Wissenschaft als Witz in der Wahlwerbung

Elmar Brok gibt sich als Wissenschaftler auf der Suche nach "der Lösung". Bild: Elmar Brok, Tweet vom 22. Mai 2019, 11.35 Uhr: https://twitter.com/ElmarBrok_MEP/status/1131131480149766144
Elmar Brok gibt sich als Wissenschaftler auf der Suche nach "der Lösung". Bild: Elmar Brok, Tweet vom 22. Mai 2019, 11.35 Uhr

Am 26. Mai wird ein neues EU-Parlament gewählt. Der EU-Abgeordnete Elmar Brok (CDU) veröffentlichte dazu ein Werbevideo auf Twitter, das Fragen aufwirft: Wie falsch kann das öffentliche Bild von Wissenschaft – und speziell von Chemie – sein? Und ist Wissenschaft für die CDU wirklich ein alberner Witz?

Beliebiges, buntes Blubbern

Das Video enthält einige sachliche Fehler, die ein sehr verzerrtes Bild davon abgeben, wie in der Wissenschaft gearbeitet wird. Da ich hier seit Jahren versuche, Menschen für Wissenschaft zu begeistern und über Fakten und Missverständnisse aufzuklären, möchte ich die Fehler ansprechen, die ich in spontan in diesem Video gefunden habe:

  1. 00:00:00: Ein Labor ist kein Wohnzimmer. Entsprechend selten stehen deshalb Büromöbel in Laboren. Generell werden Schreib- und Laborarbeiten in getrennten Räumen durchgeführt, auch wenn das leider nicht immer möglich ist.
  2. 00:00:03: Datenwerte werden im Labor normalerweise nicht an Tafeln geschrieben, sondern in eigene Labortagebücher. Diese sind wichtig zur Dokumentation der Arbeit und müssen mit Seitenzahlen und Datumsangaben versehen sein. Eine Tafel (oder die Plexiglasscheibe eines Abzugs oder die eigene Hand) werden zwar auch benutzt, aber nur, um die Zahlen umgehend in das Labortagebuch zu übertragen. Tafeln werden allerdings benutzt, wenn man mit anderen über wissenschaftliche Zusammenhänge redet.
  3. 00:00:03: Reaktionen, die Gase freisetzen werden im Labor nicht auf dem Tisch mittem im Labor durchgeführt, sondern unter einem Abzug. Bunte Flüssigkeiten mit Seife und Trockeneis lustig blubbern zu lassen, wird tatsächlich gerne zur allgemeinen Unterhaltung gemacht. Wenn Trockeneis im Labor zum Arbeiten benutzt wird, dann häufig in einem Kühlbad für exotherme Reaktionen oder um Lösemitteldämpfe zu kondensieren. Profis beschriften ihre Kolben übrigens, damit sie immer den Überblick behalten, was wo drin ist.
  4. 00:00:16: Apparaturen, bei denen Glasgeräte, die Chemikalien enthalten, an Stativen befestigt werden, stehen üblicherweise auch im Abzug. Besonders wichtig ist es aber, keine Erlenmeyerkolben an Klemmen aufzuhängen Die Kolben sind nämlich recht dünnwandig und können dabei schnell zerbrechen. Werden sie dennoch fixiert, nutzt man dabei immer den flachen Boden der Kolben: Sie hängen nicht frei in der Luft, sondern stehen. Ein Gefäß, dass stattdessen gut geeignet zum Aufhängen ist und schlecht stehen kann, wäre ein Rundkolben.
  5. 00:00:37: Fast alle chemischen Formeln an der Tafel sind falsch. Formeln, die nicht falsch sind, sind H2CO3 (Kohlensäure), H3PO4 (Phosphorsäure) und H2/sub> (Wasserstoff).
  6. 00:00:29: Wer sich in einem Labor aufhält, muss grundsätzlich eine Schutzbrille tragen.
  7. 00:00:45: Die mathematische Formel (Sicherheit * Freiheit) / (Wohlstand * Frieden) = 26 Mai CDU ist natürlich nur eine Metapher. Aber selbst innerhalb ihrer eigenen Logik ist sie unsinnig, es sei denn, die CDU möchte viel Sicherheit und Freiheit, aber wenig Wohlstand und wenig Frieden.

Allen, die wissen mehr darüber wollen, wie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wirklich sind, obwohl sie in den Medien anders dargestellt werden, empfehle ich MaiLab:

Werbung mit Unwissen

Das CDU-Video ist jedoch nicht nur sachlich nicht richtig. Es ist auch nicht lustig und erst recht nicht harmlos – auch wenn es wohl so gemeint war. Elmar Brok spielt hier einen Wissenschaftler und bedient dabei so ziemlich jedes Klischee, das es von Wissenschaft und Chemie gibt. Damit demonstiert er gleichzeitig, welches Bild die Gesellschaft zumindest seiner Meinung nach von Wissenschaft hat. Für alle, die versuchen, zu erklären wie Wissenschaft wirklich funktioniert, ist das ein Schlag ins Gesicht.

Indem er dieses Bild für seine Eigenwerbung instrumentalisiert, verfestigt und bestärkt er aber nicht nur die Klischees und falschen Vorstellungen in der Öffentlichkeit. Letzendlich zeigt er, dass Wissenschaft beliebig ist. Das passt hervorragend in eine Zeit, in der überprüfbare Fakten verhandelbar neben Fake News und Verschwörungstheorien stehen.

Anders gesagt: Wenn Wissenschaft als unverständliches Geschwurbel gilt – wie will man von der Öffentlichkeit erwarten, dass sie sie vom unwissenschaftlichen unverständlichen Geschwurbel der Impfgegner, Flacherdler und Homöopathen unterschieden werden kann?

Wissenschaft ist also lächerlich?

Demnach ist es bei der öffentlichen Darstellung von Wissenschaft letztendlich also völlig egal, ob es sachlich richtig ist. Es versteht ja sowieso niemand. Die Aussage, die ich aus diesem Werbespot mitnehme ist, dass Wissenschaft aus der Sicht von Elmar Brok offenbar ein harmloser Witz ist.

Und damit hat er wahrscheinlich auch Recht, denn abgesehen von einer hitzigen und kurzen Diskussion in den sozialen Medien werden sich die Wissenschaftsorganisationen und Fachverbände wohl kaum von dieser grotesken Darstellung distanzieren. Am 26. Mai ist der Spuk sowieso vorbei.

Alle, die sich für den March for Science, den Scientists for Future oder einfach nur für öffentliche Gelder ihrer eigenen Forschung engagieren, sollten aber aufhorchen. Es gibt noch sehr viel zu tun.

1 Kommentar

  1. Wer mit seiner eigenen Dummheit wirbt, versucht offenbar, auf diese Weise noch Dümmere einzufangen.
    Mit diesem Spot(t) vergrault er bloß Naturwissenschaftler (nicht mich!).

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  1. Warum Wissenschaft verständlich sein muss. Marco Körner

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