Krebszellen mögen scheinbar keine Säuren

Bild: Kjpargeter / Freepik.com

Krebszellen vermehren sich offenbar langsamer, wenn ihr Inneres sauer wird. Zu dieser überraschenden Vermutung kam ein Forschungsteam aus Spanien, den USA und Israel.[1]E. Persi et al. „Systems analysis of intracellular pH vulnerabilities for cancer therapy“, Nature Communications 2018 (9) 2997. DOI: 10.1038/s41467-018-05261-x Denn eigentlich sollte es genau anders herum sein: Krebszellen erschaffen um sich herum ein saures Milieu. Ihr Zellinneres wird dabei basisch. Bei gesunden Zellen wäre das schlecht, aber Krebszellen scheinen ein basisches Innenleben sogar zu brauchen.

Vorhersage aus hunderttausenden Daten

Die internationale Gruppe um Eytan Ruppin vom Cancer Data Science Laboratory in Bethesda, USA, entwickelte ein Computermodell, mit dem sie hunderttausende Daten aus biochemischen Experimenten auswertete. Dabei untersuchten sie, wie Änderungen des pH-Wertes sich auf die Aktivität von nahezu 2.000 Enzymen auswirkte.

Laut der Computervorhersage vermehren sich Krebszellen bei basischen pH-Werten besser als gesunde Zellen. Bei sauren pH-Werten ist es jedoch umgekehrt.[2]E. Persi et al. „Systems analysis of intracellular pH vulnerabilities for cancer therapy“, Nature Communications 2018 (9) 2997. DOI: 10.1038/s41467-018-05261-x Bild: IRB Barcelona

Aus den erhaltenen Daten stellten sie anschließend Computersimulationen an, um vorauszusagen wie sich pH-Änderungen auf den Stoffwechsel von gesunden Zellen und Krebszellen auswirken würden. Das Ergebnis der Vorhersage veröffentliche das Team in der Fachzeitschrift Nature Communications: Saure innere pH-Werte sind offenbar ein Schwachpunkt von Krebszellen.

Dauerhafter Ausnahmezustand

Alle Zellen benötigen Energie. Die holen sie sich aus Traubenzucker, den sie in Pyruvat umwandeln. Gesunde Zellen verbrennen das Pyruvat anschließend in den Mitochondrien, sofern genug Sauerstoff verfügbar ist. Wenn Sauerstoff fehlt, also anaerobe Bedingungen herrschen, wird das Pyruvat nicht verbrannt, sondern als Milchsäure ausgeschieden. Sobald wieder genug Sauerstoff zur Verfügung steht, wechseln die Zellen dann wieder in den aeroben Verbrennungsmodus.

Krebszellen dagegen arbeiten immer anaerob, auch wenn ausreichend Sauerstoff zur Verfügung steht. Diese Beobachtung macht machte Otto Warburg bereits in den 1920er Jahren. Warburg ging damals davon aus, dass dieser veränderte Stoffwechsel die Entstehung von Krebs auslösen würde. Inzwischen gilt diese sogenannte Warburg-Hypothese aber als widerlegt.

Kein neues Wundermittel

Werden Zitronen also das nächste Wundermittel gegen Krebs? Wenn man den zahllosen Ratgebern im Buchhandel und im Internet glaubt, mögen Krebszellen ja vieles nicht: Himbeeren, Rotwein, Kurkuma, Kräuter, Gemüse, ja selbst Backpulver und Salate werden als Mittel gegen Krebs angeführt.

Es gibt keine Wundermittel gegen Krebs. Auch Backpulver ist keines, allen unbestätigten Gerüchten zum Trotz. Es kann lebensgefährlich sein, solchen Versprechungen zu glauben, statt rechtzeitig ärztliche Hilfe aufsuchen. Bild: Screenshot „Zentrum der Gesundheit“, aufgenommen am 11.09.2016. Autor unbekannt.

Auch die sogenannte Basische Ernährung fehlt nicht bei den Anti-Krebs-Versprechungen.[3]Ashatur. „Krebs, was ist das? Und warum es den garnicht geben kann, wenn unser Körper basisch ist.“ bewusst-vegan-froh.de, abgerufen am 8. August 2018, WebCite: www.webcitation.org/71WDObDZC Dass sich Krebszellen ausgerechnet dann besonders gut vermehren, wenn ihr Inneres basisch ist, bedeutet aber nicht, dass das Konzept der „Basischen Ernährung“ unsinnig ist. Denn das Konzept der Basischen Ernährung ist schon an sich unsinnig.

Neue Therapien möglich

Zudem basiert die Forschung von Eytan Ruppin und seinem Team auf Computersimulationen, sie muss also erst noch experimentell überprüft werden. Worauf es dem Team aber ankommt, ist, dass der innere pH-Wert der Krebszellen offenbar ausgenutzt werden kann: Beispielsweise können die Enzyme blockiert werden, die die Milchsäure aus den Krebszellen herausschleusen oder die an der Enstehung des basischen Zellinneren beteiligt sind. Möglicherweise lassen sich dadurch also neue medizinische Therapien entwickeln.

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Quellen   [ + ]

1, 2. E. Persi et al. „Systems analysis of intracellular pH vulnerabilities for cancer therapy“, Nature Communications 2018 (9) 2997. DOI: 10.1038/s41467-018-05261-x
3. Ashatur. „Krebs, was ist das? Und warum es den garnicht geben kann, wenn unser Körper basisch ist.“ bewusst-vegan-froh.de, abgerufen am 8. August 2018, WebCite: www.webcitation.org/71WDObDZC

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