10:23 – Wo das Mol beginnt und die Homöopathie endet

Eine homöopathische Überdosis Phosphor
Bild: Sgerbic [CC BY-SA 3.0] / Wikimedia Commons

Jedes Jahr treffen sich am 23. Oktober (oder am Sonntag davor) Menschen in Deutschland, um um 10.23 Uhr gemeinsam eine Überdosis von homöopathischen Mitteln zu schlucken. Darunter befinden sich Substanzen wie zum Beispiel Salpetersäure, die angeblich „die Leistungsbereitschaft in kritischen Momenten“ erhöhen soll.

Was nicht da ist, macht auch nichts

Laub enthält sanfte natürliche Wirkstoffe in geringen Mengen. Globuli sind einfach nur Zuckerperlen. Bild: filorosso.eu - Manfred Gerber / pixelio.de
Laub enthält sanfte natürliche Wirkstoffe in geringen Mengen. Globuli sind einfach nur Zuckerperlen. Bild: filorosso.eu – Manfred Gerber / pixelio.de

Über die Wirksamkeit von homöopathischen Mitteln wird heftig gestritten, obwohl es keinen Anhaltspunkt dafür gibt, dass etwas eine Wirkung haben soll, das keinen Wirkstoff enthält. Die Befürworter der hohen Verdünnung beharren auf der Behauptung, dass Wirkstoffe umso stärker wirken, je stärker verdünnt sie sind. Der Effekt wäre also entgegengesetzt zu allem, was wir sonst im Alltag und in der Wissenschaft beobachten. Denn niemand verdünnt Kaffee, um morgens noch schneller wach zu werden. Und niemand senkt die Konzentration von Schmerzmitteln, um eine heftige Migräne loszuwerden.

Auf Seitens der Homöopathie wird zwar argumentiert, dass die Wirkung nur bei ständiger Einnahme über lange Zeiträume einsetzen würde – allerdings ist dadurch auch eine Wirkung kaum nachzuweisen. In dieser Zeit können andere Effekte eintreten, zum Beispiel kann die Migräne nach einigen leidvollen Tagen von allein abklingen. Oder man wird nach einigen Wochen der Koffein-Entwöhnung morgens von allein schneller wach.

Das Datum und die Uhrzeit für die Aktion kommen nicht von ungefähr, denn sie verweisen auf eine Zahl, die den Teilnehmenden das Leben rettet: Die Avogrado-Konstante 6.022140857(74) × 1023 mol−1. Sie sagt, wieviele Teilchen ein Mol sind. Die Zahlen 10 und 23 finden sich – ganz homöopathisch – in der Potenz.

Im Dutzend einfacher

Das Mol ist vielleicht die merkwürdigste Einheit der Chemie, obwohl oder gerade weil Chemikerinnen und Chemiker sie ganz selbstverständlich benutzen. Sie gibt die Anzahl der einzelnen Teilchen an, die gerade betrachtet werden. Ähnlich machen wir es auch im Alltag, wenn wir nicht von „zwei Stück“, sondern von „einem Paar“ reden. Oder nicht von zwölf Stück, sondern einem Dutzend.

Genau so machen es auch die Leute in der Forschung mit ihren Molekülen und Ionen: Anstelle von „Sechshundertzweitrilliarden-zweihundertvierzehntrillionen-und-fünfundachtzigbilliarden Teilchen“ redet man stattdessen von einem Mol. Das ist wesentlich leichter auszusprechen und rechnet sich auch viel einfacher.

Warum genau diese Zahl?

Duldet keinen Widerspruch: Ein Mol ist ein Mol ist 6,022 × 1023. Bild: Zeichnung von C. Sentier, 1856. (Edgar Fahs Smith collection) [Public domain], / Wikimedia Commons
Duldet keinen Widerspruch: Ein Mol ist ein Mol ist 6,022 × 1023. Bild: Zeichnung von C. Sentier, 1856 [Public domain] / Wikimedia Commons
Der italienische Chemiker Amedeo Avogadro fand im Jahr 1811 heraus, dass das Volumen von idealen Gasen direkt mit der Anzahl der Gasteilchen zusammenhängt. Damit bewies er, dass Moleküle aus einzelnen Atomen bestehen – was damals eine Sensation war. Zur gleichen Zeit (um 1810 herum) entwickelte Samuel Hahnemann seine Lehre der hohen Verdünnungen. Avogadros Erkenntnis, dass irgendwann keine Teilchen mehr in der Lösung sind, wenn man sie zu oft verdünnt, kam für Hahnemann also ein paar Jahre zu spät.

Etw einhundert Jahre nach Avogadros Entdeckung, schlug der Franzose Jean-Baptiste Perrin vor, für die Menge von Stoffen die Einheit „Mol“ zu verwenden. Wieviel ein Mol ist, wurde zuerst mit Wasserstoff bestimmt: Die Anzahl Teilchen, die ein Gramm atomarer Wasserstoff hat, war definiert als ein Mol.

Inzwischen wurde das Element gewechselt, auf das sich diese Konstante bezieht; heute bezieht es sich auf Kohlenstoff, der deutlich einfacher zu handhaben ist. Ein Mol sind exakt so viele Teilchen, wie 12 Gramm des Kohlenstoff-Isotops 12C beinhalten.

Zusammenhang zwischen Stoffmenge, Volumen, Masse und Teilchenzahl
Wieviel Milliliter Schwefelsäure und wieviel Gramm Kochsalz brauche ich um fünf Liter Gas herzustellen? Das Mol gibt die Antwort. Bild: By Johannes Schneider [CC BY-SA 4.0] / Wikimedia Commons

Ein Stück Zucker in Milliarden Galaxien

Auspotenziert: Bei 1023 ist Schluss.
Auspotenziert: Bei 1023 ist Schluss.

Die Frage, die die Homöopathie-Kritiker mit ihrer Überdosis stellen, ist folgende: Wenn man einen Liter Salpetersäure nimmt, der ein Mol (etwa 6 × 1023) Salpetersäure-Teilchen enthält, und man diese Säure zweihundert mal um 1:100 verdünnt – wie viele Teilchen Salpetersäure hat ein Liter nach der Verdünnung? Die Antwort: Vermutlich keines. Denn die kleinste Anzahl an Teilchen die man von einer Substanz haben kann, ist eins. Danach kommt null.

Bereits bei einer Verdünnung um das 1024-fache (was in der Homöopathie einer Potenzierung von D24, bzw. C12 entspricht), wären in diesem Beispiel durchschnittlich 0,6 Teilchen Salpetersäure in einem Liter zu finden. Die Gefahr, sich damit zu verätzen oder irgendeinen nachweisbaren Effekt auszulösen, ist so verschwindend gering wie die Menge der Salpetersäure selbst.

Die vom Erfinder der Homöopathie bevorzugte Verdünnung ist C30 (1:1060), was „einem Zuckerstückchen […] in Milliarden Galaxien“ entspricht. C30-Globuli enthalten also mit astronomisch hoher Wahrscheinlichkeit keinen Wirkstoff. Ganz gleich ob in Homöopathie, Medizin oder Chemiie: Avogadro behält am Ende immer recht. Unter 1023 ist einfach nichts drin.

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8 Kommentare

  1. Vermutlich würden Homöopathen nun sagen, dass ja die Information der Säure in das Wasser übergegangen sei. Genau wie „Energie“ handelt es sich dabei um ein metaphysisches Konzept oder sowas. Etwas, das sowieso nicht messbar ist. Aber ganz bestimmt da. So wie Gott eben auch. Man muss es nur glauben, dann hilft es auch. Und das tut es dann ja wirklich.

    Leider gibt es auch Krankheiten, gegen die die Selbstheilung dank Placebo-Effekt nicht genug hilft.

    • Ich habe ein paar Publikationen dazu gelesen. In einer Forschungsarbeit (http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0965229915300388) haben Forscher in Wasser aufgelöste Globuli – mit und ohne homöopathische „Information“ – UV-spektromisch untersucht. Sie beobachteten, dass das Hintergrundrauschen ihres Messgerätes jedes mal anders aussieht und sahen das als Bestätigung dafür, dass die homöopathische Information dafür verantwortlich sein muss. Eigentlich ein hervorragendes Beispiel dafür, dass vor dem Experiment eine genau Hypothese stehen sollte, die es zu begründen gilt. Und, dass man sich vorher darüber schlau machen sollte, was eigentlich das Messprinzip des Spektrometers ist, bevor man es benutzt.

      Viele Grüße,
      Marco

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