Chemie ist… kuschelig!

Kuscheln setzt das Hormon Oxytocin frei.
Bild: jutta rotter / pixelio.de

Warum vergessen junge Mütter direkt nach der Geburt die Schmerzen und sind nur noch von Glück und Liebe erfüllt? Warum fühlen sich Partner nach dem Sex einander verbunden und vertraut? Und warum führt die Vertrautheit und Verbundenheit dazu, dass Fremde ausgegrenzt werden und man Schadenfreude gegenüber anderen empfindet? Die Antwort ist eine Chemikalie namens Oxytocin. Die Substanz ist immer noch als „das Kuschelhormon“ bekannt, auch wenn man inzwischen immer mehr seine negativen Seiten weiß.

Neun Aminosäuren, viele Effekte

Oxytocin ist ein Peptid. Das bedeutet, dass es aus verschiedenen Aminosäuren besteht, die in einer bestimmten Reihenfolge angeordnet sind. Damit zählt Oxyotcin zu der die gleichen Stoffgruppe zu der auch die Eiweiße und Enzyme gehören. Mit nur neun Aminosäuren ist Oxytocin zwar ein eher kleines Peptid, aber eines mit großer Wirkung.

Struktur von Oxytocin
Neun Aminosäuren, von denen sechs einen Ring bilden – fertig ist das Kuschelhormon. Anders als manche Enzyme oder Eiweiße kann Oxytocin deshalb auch sehr einfach im Labor hergestellt werden.

Damit der Effekt des Hormons nicht vorzeitig eintritt, wird es in einer größeren Variante „lagerfähig“ gemacht, und zwar in Verbindung mit dem Peptid „Neurophysin“. Insgesamt besteht dieser Oxytocin–Neurophysin-Komplex aus 106 Aminosäuren. Erst ein Enzym spaltet die neun Aminosäuren des Hormons von diesem großen Molekül ab – und wir fühlen uns wohl und geborgen. Die Rezeptoren, die auf das Hormon ansprechen befinden sich in den Milchdrüsen und den Geschlechtsorganen, aber auch in den Nieren, dem Herzen, der Bauchspeicheldrüse, den Fettzellen und im Thymus.

Ein Hormon von Liebe und Ausgrenzung

Das Hormon wird bei jedem angenehmen Hautkontakt freigesetzt. Dazu zählen auch Wärme, Massagen und vor allem das Stillen von Säuglingen. Allerdings löst der Stoff auch Geburtswehen und den Milcheinschuss bei werdenden Müttern aus. Und es reduziert das Empfinden von Stress. Gleichzeitig verstärkt das Hormon die Bindung zwischen Mutter und Kind.

Erst in den vergangenen zehn Jahren wurde aber immer klarer, dass mit Liebe und Vertrautheit zu bestimmten Personen auch in chemischer Sicht die Ausgrenzung anderer verbunden ist. Oxytocin ist also nicht nur der biochemische „Kitt“ von Beziehungen, sondern auch ein Botenstoff der Abgrenzung gegenüber Fremden.

Selbstverständlich sind für unser Verhalten aber mehr Dinge verantwortlich als der Hormonspiegel – jedenfalls meistens. Als Spezies definieren wir Menschen uns aber seit jeher über unsere Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe in Konkurrenz zu „den anderen“. Wenn wir also mit unseren Lieben zusammenrücken, bedeutet das immer auch, dass wir eben die ausschließen, die uns fremd sind.


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