Die Wissenschaft in ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit

Bild: memegen.com

Wissenschaft spielt eine wichtige Rolle in unserer modernen, aufgeklärten Gesellschaft. Damit genießen Wissenschaftler nicht nur eine große gesellschaftliche Bedeutung, sondern tragen auch eine Verantwortung. Deswegen schreibe ich.

„Zwischen Mimosenhaftigkeit und Großenwahn“

Der Beitrag von Ludger Weiss bei den Salonkolumnisten über „Wissenschaft im Zeitalter der (Post)Moderne“ ist ein gutes Beispiel für die Meinung, dass interessengesteuerte Politiker und verantwortungslose Medien die Wissenschaft in Verruf bringen würden. Es ist allerdings auch überhaupt nicht die Aufgabe von Politik und Medien, für das Ansehen der Wissenschaft zu werben – das muss die Wissenschaft schon selbst machen. Die Logik dahinter ist einfach: Wenn Wissenschaftler ihre Arbeit der Gesellschaft nicht zugänglich machen, wird das dadurch entstehende Informationsvakuum eben von anderen besetzt. Genau das geschieht gerade.

Der Beitrag selbst nutzt die Stärken der Wissenschaft in seiner Argumentation nicht. Der Autor belegt keine einzige seiner Behauptungen mit irgendeiner Quelle. So kommt die Überzeugungskraft kaum über unbelegte Anekdoten hinaus. Obendrein enthält der Beitrag die gleichen fachlichen Ungenauigkeiten und Vereinfachungen, die er Politik und Medien vorwirft. Es lässt sich eben nicht objektiv feststellen, ob die Erde kugelförmig oder flach ist. Die Erde ist zwar keine Scheibe, aber sie ist eben auch keine Kugel. Wissenschaftler maßen sich gerne ein Anrecht auf Fakten und Wahrheit an, das wenig mit dem zu tun hat, wie Wissenschaft tatsächlich funktioniert.

Die aktuelle Ausgabe der ZEIT bescheinigt der Wissenschaft mit guten Gründen, derzeit zwischen „Mimosenhaftigkeit und Größenwahn“ zu schwanken. Denn durch die Veränderung der Medien werden die Zweifler, Verschwörungstheoretiker und Esoteriker plötzlich öffentlich wahrnehmbar und nutzen die neuen Sprachrohre natürlich. Dass das die konservative Wissenschaft irritiert (sprich: reizt), ist verständlich. Schwurbler, Demagogen und Lügner gab es schon immer auf allen Ebenen. Was sich geändert hat, sind die Spielregeln.

Die anderen werden’s nicht richten

Wenn die Wissenschaft diesem Angriff standhalten möchte, genügt es nicht, einfach nur Anspruch auf Fakten und Wahrheit zu erheben. Denn das machen ihre Gegner auch. Die eigenen Angelegenheiten auf Politik und Medien abschieben zu wollen, wird genauso wenig funktionieren. Es ist richtig, dass Kommunikation im wissenschaftlichen Betrieb einfach nicht vorgesehen ist.

Das einzige was in der Wissenschaft wirklich zählt, sind positive Forschungsergebnisse, die viele Publikationen erzielen. Denn viele Publikationen erhöhen die Chance, Gelder anzuwerben, mit denen man neue Forschungsergebnisse erhalten kann, die sich wiederum publizieren lassen. Wer dieses Hamsterrad anhält, um sein Schaffen zu hinterfragen oder sich gar der Öffentlichkeit mitzuteilen, verliert wertvolle Zeit gegenüber der forschenden Konkurrenz.

Nach dieser Lesart hat die Wissenschaft gar kein inneres Interesse, sich der Gesellschaft gegenüber verständlich zu machen. Wenn das so ist, sollte sich auch niemand darüber beschweren, dass es umgekehrt nur wenig ernsthaftes Interesse der Gesellschaft an der Wissenschaft gibt.

Mit dem Hamsterrad in die Unmündigkeit

Der Physiker Richard Feynman prägte das Zitat: „Wissenschaft ist wie Sex. Manchmal kommt etwas Sinnvolles dabei raus, das ist aber nicht der Grund, warum wir es tun.“ Diese innere Motivation, die Wissbegier und die Leidenschaft, zu lernen und zu wachsen treibt Millionen von Forschern auf der ganzen Welt an. Das bedeutet aber nicht, dass Wissenschaftler keine eigenen Interessen verfolgen würden: Im Studium werden Experimente deshalb durchgeführt, weil es dafür Credit Points gibt. Doktorarbeiten werden begonnen, weil der angestrebte Doktorgrad die Chancen auf dem Arbeitsmarkt erhöht. Projektanträge werden gestellt, um Mitarbeiter zu bezahlen oder kostspielige Geräte zu kaufen.

Feynman hatte Recht damit, dass in diesem Prozess durchaus auch etwas Sinnvolles heraus kommt. Allerdings meinte er wohl kaum, dass Wissenschaft im Sinne eines selbstreferenziellen Hamsterrads betrieben werden soll. Ironischerweise bringt dieser Zustand ausgerechnet die Wissenschaft in eben die „selbstverschuldete Unmündigkeit“, aus der die Aufklärung den Menschen eigentlich befreien wollte.

Wenn es nur noch darum geht, am Fließband Daten zu generieren, bleiben die Einsicht und die Weisheit logischerweise auf der Strecke. In diesem Fall bleibt auch wenig übrig, was der Gesellschaft überhaupt erklärt werden müsste. Wissenschaftler sind es gewohnt, nicht verstanden zu werden. Es ist auch bequem. Wer aber daraus aber ableitet, als Wissenschaftler nicht für sich sprechen zu müssen, begibt sich selbstverschuldet in die Unmündigkeit.

Zuhören! Erklären! Inspirieren!

Seit zweieinhalb Jahren schreibe ich inzwischen an dieser Stelle über meine Wissenschaft, die Chemie. Ich möchte damit einen konstruktiven Beitrag leisten, für die öffentliche Wahrnehmung der Wissenschaft im Allgemeinen und der Chemie im Speziellen. Mein Anspruch ist, Fakten und Zusammenhänge allgemeinverständlich, unterhaltsam, korrekt und kritisch zu vermitteln.

Ich möchte meine Begeisterung für die Wissenschaft teilen und zeigen, dass Chemie überall ist und jederzeit stattfindet. Ich möchte dabei Neues lernen, Wissen teilen und Neugier wecken.

Habt ihr Vorschläge oder Hinweise, wie ich das noch besser machen kann? Welche Themen interessieren euch? Ask me anything!

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar verfassen