Basische Ernährung: Wenn Heilpraktiker die Chemie kapern

Bild: Eaters Collective / Unsplash

Update: Zu diesem Beitrag hat Caro in einem sehr lesenswerten Kommentar schlüssig und nachvollziehbar erklärt, was es tatsächlich mit der Basischen Ernährung auf sich hat. Dafür möchte ich mich noch einmal herzlich bedanken. Es ist genau diese Art des Austauschs und der Diskussion, die ich mit solchen Beiträgen anregen möchte.


Auf Gesundheitsportalen stolpert man oft über das Thema „Basische Ernährung“. Kartoffeln, Salat und Obst sollen helfen, eine Übersäuerung des Körpers zu verhindern. Das Problem ist nur: Diese Lebensmittel sind gar nicht basisch. Eine Übersäuerung, wie die Alternativmedizin sie behauptet, gibt es auch nicht.

Was ist ein übersäuerter Körper?

Eine wässrige Lösung ist dann sauer, wenn ihr pH-Wert kleiner als 7 ist. Ist er größer als 7, ist die Lösung basisch. Ist er gleich 7, ist die Lösung neutral. Saure Lösungen färben den Farbstoff Lackmus rot, basische Lösungen färben ihn blau.

Säuren kann man sehr einfach nachweisen: Sie färben Lackmuspapier rot. Bild: Kanesskong [CC BY-SA 4.0] / Wikimedia Commons

Der Körper reguliert den pH-Wert des Blutes von selbst. Im Normalfall liegt dieser Wert zwischen 7,35 und 7,45 und ist daher leicht basisch. Es kann aber passieren, dass diese körpereigene Selbstregulation nicht ausreicht. Vor allem durch Diabetes, chronischer Nierenerkrankung oder schlechter Abatmung von Kohlendioxid kann sich der pH-Wert des Blutes stark verringern.

Sinkt der pH-Wert unter 7,35 sprechen Mediziner von einer Azidose, quasi einer „Übersäuerung“ des Blutes. Der Blut-pH-Wert kann mithilfe einer Blutgasanalyse sehr genau bestimmt werden. Eine Azidose lässt sich daher schnell nachweisen.

Die Alternativmedizin meint aber offenbar etwas anderes, wenn sie von „Übersäuerung“ redet. Was genau, wird leider nicht erklärt. Diese Art der Übersäuerung, wie die Naturheilkunde sie behauptet, wurde auch noch nie nachgewiesen. Das schreckt aber manche nicht davon ab, Therapien dagegen zu verkaufen. Hier unterscheidet sich die Alternativmedizin stark von der wissenschaftlichen Methode: Ärzte und Forscher müssen immer erst nachweisen, dass es etwas existiert, bevor sie damit arbeiten. Sie sind an die beobachtbare Wirklichkeit gebunden. Heilpraktiker nicht.

Säuren sind sauer. Basen nicht.

Die Idee der „Basischen Ernährung“ stammt aus dem Jahr 1913. Zu etwa dieser Zeit beschäftigten sich auch Naturwissenschaftler intensiv mit der Frage, was Säuren und Basen eigentlich genau sind.

Im Jahr 1923 erkannten die Chemiker Johannes Nicolaus Brønstedt und Thomas Lowry unabhängig voneinander, dass Säuren Stoffe sind, die Protonen an andere Reaktionspartner – eine Base – abgeben. Im selben Jahr veröffentlichte Gilbert Newton Lewis ein erweitertes Säure-Base-Konzept, das in der Chemie heute meistens verwendet wird.

Diese Zusammenhänge wurden in den vergangenen einhundert Jahren so gut erforscht, dass man inzwischen auch eine klinische „Übersäuerung“ des Blutes gut versteht und deshalb auch behandeln kann. Vermutlich hat die Alternativmedizin in den 1920er Jahren den Anschluss an den neuen Wissensstand verloren, denn sie verwendet die Begriffe „sauer“ und „basisch“ in einer ganz anderen, aber nicht näher erläuterten Bedeutung.

Wenn Heilpraktiker „sauer“ sagen, meinen sie nicht „sauer“

Was „sauer“ und „basisch“ im wissenschaftlichen Sinn meint, ist sehr genau festgelegt. Das ist auch wichtig, damit es nicht zu Missverständnissen kommt wenn Wissenschaftler miteinander reden. In der Alternativmedizin scheint es dagegen weniger wichtig zu sein, was man meint wenn man etwas sagt. Das alternativmedizinische Internetportal „Zentrum der Gesundheit“ erklärt sogar recht offen und salbungsvoll:

„Es verwundert daher nicht, wenn von Seiten der Schulmedizin die Existenz der Übersäuerung bestritten wird. Wenn Schulmediziner das Wort „Übersäuerung“ hören, denken sie an die Azidose. Eine solche finden sie aber bei jenen Menschen nicht, die laut Naturheilkunde chronisch übersäuert sind. Also glaubt die Schulmedizin natürlich, dass die Übersäuerungsthese Quatsch ist.

Es handelt sich also lediglich um ein Missverständnis zwischen Naturheilkunde und Schulmedizin, weil für verschiedene Zustände dasselbe Wort verwendet wird.“

Beliebige Diagnose, willkürliche Behandlung

Die Alternativwissenschaftler sagen zwar ganz klar, was sie nicht meinen, wenn sie die Worte „sauer“ und „basisch“ benutzen – was sie aber stattdessen genau meinen, bleibt offen. Der Vorteil an dieser Ungenauigkeit ist, dass man bei willkürlichen Diagnosen auch beliebige Therapien anbieten kann. Ob sie wirksam sind oder nicht, kann daher auch nicht überprüft werden.

Kein Arzt dürfte sich erlauben, aufs Gratewohl eine Erkrankung einfach mal zu vermuten und diese dann ohne jeden Nachweis zu therapieren. Und kein Wissenschaftler würde sich trauen, Theorien zu veröffentlichen, ohne belastbare Beweise dafür zu erbringen.

Mit einem Anteil von 5 bis 6 Prozent Citronensäure und einem pH-Wert von etwa 2,2 schmeckt die Zitrone nicht nur sauer, sondern ist auch sauer. In der alternativen Medizin wird sie jedoch alsTeil einer „Basischen Ernährung“ aufgeführt. Bild: Hamza Butt [CC BY 2.0] /flickr

Es gibt keine nachvollziehbare Erklärung dafür, warum ausgerechnet Salat, Obst und Kartoffeln „basenbildend“ sein sollen, Pizza und Pommes aber nicht. Welche Basen sie aus welchen Stoffen bilden, ist auch unbekannt. Die naturheilkundliche „Übersäuerung“ ist weder klar definiert, noch wurde sie jemals nachgewiesen. In den vergangenen einhundert Jahren scheint es auch keinen großen Forscherdrang der Alternativmediziner gegeben zu haben, das zu ändern.

Immerhin kann man mit diesem zweckentfremdeten wissenschaftlichen Begriff Leute dazu bringen, mehr Gesundes und weniger Fast Food zu essen. Noch besser wäre es aber, das mit offener und transparenter Aufklärung über die nachweislichen Vorteile einer gesunden Ernährung zu erreichen.

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10 Kommentare

  1. Vielen Dank für den interessanten Artikel. Ich glaube mich zu erinnern, dass ich mal gelesen habe, dass es bei der „alternativen“ Betrachtung nicht um die Stoffe an sich geht, sondern um deren Aschen. Sie schauen demnach nicht, ob fie Zitronensäure sauer oder badisch ist, sondern ob das Stoffwechselprodukt sauer oder basisch ist. Und wenn ich mich nicht täusche, ist doch das Stoffwechselprodukt der Zitronensäure basisch. Können Sie mich aufklären, was an dieser Betrachtungsweise dran ist?

    • Hallo Markus, da stellst du eine knifflige Frage, auf die ich auch gern die Antwort wüsste.
      Was ich aber weiß ist, dass Pflanzenasche so gut wie immer basisch ist. Früher gab es sogenannte Aschenhäuser, in denen genau deshalb aus Pflanzenasche das basische Salz Kaliumcarbonat hergestellt wurde. Das Salz wird heute noch als „Pottasche“ bezeichnet. Demnach wäre pflanzliche Nahrung grundsätzlich immer Teil einer basischen Ernährung – was wahrscheinlich auch so ist. Man könnte den Leuten also genauso gut raten, viel Obst und Gemüse zu essen.

      Vielleicht war das Problem, dass damals, als die Basische Ernährung begründet wurde, auch erst langsam die Vitamine entdeckt wurden (von 1912–1941). Ich kann mir vorstellen, dass bis dahin die basische Pflanzenasche als einzige Gemeinsamkeit von gesundem Essen (Obst und Gemüse) galt und dass man hier Korrelation und Kausalität verwechselt hat weil die nötigen Informationen noch nicht vorhanden waren. Wie gesagt, dass Vitamine existieren, war damals noch kaum bekannt, ebenso wenig wie es ein brauchbares Säure-Base-Konzept gab. Wenn das so ist, gehört die Basische Ernährung jedenfalls eindeutig ins Museum der überworfenen wissenschaftlichen Konzepte, gleich neben der Äthertheorie, der Homöopathie und dem Konzept von der Unteilbarkeit der Atome.

      Viele Grüße,
      Marco

      • Hallo Marco! Vielen Dank für die sehr ausführliche und wirklich informative Antwort. Speziell der Hinweis auf die Vitamine ist hilfreich.

        Viele Grüße zurück,
        Markus

  2. Ich denke sowohl ihr als auch die Heilpraktiker seit auf dem falschen Dampfer! „Saure“ und „basische“ Ernährung gibt es tatsächlich. Und zwar geht es um die Verstoffwechslung der Inhaltsstoffe. So werden einige Aminosäuren (insbesondere Methionin aus tierischen Quellen) anscheinend sauer verstoffwechselt und führen zu einem Anstieg des Kalziumbedarfs zum Ausgleich. Falls mit der Nahrung nicht genügend geliefert wurde, so zieht der Körper das Kalzium zuerst aus den Muskeln. Man vermutet, dass dies ein Grund für den Muskelschwund beim Altern ist. Deshalb wird eine hohe Proteinzufur von manchen kritisiert.

  3. danke für den spannenden Artikel! in diesem Zusammenhang spricht die Alternativmedizin oft vom „PRAL Wert“, der eben für Zitronen offenbar basisch sein soll. Weiss jemand was es damit auf sich hat bzw wie dieser berechnet wird?

    • Hallo Lea,
      ich habe vom PRAL-Wert noch nie etwas gehört. Für den Säure- oder Basegehalt benutzen Wissenschaftler immer den pH-Wert, da der genau angibt, wie hoch die Konzentration an H+-Ionen, bzw. OH–Ionen ist, die die sauren und basischen Eigenschaften verursachen. Der pH-Wert ist auch sehr einfach messbar.

      Bei einer kurzen Suche bei Google fand ich heraus, dass „PRAL“ für „Potential Renal Acid Load“ steht (Potenzielle Säurebelastung der Niere). Leider kann ich aber nicht sagen wie dieser Wert genau definiert ist, wie man ihn bestimmt, was dafür wo genau gemessen wird und wodurch ab welchem Wert die Niere belastet wird. Ich würde auch mal gerne wissen wie der Säuregehalt von Asche die Nieren belasten soll.

      Viele Grüße,
      Marco

  4. Unterschiedliche Lebensmittel können unterschiedliche Stoffwechselendprodukte ergeben, die jeweils sauer oder basisch sein können. Warum dem Körper und insbesondere den Muskeln dadurch Kalzium entzogen werden sollte, verstehe ich nicht. Die regulation des pH-wertes findet in Niere und Lunge statt: in den Nieren befinden sich Protonenpumpen, die Protonen in den Urin oder das Interstitium pumpen. Die Lunge führt mehr oder weniger CO2 bzw Kohlensäure aus dem Blut ab.

  5. Liebe Chemiker,
    ich les euren Blog gerne und lerne jedes Mal auch was dazu, aber diesmal muss ich als Oecotrophologin widersprechen. Die Alternativen erzählen zwar viel Unsinn wenn der Tag lang ist, aber das Konzept der basischen und sauren Ernährung existiert tatsächlich. Wobei man korrekterweise von basenbildend und säurebildend sprechen sollte, und nein, dies hat nichts mit dem Säuregehalt der Nahrung zu tun, sondern wie ihr schon festgestellt habt, damit wie Lebensmittel verstoffwechselt werden.
    Und es ist tatsächlich ebenfalls wahr, dass Zitrusfrüchte im Körper basenbildend wirken. Das liegt paradoxerweise am Gehalt an organischen Säuren, die aufgrund hoher Gehalte an z.B. Kalium jedoch großteils als Alkalisalze vorliegen und im Körper zu Hydrogencarbonat umgesetzt werden. Umgekehrt entstehen aus proteinreichen Lebensmitteln, insbesondere solchen mit hohem Anteil schwefelhaltiger Aminosäuren wie Methionin und Cystein, in der Verstoffwechslung Säuren, welche die Puffersysteme im Blut belasten.
    Beim gesunden Menschen ist dies jedoch unproblematisch, da die Niere ihre Säureexkretion entsprechend anpasst und nur der pH des Urins dadurch schwankt. Der Blut pH bleibt dank des Bicarbonat-Puffer-Systems immer konstant, es sei denn es liegen bestimmte Organschäden vor.

    Den PRAL (potential renal acid load) und die NAE (netto acid excretion) gibt es ebenfalls tatsächlich und werden in vielen medizinischen Studien verwendet, dort aber als Grundwissen vorausgesetzt und meist nicht genauer erklärt.

    Für euch hab ich einen Basiswissen-Artikel rausgesucht, wo die dahinter stehenden Konzepte sowie allgemein das Konzept des Säure-Basen-Haushalts nochmal nachgelesen werden können:

    Siener (2011): Säure-Basen-Haushalt und Ernährung
    https://www.ernaehrungs-umschau.de/fileadmin/Ernaehrungs-Umschau/pdfs/pdf_2011/10_11/EU10_2011_562_568.qxd.pdf
    (im pdf S. 3+4)

    Das mit dem Kalzium ist afaik korrekt, allerdings wird das aus den Knochen, nicht aus dem Muskel freigesetzt (deshalb weil Calcium wie das Bicarbonat auch als Puffer wirkt). Dieses Konzept wird vor allem von Milchgegnern vorgebracht („Milch entzieht dem Körper Calcium“), dieses Argument ist jedoch nachweislich falsch, da Milchprodukte deutlich mehr Calcium liefern als durch die Säurelast entzogen wird. Wie es bei einer stark fleischhaltigen Ernährung aussieht, weiß ich nicht.

    Liebe Grüße 🙂

    • Hallo Caro, vielen Dank für die tolle Erläuterung und die Quelle!
      Es ist tatsächlich die erste nachvollziehbare Erklärung, die mir jemand dazu geliefert hat. Ich habe diesem Beitrag einen Hinweis auf deinen Kommentar vorangestellt, weil er für das Verständnis des Themas wesentlich ist.

      Liebe Grüße,
      Marco

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