Schlecht informiertes Wasser

Bild: Jez Timms [Public Domain] / Unsplash

Unsere Gesellschaft hat einige Substanzen so stark mit Bedeutung aufgeladen, dass sie fast magisch zu sein scheinen. Eine dieser Substanzen ist Wasser. Die lebensspendende Verbindung wird von Esoterikern und Lebensmittelherstellern teuer verkauft. Angeblich können diese Leute Wasser energetisieren, informieren, beleben oder strukturieren. Wie geht das? Und kann das jeder? Fünf Fragen an die Wasserhändler.

Welche Energie?

Energetisiert? Natürlich: Denn Wasser enthält Wärme, Bewegung oder auch chemische Energie. Bild: Kira auf der Heide [Public Domain] / Unsplash
Energie ist eine physikalische Größe, die nicht direkt gemessen werden kann. Man kann aber ihre Auswirkungen beobachten und messen. Die Temperatur eines Stoffes hängt zum Beispiel mit der Wärme-Energie zusammen, die der Stoff enthält. Die Geschwindigkeit verrät, wieviel Bewegungs-Energie in einem Körper oder Teilchen steckt.

Jeder Stoff enthält Energie. Und jeder Stoff nimmt Energie von seiner Umgebung auf und gibt Energie an sie ab – streng nach dem Energieerhaltungssatz. Das spüren wir selbst, wenn wir an einem kalten Tag eine warme Tasse mit heißem Tee, Kakao oder Kaffee in den Händen halten.

Wer also „energetisiertes Wasser“ verkauft, hat damit vollkommen Recht. Denn die Flüssigkeit ist zwangsläufig energetisiert, egal ob man etwas dazu beigetragen hat oder nicht. Spannend wäre es aber zu wissen, welche Energie denn genau übertragen wurde, und wie man das überprüfen kann. Denn eine Energetisierung kann sicher auch mal schief gehen.

Welche Struktur?

Wasser hat eine besondere Struktur, durch die es sich von den meisten Stoffen unterscheidet. Die H2O-Moleküle bilden ein räumliches Netz aus Wasserstoff-Brücken-Bindungen. Dadurch entstehen Cluster, die sich permanent neu bilden und wieder zerfallen. Bei genau 3,98 Grad Celsius sind die Molkeüle so nah beieinanders, dass diese Cluster den wenigsten Raum einnehmen.

Bei kälteren Temperaturen wandeln sich diese Cluster in feste Kristallstrukturen um und die Wassermoleküle ordnen sich zu regelmäßigen, dreidimensionalen Gittern an. Diese geordneten Strukturen benötigen mehr Platz als die Cluster in ihrer dichtesten Anordnung. Deshalb ist die Dichte von Eis auch geringer als die von kaltem Wasser.

Klar strukturiert: Die Wassermoleküle von Eiskristallen besitzen eine hohe Ordnung. Auch flüssiges Wasser hat eine Struktur, die sich aber ständig durch die Bewegung der Teilchen ändert. Bild: Solid State [CC-BY-SA-3.0] / Wikimedia Commons
Strukturiertes Wasser gibt also tatsächlich, denn Wasser hat immer eine Struktur. Man kann die Wasserstruktur auch verändern, indem man Wasser erhitzt, abkühlt und/oder den Druck verändert. Von Eis sind 18 verschiedene Strukturen bekannt. Zusammen mit flüssigem und gasförmigem Wasser ist die Substanz also in zwanzig verschiedenen Strukturen erhältlich, und genau eine davon trinken wir jeden Tag.

Welche Information?

Eine Information ist eine Teilmenge an Wissen, die ein Sender über ein Medium zu einem Empfänger überträgt. Zur Übertragung von Informationen im Sinn der Informatik, Informationstheorie, oder Nachrichtentechnik oder Semiotik ist Wasser aber kaum zu gebrauchen, denn die Wasser-Cluster sind kurzlebig, sodass jede Information die sie enthalten könnten, in Sekundenschnelle wieder verloren ginge. Außerdem müsste die Information im Wasser auch irgendwie ausgelesen werden. Dazu braucht es aber einigen technischen Aufwand, wie zum Beispiel die Terahertz-Absorptionsspektroskopie.

Die Informationen, die Personen durch eine Übertragung in einem Medium erhalten, werden von den Empfängern immer interpretiert und gedeutet. In dem Sinne ist beispielsweise „Liebe“ nur eine Information, wenn sie buchstabengetreu durch das Wasser zum Empfänger gelangt. Nach dem Lesen des Wortes entsteht im Bewusstsein des Empfängers ein Begriff, der im jeweiligen Kontext gedeutet wird. Denn Liebe ist mehr als ein Wort.

Von all dem weiß das Wasser nichts. Wasser liebt nicht, Wasser liest nicht und es kennt keine Sprachen. Alle Informationen die Wasser enthält, sind physikalische Größen wie Dichte, Temperatur oder der Grad der Lichtbrechung. Diese Informationen haben aber keinen Sender und daher auch keinen Empfänger. Alles was wir tun können ist, diese Werte zur Kenntnis zu nehmen und uns irgendwie einen Reim darauf zu machen. Genau das tut Wissenschaft.

Welches Leben?

Wir alle kennen das belebende Gefühl, das uns ein Glas kühles Wasser an einem heißen Sommertag verschafft. Aber eigentlich fühlen wir uns erfrischt, denn belebt sind wir ja schon, nunja, Zeit unseres Lebens. Wasser ist die Grundvoraussetzung für alles Leben wie wir es kennen. Allerdings lebt Wasser nicht. In dem Sinn kann Wasser nur dann belebt sein, wenn es Leben enthält. Also Mikroorganismen, Algen, Pflanzen, Krebstiere oder Fische.

Belebtes Wasser sollte man nicht in jedem Fall trinken. Bild: Emma Harris [CC BY-NC-ND 2.0] / flickr

Welcher Preis?

Jeder kann also sein Wasser selbst energetisieren, strukturieren, informieren oder beleben. Denn entweder passiert mit dem Wasser einfach nichts, oder es bringt die Eigenschaften schon von sich aus mit. Was sich ändert, ist der Verkaufspreis – ein Liter Granderwasser kostet durchaus mehr als zwölf Euro, ohne dass nachweis- oder widerlegbare Unterschiede zu Leitungswasser genannt werden.

Natürlich verändert es auch die Bedeutung, die das Wasser in unserer Wahrnehmung erfährt. So kann man sich immerhin das Leben ein bisschen magischer gestalten.


Danke an @Frl_Bruenett für den Hinweis auf das Thema.

Der Beitrag erschien ebenfalls als Gastbeitrag auf der Website Susannchen braucht keine Globuli.

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