Hackfleisch als Gegenbeweis: Raupen können doch kein Plastik verdauen

Foto: Carina Weber und Stefan Pusch, Institut für Organische Chemie, Universität Mainz

Vor einigen Monaten schlug eine Meldung Wellen, laut der die Raupen der Großen Wachsmotte (Galleria mellonella) den Kunststoff Polyethylen (PE) verdauen können. Was wie ein vielversprechender Ansatz zur Lösung des Müllproblems klang, wurde nun von Mainzer Chemikern angezweifelt. Sie erhielten sehr ähnliche Messdaten, als sie anstelle der Raupen Hackfleisch untersuchten.

Das spanische Forscherteam um die Biologin Federica Bertocchini ging davon aus, dass die Raupen den Kunststoff nicht nur zerkleinern, sondern chemisch verdauen. Darauf deutete ein Experiment hin, bei dem die Biologen die Raupen zerkleinerten und den „Raupen-Matsch“ auf eine Folie aus dem Kunststoff strichen. Als sie die Folie mit einem Infrarot-Spektrometer untersuchten, sahen sie ein Signal, das sie dem Abbauprodukt Ethylenglycol zuordneten. Ihre überraschende Beobachtung veröffentlichten die Wissenschaftler im Fachblatt Current Biology. Weitere Medien griffen diese Meldung auf und berichteten über die Raupe, die das Plastikmaterial scheinbar verdauen kann.

Mit Hackfleisch zum gleichen Ergebnis

Als sich jedoch das deutsche Forscherteam um Prof. Till Opatz die Messdaten genauer ansah, fiel ihnen etwas auf: In dem Spektrum, mit dem das Ethylenglycol nachgewiesen wurde, fehlten die anderen Signale, die für den Stoff typisch sind! Nun stellte sich die Frage, woher dann das erste Signal rührte, das die spanischen Raupenforscher aufgezeichnet hatten.

Um dem auf den Grund zu gehen, führten die Mainzer ebenfalls ein Experiment durch: Sie bestrichen eine Folie aus PE mit verschiedenen Substanzen – allerdings nicht mit Raupenmatsch, sondern einmal mit Hackfleisch, einmal mit Eigelb und einmal mit Ethylenglycol. Diese Proben untersuchten sie, ähnlich wie das spanische Team, mithilfe der Infrarot-Spektroskopie.

Hackfleisch – eine Mischung aus Fett und Eiweiß – lieferte im IR-Spektrometer ähnliche Signale wie die er angeblich plastikfressenden Raupen. Foto: Carina Weber und Stefan Pusch, Institut für Organische Chemie, Universität Mainz

In allen Fällen fanden die Mainzer ebenfalls das eine Signal, das die Gruppe um Bertocchini erkannt hatte. Die zusätzlichen Signale des vermeintlichen Abbauproduktes tauchten jedoch nur dann auf, wenn die Probe auch wirklich Ethylenglycol enthielt. Die Mainzer vermuten daher, dass das „sensationelle“ Signal nicht aus dem vermeintlichen Abbauprodukt stammte, sondern einfach aus dem „Raupenmatsch“ herrührte. Ihre Bedenken veröffentlichte das Team ebenfalls in der Fachzeitschrift Current Biology, in der auch die Arbeit über die plastikverspeisenden Raupen veröffentlicht wurde. Das Fachblatt publizierte gleichzeitig auch die Antwort der kritisierten spanischen Forscher.

So arbeitet Wissenschaft

Tatsächlich funktioniert der Diskurs in der Wissenschaft ganz genau auf diese Weise: Das Team um Bertocchini fand etwas heraus und machte den Fund öffentlich. Das Mainzer Team studierte diese Arbeit und fügte die eigene Sichtweise an. Darauf wiederum antwortete die erste Forschergruppe. Tatsächlich dienten die Fachzeitschriften früher einmal genau dieser Art von öffentlichem Austausch zwischen Wissenschaftlern. Einige der Zeitschriften tragen auch noch das Wort „Letters“ (Briefe) im Namen. Ob die Raupen der Großen Wachsmotte nun Polyethylen verdauen können oder nicht, darüber ist sich die Wissenschaft jedenfalls noch uneins. Wie bei vielen Themen, die einen medialen Hype erfahren, wird auch in der Wissenschaft nur sehr selten so heiß gegessen wie es gekocht wurde.

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