche Wundermittel hoch, das von der Pharmalobby zurückgehalten würde. Die Süddeutsche Zeitung klärt auf und versucht, die Wogen zu glätten. Kurzum: Das Sommerloch gehört den Chemikern!

Was ist Methadon?

Methadon ist seit den 90er Jahren als Ersatzstoff bekannt, mit dem Heroinabhängige behandelt werden. Genau genommen gibt es zwei Varianten der Substanz, deren Moleküle sich wie Spiegelbilder zueinander verhalten: Levomethadon (l-Methadon) und Dextromethadon (d-Methadon). Von diesen beiden Varianten wirkt nur Levomethadon als Opioid. Im Handel sind deshalb entweder das l-Methadon oder das günstigere Gemisch aus beiden Varianten.

Wie alle Opioide ist auch Methadon ein starkes schmerzstillendes Mittel. Es erzeugt aber im Vergleich zu Heroin keinen intensiven Rausch. Aus diesem Grund wird Methadon eingesetzt, um heroinsüchtigen Personen zu helfen, wieder ihren Alltag bewältigen zu können. Aber auch Methadon macht abhängig und hat eine Reihe von Nebenwirkungen und Entzugserscheinungen, bis zum Koma bei der Anwendung, bzw. Selbstmordgedanken beim Entzug reichen können.

Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie ihre Entzugsklinik: Auch wenn es nicht mehr gleich Heroin ist, Opioide werden auch heute noch als Hustenstiller verwendet. Nebenwirkungen und Suchtgefahr inklusive. Bild: Public Domain / Wikimedia Commons

Hilft Methadon wirklich gegen Krebs?

Frau Friese fand während ihrer Forschung heraus, dass Opioide Krebszellen dazu bringen, die giftigen Medikamente besonders gut aufzunehmen und besonders schlecht wieder abzugeben. Dadurch wirkt die Chemotherapie besser auf die Krebszellen ein. Diese Ergebnisse stammen aber aus Versuchen an Krebszellen in der Petrischale oder aus Tierversuchen. Ob Methadon auch die Wirkung einer Chemotherapie auch bei Menschen erhöht, ist nicht bekannt.

Die Universitätsklinik Ulm weist ihn einer Presseerklärung darauf hin, dass  die 80 geheilten Patienten, die im „Plusminus“-Beitrag genannt werden, das Opioid als Schmerzmittel während ihrer Chemotherapie verabreicht bekamen. Offenbar wurden diese Patienten nicht an der Uniklinik Ulm untersucht und hatten verschiedene Arten von Krebs.

Ein Zusammenhang zwischen dem Behandlungserfolg und der Droge lässt sich daraus nicht ableiten. Der Grund ist der Unterschied zwischen Korrelation und Kausalität: Vereinfacht gesagt wäre es auch möglich, dass die 80 Patienten während ihrer Behandlung jeden Tag Müsli zum Frühstück hatten. Deswegen würde aber niemand vermuten, dass das Müsli für den Heilerfolg maßgeblich war.

Aufreger im zweiten Anlauf

Die Legende vom Wundermittel Methadon ist offenbar nicht neu. Vor ziemlich genau einem Jahr berichtete die ARD schon einmal über die Chemikerin Claudia Friese und auch über die Krebspatientin Sabine Kloske, Neu dazukommen ist diesmal offenbar die Geschichte von der geldgierigen Pharmalobby, die eine klinische Untersuchung von Methadon in der Chemotherapie verhindern will. Hinweise darauf werden zwar nicht genannt, aber offenbar hatte „Big Pharma“ der Story den richtigen Aufhänger gegeben.

Die Meldung verbreitete sich in den sozialen Netzwerken, weitere Medien sprangen auf – und brachten die Fakten teils noch mehr durcheinander. Die Deutsche Welle brachte es sogar fertig, aus der promovierten Chemikerin Claudia Friese erst eine „Molekularbiologin“ zu machen, um sie direkt im nächsten Absatz gleich noch zur „Ärztin“ zu befördern und später als „Medizinerin“ zu bezeichnen. Immerhin gelingt es dem ZDF-Magazin „Volle Kanne“, die Faktenlage klarzustellen und darauf zu verweisen, dass Forschung die Aufgabe von Forschern ist, und nicht die der Industrie. Tatsächlich wird 2022 mit ersten stichhaltigen Ergebnissen gerechnet.

Was bis dahin bleibt, sind unbewiesene Gerüchte und todkranke Patienten, die verzweifelt Methadon wollen. Die Uniklinik Ulm übt sich derweil in Schadensbegrenzung. Wenn Frau Friese selbst behauptet, Patienten die Methadon nehmen, können nur gewinnen, dann irrt sie sich. Methadon hat schwere Nebenwirkungen, was insbesondere während einer Chemotherapie zu Problemen führen kann, wenn der Körper sowie schon extrem belastet ist. Und natürlich bleibt die lebenslange Sucht, falls der Krebs überlebt wurde. Diese Patienten haben lediglich nichts zu verlieren – und das ist weder ein Grund, ihnen falsche Hoffnungen zu machen, noch sie in die Drogenabhängigkeit zu treiben.

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