Die Tropen der Skeptiker oder warum Wissenschaft sinnlos ist

Bild: Vu Thu Giang [Public Domain] / Unsplash

Der Ton in den Debatten um die Wirksamkeit der Homöopathie hat sich in den vergangenen Jahren drastisch verschärft – auf beiden Seiten. Dabei könnten gerade die heutigen Skeptiker und Skeptikerinnen viel von ihren antiken Namensgebern lernen. Denn es gibt keine Wahrheit. Alle, die sich für die Wahrheit einsetzen, sollten sich darüber im Klaren sein.

Keine Erkenntnis der Wirklichkeit

In seiner antiken Bedeutung war der Skeptizismus mehr als nur das Anzweifeln von Dingen. Vielmehr ging es um das kritische Hinterfragen. Dieser Unterschied ist wichtig, weil auch diejenigen, die Verschwörungstheorien anhängen, im ersten Sinn skeptisch sind. Denn sie zweifeln etabliertes Wissen an. Ebenso zweifeln viele, die Homöopathie befürworten, auch die Medizin an.

Aber: In der Medizin wird hinterfragt. Erkennt man, dass eine Behandlung nicht hilft, wird sie irgendwann nicht mehr benutzt. In diesem Sinne bedeutet skeptisch sein, eigene Irrtümer anzuerkennen und daraus zu lernen. Natürlich finden auch heutzutage trotzdem unwirksame und unnötige Behandlungen statt – denn auch hier schwören viele Praktizierende auf persönliche Erfahrungswerte oder veraltetes Wissen. Deshalb ist die Homöopathie aber nicht wirksam und die Erde auch keine Scheibe.

Einen Menschen von einem Irrtum zu überzeugen, ist nur möglich, wenn sich dieser Mensch auch überzeugen lassen will. Also bereit ist, sich selbst skeptisch zu hinterfragen. Denn es gibt keine absolute Wahrheit, auf die man sich berufen könnte. Die antiken Skeptiker erkannten das. Der griechische Philosoph Agrippa beschrieb dazu fünf sogenannte Tropen der Skepsis:

Erster Tropos: Dissens

Agrippa erklärt, dass Philosophen ständig im Streit über alle möglichen Behauptungen liegen. Daher gibt es keine Übereinstimmung und keine letztendliche Lehrmeinung. Dieses Stilmittel finden wir heute in den Medien, wenn etwa ein Klimawandel-Skeptiker gegen einen Klimaforscher argumentiert.

Dabei wird meistens außen vorgelassen, dass die überwältigende Mehrheit der Forschenden den Klimawandel als erwiesen betrachtet. Das Argument „darüber ist sich die Forschung noch nicht einig“ sagt letztendlich, dass es unmöglich ist, die Wirklichkeit eindeutig zu beschreiben. Dass das auch die eigene Beschreibung der Wirklichkeit betrifft, wird dabei sehr gerne ignoriert.

Zweiter Tropos: Regress ad infinitum

Jede Begründung einer Aussage braucht eine Begründung und das ist ein Problem. Auf die Weise haben die meisten von uns als Kinder mit der ständigen Frage „Und warum?“ unsere Eltern in den Wahnsinn getrieben. Irgendwann haben wir damit einfach aufgehört. Aber das Problem ist da und es ist nicht neu.

Dritter Tropos: Relativität

Wissen ist nie absolut. So müssen Theorien zwar bewiesen worden sein, um als Theorien zu gelten, aber sie müssen immer auch widerlegt werden können. Damit ist Wissen quasi zum Scheitern verurteilt – aber genau das ist eine Stärke, denn sie verhindert Beliebigkeit.

Für die Behauptung, dass es Gott gibt, können zum Beispiel eine ganze Menge Beweise angeführt werden. Aber es gibt keine Möglichkeit, diese Behauptung zu widerlegen. Darum ist die Existenz Gottes keine Theorie, sondern ein Glaubenssystem.

Ähnlich ist es, wenn behauptet wird, die Wirksamkeit von homöopathischen Mitteln wäre da, aber nur noch nicht zweifelsfrei nachgewiesen und auch noch nicht plausibel erklärt. Mit diesem Argument kann man tatsächlich jeden Unsinn behaupten – was auch mehr als genug getan wird.

Vierter Tropos: Dogmatische Setzung

Wenn jede Begründung selbst eine Begründung braucht, landet man zwangsläufig irgendwann bei einer Aussage, die nicht begründet werden kann. Diese könnte sein „Die Welt ist alles, was der Fall ist“, „Am Anfang war das Wort“, oder „Ist das dein Ernst?“

In der Wissenschaft erfüllen Postulate oder Axiome diesen Zweck. Sie sind im Grunde einfach nur Annahmen, die auf Beobachtungen basieren. Ein Beispiel dafür ist das dritte newtonsche Gesetz, laut dem für jede Kraft eine gleich große, entgegengesetzt wirkende Kraft auftritt. Dieses Gesetz wurde nicht hergeleitet, es wurde einfach nur als wahr angenommen.

Fünfter Tropos: Zirkelschluss

Es kann auch passieren, dass man sich mit Begründungen der eigenen Aussagen im Kreis dreht. Im Grunde genommen machen das die Wissenschaften, indem sie die Welt beschreiben. Denn um das tun zu können, muss man davon ausgehen, dass die Welt existiert und dass sie beschrieben werden kann.

In der Untersuchung der Wirklichkeit besteht also gleichzeitig die Vergewisserung darüber, dass es die Wirklichkeit überhaupt gibt. Das kann man als müßig betrachten.

Wer vernünftig ist, ist im Nachteil

Diese Tropen sind allesamt schlüssig. Sie sagen auch nicht, dass es die Wirklichkeit nicht geben würde. Aber sie sagen, dass es im Grunde genommen unmöglich ist, die Wirklichkeit zu erkennen. Genau das macht es schwierig, mit Esoterikerinnen und Esoterikern rational zu diskutieren. Denn hier steht tatsächlich eine begrenzte Auffassung über die Wirklichkeit einer anderen gegenüber.

Die Seite des kritischen Rationalismus hat dabei noch ein zusätzliches Problem: Sie ist nämlich grundsätzlich dazu bereit, die eigene Sichtweise zu hinterfragen und zu ändern. Wer das nicht tut, muss sich widerum den Vorwurf des Dogmatismus gefallen lassen und wird damit automatisch als rational kritische Person widerlegt.

Das wiederum ist kein Tropos, sondern ein Sophismus, mit dem man andere Sichtweisen geschickt aushebeln kann. Wer das nicht weiß, geht dieser Taktik schnell auf dem Leim. Die alten Griechen wussten offenbar schon Jahrtausende vor dem Internet, wie man auf hohem Niveau trollt.

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