Gentechnische Experimente an Menschen? Wen interessierts!

Bild: Luma Pimentel [Public Domain] / Unsplash

Ein Wissenschaftler behauptet, im Alleingang genveränderte Babys erschaffen zu haben und das unheimlichste daran ist, dass es nur die Wissenschaftswelt empört. Was muss eigentlich noch passieren, damit wir endlich mal darüber reden, wie wir die Gentechnikwende gestalten wollen?

Wir können DNA beliebig verändern

Die Methode heißt Genom-Editierung, Gen-Schere oder auch CRISPR/Cas. Mit ihr lassen sich zielgenau Abschnitte im Erbgut aufspüren, herausschneiden und bei Bedarf durch neue ersetzen. Die Technik ist kostengünstig, leicht zu handhaben und so präzise, dass der Eingriff ins Erbgut nachträglich nicht mehr nachgewiesen werden kann. Entwickelt wurde sie im Jahr 2012 von Jennifer Doudna und Emmanuelle Charpentier. Die Forscherinnen entdeckten diesen Mechanismus in Bakterien, die sich damit vor der Infektion durch virales Erbgut schützen.

Seitdem wird die Genom-Editierung zu vielen Zwecken eingesetzt: Von der Entwicklung von Getreide, das weniger anfällig gegen Krankheiten ist,[1]Tweet von Robert Hoffie (@ForscherRobert), 4. Dezember 2018. über die Behandlung von Krebserkrankungen[2]Peter Leiner, „Erstmals Krebspatient mit Genschere behandelt“, ÄrzteZeitung, 23. November 2016. oder einfach nur, um Äpfel zu erzeugen, die nach dem Schneiden nicht so schnell braun werden.[3]Amy Maxman „Genetically Modified Browning-Resistant Apple Reaches U.S. Stores“, Scientific American, 7. November 2017.

Die Zeit lässt sich nicht zurückdrehen

Natürlich geht es beim Genome Editing letztendlich auch darum, Erbkrankheiten zu beseitigen und neue Therapiemöglichkeiten in der Medizin zu entwickeln. Wenn wir Pflanzen gegen bestimmte Viruserkrankungen genetisch resistent machen können, können wir das auch bei Menschen. Die Frage, die wir uns alle stellen müssen ist auch nicht, ob wir das tun sollten, sondern wie.

Mit seinem Urteil zu genomeditierten Pflanzen katapultierte der Europäische Gerichtshof (EuGH) Europa im Sommer 2018 zurück in die 90er Jahre.[4]Alina Schadwinkel „Dagegen aus den falschen Gründen“, ZEIT Online, 25. Juli 2018. Nach den Berichten über angeblich genomeditierte Menschen noch im Herbst desselben Jahres wirkt das Urteil umso anachronistischer.

Auf die Spitze getrieben bedeutet das EuGH-Urteil, dass es weniger bedenklich gewesen wäre, wenn Jiankui He die Embryos durch radioaktive Strahlung oder mutagene Chemikalien verändert hätte als mit einem gezielten Eingriff. Ausgerechnet die Wissenschaft war erstaunlicherweise der einzige Teil der Gesellschaft, der umgehend Stellung bezog und warnte, dass es noch zu früh sei, CRISPR an Menschen zu testen.

Der ARD-Brennpunkt, die Fernsehtalkshows, die Stellungnahmen von Kirchen und Umweltverbänden – haben bisher nicht ernsthaft stattgefunden. An mangelnder Brisanz kann es bei den genetischen Experimenten an menschlichem Leben nicht liegen.[5]Kathrin Zinkant „Zweifel an Crispr-Babys“, SZ Online, 5. Dezember 2018.

Dringende Fragen wären zu klären

Eine Bundestagsdebatte zu dem Thema wäre doch interessant gewesen.[6]Oliver Tolmein „Und sagten kein einziges Wort“ (Paywall), FAZ Online, 4. Dezember 2018. Ich hätte gerne erfahren, wie die jeweiligen Parteien dazu stehen, dass wir in diesem Augenblick dabei sind, menschliches Leben nach unseren Vorstellungen zu erschaffen.

Ist das aus christdemokratischer Sicht ethisch vertretbar? Wenn die Grünen sich einerseits aktiv gegen Agrar-Gentechnik aussprechen, anderseits Gentechnik an Embryonen aber nicht thematisieren, bedeutet das, dass sie den maßgeschneiderten Menchen billigen? Sehen die Liberalen hier möglicherweise einen neuen Marktsektor entstehen, der gefördert werden sollte? Hat Deutschland durch sein Erbe des Nationalsozialismus eine besondere Verantwortung, wenn es darum geht, Menschen nach unseren Vorstellungen erschaffen?

Es war seit Jahren abzusehen

Das Argument, es käme alles so plötzlich, zieht hier nicht. Schon vor zweieinhalb Jahren fragte Thea Dorn auf ZEIT Online, wieso sich eigentlich nichts in der Gesellschaft regt, während wir gerade auf molekularer Ebene dabei sind, das menschliche Leben neu zu definieren:[7]Thea Dorn „Wo bleibt der Aufschrei?“, ZEIT Online, 29. Juni 2016.

Warum verschläft die Öffentlichkeit, die doch sonst bereit ist, sich von jedem Unfug wenigstens für kurze Zeit aus ihrer Lethargie reißen zu lassen, just dieses Thema? Weil sie ahnt, dass es um eine echte Frage gehen könnte – und ihr Bedarf an echten Fragen mit der Sorge um die Zukunft Europas fürs Erste mehr als gedeckt ist? Weil sich die Wissenschaftler – trotz der Dringlichkeit ihrer Debatten-Aufrufe – um einen antireißerischen, antialarmistischen Ton bemühen, während heutzutage selbst die triftigsten aller Themen nur eine Chance haben, die Aufmerksamkeitsschwelle zu überschreiten, wenn sie als möglichst grelles Szenario über die Bildschirme flackern?

Selbst den jetzt eingetretenen Fall, dass HIV-resistente Menschen erschaffen würden, beschrieb sie. Zeit zum Reden gab es also genug. Aufforderungen und Angebote auch: Die Wissenschaftsorganisationen selbst weisen schon länger darauf hin, dass unser Gentechnikgesetz längst überholt ist[8]„Brauchen wir eine neue Gentechnik-Definition?“ Diskussionsveranstaltung von der Leopoldina, der Deutschen Forschungsgemeinschaft und dem Deutschen Ethikrat, 14. Februar 2017. und dass wir auch diskutieren müssen, wie der Embryonenschutz in der heutigen Wirklichkeit eigentlich funktionieren soll.[9]Martin Spiewak „Regelt das endlich!“, ZEIT Online, 18. Oktober 2017. Das zu klären ist nicht die Aufgabe der Wissenschaft – dazu braucht es schon die Gesellschaft und die Politik.

Trotz ständiger Angebote in den Medien, Diskussions-Plattformen, Blogs und in den sozialen Medien hat es das Thema nicht geschafft, im vergangenen halben Jahrzehnt ernsthaft in der Öffentlichkeit anzukommen. Und auch jetzt, wo der größte anzunehmende Unfall eingetreten ist, versagen wir als Gesellschaft gerade auf ganzer Länge dabei, über die Fragen zu diskutieren, die wir schon längst hätten beantworten können und sollen.[10]Marcus Anhäuser „CRISPR-Babys: Historischer Moment, verpatzt“, RiffReporter, 3. Dzember 2018.

… und dann sind alle überrascht

Vielleicht ist das aber auch nicht schlimm. Schließlich ging es uns so bei der Industrialiserung, der Motorisierung, der Elektrifizierung oder zuletzt bei der Digitalisierung: Eine Veränderung tritt ein und ein Vierteljahrhundert später fällt uns auf, dass das irgendwie kontrolliert werden sollte.

Wahrscheinlich wird es in 25 Jahren Unternehmen geben, die Kinder nach dem neuesten Stand der Technik erzeugen: frei von Erbkrankheiten, resistent gegen Infektionen, mit einem Erscheinungsbild nach Wunsch. Der Europäische Gerichtshof wird es dann verbieten oder stark einschränken, sodass die Leute dann ins Ausland reisen, um den Eingriff vornehmen zu lassen.

Irgendwann werden die dann lebenden, genetisch optimierten Menschen selbst Eltern sein und sich fragen, welche Auswirkungen es eigentlich für ihren Nachwuchs hat. Vielleicht werden bisher unbekannte Nebeneffekte sichtbar; einige dieser Menschen verklagen dann ihre Eltern oder die beteiligten Biotech-Unternehmen. Gerichte werden in Präzedenzfällen urteilen, für die es keine klare Rechtsgrundlage gibt. Dann werden Politikerinnen oder Politiker vielleicht sagen, dass diese Gentechnik für uns alle Neuland ist.

Quellen   [ + ]

1. Tweet von Robert Hoffie (@ForscherRobert), 4. Dezember 2018.
2. Peter Leiner, „Erstmals Krebspatient mit Genschere behandelt“, ÄrzteZeitung, 23. November 2016.
3. Amy Maxman „Genetically Modified Browning-Resistant Apple Reaches U.S. Stores“, Scientific American, 7. November 2017.
4. Alina Schadwinkel „Dagegen aus den falschen Gründen“, ZEIT Online, 25. Juli 2018.
5. Kathrin Zinkant „Zweifel an Crispr-Babys“, SZ Online, 5. Dezember 2018.
6. Oliver Tolmein „Und sagten kein einziges Wort“ (Paywall), FAZ Online, 4. Dezember 2018.
7. Thea Dorn „Wo bleibt der Aufschrei?“, ZEIT Online, 29. Juni 2016.
8. „Brauchen wir eine neue Gentechnik-Definition?“ Diskussionsveranstaltung von der Leopoldina, der Deutschen Forschungsgemeinschaft und dem Deutschen Ethikrat, 14. Februar 2017.
9. Martin Spiewak „Regelt das endlich!“, ZEIT Online, 18. Oktober 2017.
10. Marcus Anhäuser „CRISPR-Babys: Historischer Moment, verpatzt“, RiffReporter, 3. Dzember 2018.

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