Mit Chemie Fake News bekämpfen

Bild: Vlad Tchompalov [Public Domain] / Unsplash

Die Welt will betrogen sein, also soll sie betrogen werden.

Sebastian Brant (1457/1458 – 1521)

Nein, Fake News sind nichts Neues. Gelogen wurde schon immer, aus unterschiedlichsten Gründen. Mal zum Erhalt oder Ausbau der eigenen Macht, mal aus Profitgier oder um den jeweiligen Gegnern oder Konkurrenten zu schaden. Die besten Lügen sind einfach, bequem und leicht verdaulich. Obwohl man schon beim Konsumieren weiß, dass es auf Dauer nicht gesund ist: Fake News sind sozusagen Junk Food fürs Gehirn.

Kettenreaktion in der Gesellschaft

Was sich in den letzten Jahren geändert hat, ist wohl kaum, dass plötzlich häufiger oder dreister gelogen würde als vor der Digitalen Revolution. Durch die sozialen Medien ist es lediglich leichter geworden, Menschen zu finden, die sich belügen lassen. Wo früher Parolen und Gerüchte von einer handvoll Stammtischgenossen vielleicht mit einem entschiedenen „Hört Hört!“ quittiert wurden, können heute tausende Facebook-User bequeme Unwahrheiten ungeprüft und wenig widersprochen mit einem Klick liken, sharen und weiterpöbeln.

Das ist ein Problem für unsere Gesellschaft. Denn während sich Falschinformationen ähnlich wie bei einer Kettenreaktion explosionsartig ausbreiten, kann in dieser kurzen Zeitspanne kein vernünftiger und offener Diskurs stattfinden. Diese Erschütterungen in unserer Gesellschaft sind tatsächlich gefährlich, denn sie beschädigen die Art und Weise, wie wir in Debatten Argumente austauschen. Man sieht das in der aktuellen politischen Lage in Deutschland, in der Monate nach der Wahl kaum eine Partei wirklich regieren möchte oder bereit ist, Kompromisse einzugehen.

Genauso sieht man diese Zersetzung in der gesellschaftlichen Wahrnehmung der Wissenschaft. Im Gesundheitsbereich zählt beim Patienten immer mehr, was sich irgendwie gut anfühlt. Währenddessen hat sich 2017 die Zahl der Masernfälle in Deutschland im Vergleich zum Vorjahr verdreifacht – die Krankheit wurde inzwischen von Deutschland sogar nach Guatemala eingeschleppt, wo sie seit zwanzig Jahren ausgerottet war. Die Betonung liegt auf „war“.

Fake News korrodieren Wissenschaft

Auch die Zusammensetzung der Streifen, die Flugzeuge am Himmel hinterlassen, steht zur Diskussion. Ebenso die Form der Erde oder die Frage nach der Evolution. Ist das bedrohlich für die Wissenschaft, die trotzdem Satelliten ins All schießt und Gene editiert, ganz unabhängig davon ob ein Teil der Gesellschaft daran glaubt? Die Antwort ist: Ja, verdammt!

Glyphosat-Gegner auf einer Demonstration am 07.05.2015 in Osnabrük
Menschen sind wegen der Debatte um Glyphosat verunsichert, die Politik muss auf die Ängste reagieren. Das hat auch Auswirkungen auf die Wissenschaft. Auch in Deutschland. Bild: Moritz Richter/Campact [CC BY-NC 2.0] / flickr
Zum einen weil die Wissenschaft ein Teil der Gesellschaft ist. Wenn sich niemand mehr für die Überprüfbarkeit von Aussagen interessiert, warum sollte man dann noch Wissenschaft wollen? Warum die Öffentlichkeit Gelder für etwas ausgeben, das eine breite Mehrheit gar nicht will? Zum anderen bedroht die Beliebigkeit, mit der Fakten durch Meinungen ersetzt werden, die wissenschaftliche Methode selbst. Wissenschaft arbeitet mit Überprüfbarkeiten, die jederzeit infrage gestellt werden können.

Dazu reicht es nicht, sich hinzustellen und einfach dem „Mainstream“ zu widersprechen. Es braucht schon Beweise, schlüssige Argumente und einen sehr langen Atem. Wenn jeder alles irgendwie meinen kann und gefühlt alle Recht haben, ist die Frage nach überprüfbaren Fakten und widerlegbaren Theorien zur Beschaffenheit der Welt unnötig. Wissenschaft ebenso wenig möglich wie jede andere sachliche Diskussion.

Misstrauen als aktiver Zustand

Das „lauter werdende Misstrauen gegenüber bestimmten Innovationen in Forschung und Technik“, das der Siggener Kreis 2017 beobachtet hat, ist deshalb aber nichts Negatives. Gerade Wissenschaft lebt von Skepsis, Unsicherheit und ständiger Überprüfung. Zweifler unumstößlich von den eigenen Erkenntnissen zu überzeugen, ist das Kerngeschäft aller Wissenschaftler. Wer schon einmal ein Manuskript in den Peer-Review-Prozess eingereicht hat, weiß wovon ich rede.

Es braucht immer Energie, um Lügen zu verbeiten. Durch die sozialen Medien ist der Aufwand aber geringer geworden. Bild: Vinay.bhat [Public Domain] / Wikimedia Commons
Wenn Menschen der Wissenschaft misstrauen, bedeutet es auch, dass sie ein grundlegendes Interesse an wissenschaftlichen Themen haben. Misstrauen wäre damit, wissenschaftlich gesehen, mit einem angeregten Zustand vergleichbar. Er kann für verschiedene Vorgänge nutzbar gemacht werden, wenn man es geschickt anstellt. Nur muss sich in dem Fall die Wissenschaft gegen das konkurrierende Angebot der deutlich einfacheren Erklärungen von Populisten, Esoterikern oder Verschwörungstheoretikern durchsetzen.

Chemisch betrachtet kann man die sozialen Medien als Katalysator begreifen, der einen Prozess beschleunigt, indem er dessen Hemmschwelle senkt. Im Falle von Fake News und alternativen Fakten, ist die Hemmschwelle ihrer Verbreitung durch die sozialen Medien deutlich gesunken. Trotzdem wurden Lügen auch vorher schon verbreitet.

Das ist eine Folge des technischen Fortschritts und es ist meiner Meinung nach zwecklos und reaktionär, sich die alten Zeiten zurückzuwünschen, in denen es weniger Technik und andere Probleme gab. Gerade Akteure aus dem wissenschaftlichen Umfeld sollten neuen Technologien und Techniken aufgeschlossen und neugierig begegnen.

Lösungen aus chemischer Sicht

Das Problem an diesem neuen Katalysator (den sozialen Medien) ist, dass er sehr aktiv ist und die Reaktion die er beschleunigt, sowieso schon viele unerwünschte Nebenprodukte (Fake News) liefert. Das erschwert es allen, die damit arbeiten, aus dem Reaktionsgemisch die gewünschten Produkte von den unerwünschten zu isolieren – sprich: Fakten von Lügen zu unterscheiden. In der Chemie gibt es verschiendene Strategien, das zu ändern:

  1. Inhibition: Eine Möglichkeit wäre, den Katalysator zu „vergiften“, damit er weniger aktiv wird. Autoritäre Staaten wählen diese Methode, wenn sie bestimmte soziale Medien blockieren. Im Grunde ist es auch das, was das deutsche Netzdurchwirkungsgesetz versucht, indem es auf alle Inhalte zielt, um die Verbreitung von Hassbotschaften zu bremsen.
  2. Chromatographische Analyse: Eine andere Möglichkeit ist, die unerwünschten Produkte der Reaktion einzeln zu entfernen („Fact Checking“). Das ist enorm aufwändig, langsam und klappt auch nicht immer, vor allem wenn die einzelnen Substanzen sich sehr ähneln. Oder anders gesagt: Bis jemand eine Lüge von Donald Trump nachgewiesen hat, hat der bis dahin schon fünf andere getwittert. So eine „Faktenanalyse“ kann daher nur eine Momentaufnahme liefern. Das ist wichtig, um den Prozess zu beobachten. Ihn damit komplett aufzuarbeiten, wird aber schwierig.
  3. Änderung der Selektivität: Während einer chemischen Reaktion finden tatsächlich alle möglichen Reaktionen statt, entsprechend ihrer Wahrscheinlichkeit. Aus diesem Grund haben viele Reaktionsgemische oft eine dunkle Farbe, einen widerlichen Geruch und mit etwas Pech eine teerartige Konsistenz. Die Königsdisziplin ist dafür zu sorgen, dass im Idealfall nur die gewünschte Reaktion stattfindet. Dazu gibt es unzählige Stellschrauben: Reaktionsmedium, Temperatur, Druck, Atmosphäre, Licht oder auch chemische Hilfsstoffe. Meistens ist es eine Kombination aus allem.

Der Digitale Wandel als Experimentierfeld

Wie hilft das gegen Fake News? Ganz einfach: Wissenschaftler können in sozialen Medien problemlos

  • Argumente entkräften,
  • Beweise verlangen,
  • Fragen stellen,
  • Widersprüche aufzeigen,
  • Lügen aufdecken
  • und Übertreibungen relativieren.

Sie können selbst Wissenschaft erklären, Ergebnisse in einen Kontext setzen und Fakten liefern. Was es dazu braucht, ist Geduld, Sachlichkeit, Abstraktionsvermögen und Lernbereitschaft. Also Qualifikationen, die Wissenschaftler sowieso mitbringen. Schade nur, dass die wenigsten sich für ihre Umwelt und die Gesellschaft interessieren.

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2 Kommentare

  1. Der Vergleich der Social-Media-Wirkung mit der eines Katalysators ist wirklich wunderbar passend! Der führt nämlich nicht zuletzt auch dazu, dass ich in meinem Online-Umfeld immer wieder „seltsamen Ansichten“ und Fake-News begegne – ohne danach zu suchen.

    Bei dem Versuch, zu den oben genannten sechs „Waffen“ gegen Fake-News zu greifen, habe ich dann schnell festgestellt, dass die rasch ihre Wirkung einbüssen, wenn das angesprochene Gegenüber nicht „zuhört“ (d.h. sich den Argumenten und Fragen nicht öffnen mag). Dann erfordert so eine Diskussion schnell mal einen wirklich sehr, sehr langen Atem bzw. unheimlich viel Zeit und Energie, die im Alltag wie im Labor (um bei deiner Analogie zu bleiben 🙂 ) oft teuer oder/und schwer zu erkämpfen sind. Deswegen scheue ich oft vor einer längeren Diskussion zurück, wenn ich mal wieder ein Fass ohne Boden geöffnet habe und wende mich lieber erfolgversprechenderen Dingen zu – der Grundbildung, möglichst von Klein auf zum Beispiel.

    Besonders Punkt 2 und 3 deiner Liste werde mich mir aber künftig mehr zu Herzen nehmen, wenn mal wieder wer mein Wissenschaftler-Blut in Wallung bringt (was im Übrigen gar nicht so einfach ist – ich bin ziemlich langmütig – aber gerade in jüngster Zeit wiederholt vorkam). Denn besonders diese beiden sind besonders energiearm umzusetzen und zeigen schnell auf, inwiefern man sich an einen Kampf gegen Windmühlen gewagt hat.

    Liebe Grüsse,
    Kathi Keinstein – eine Wissenschaftlerin im Internet

    • Hallo Kathi, danke für die Anmerkungen.
      Du hast völlig Recht, wenn das Gegenüber grundsätzlich nicht zu einem Dialog bereit ist, kann kein Dialog stattfinden.

      Es gibt aber auch genügend wissenschaftskritische Leute, die sich mit ihren Fragen nicht ernst genommen fühlen. Vergangene Woche hatte ich eine sehr spannende Diskussion mit jemandem, der viel Frustration angestaut hatte weil er mit seinen Kritiken und Fragen oft auf taube Ohren, bzw. Spott und Hohn stieß. Dass da die Fronten von beiden „Seiten“ verhärtet sind, ist ja wenig überraschend. Ich finde aber, dass man mit Zuhören und Nachfragen sehr viel Bewirken kann. Die mangelnde Dialogbereitschaft liegt oft auf beiden Seiten. Geduld, wertungsfreie Beobachtung und kritische Interpretation des Beobachteten sind ja auch wieder wissenschaftliche Schlüsselkompetenzen.

      Es kann auch gar nicht darum gehen, andere von ihrer Meinung abzubringen oder von der eigenen Meinung zu überzeugen. Was aber problemlos möglich sein sollte ist, den eigenen Standpunkt schlüssig darzulegen und den des Gegenübers zusammen mit dem eigenen zu hinterfragen. Was die andere Person dann damit macht, muss ihr selbst überlassen bleiben. Man kann sich dabei aber nur auf Augenhöhe und mit Respekt begegnen. Und ja, den mehr oder weniger unterschwelligen Anfeindungen meines Gesprächspartners musste ich ihm in dem Fall einfach mit gelassener Freundlichkeit begegnen 🙂

      Liebe Grüße, Marco

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